Kinder

Mädchen missbraucht? Verdacht in Hamburger Kita

Kinder beim Spielen in der Kita (Symbol)

Kinder beim Spielen in der Kita (Symbol)

Foto: imago/Westend61

Es geht um die Methode „Original Play“. Traumatherapeutin: Einladung zu Übergriffigkeit gegenüber Kindern.

Hamburg. Es sind schwere Vorwürfe: In einer kirchlichen Kita im Hamburger Westen haben Eltern 2018 einen 54-jährigen Erzieher wegen angeblicher Übergriffe auf ihre dreijährige Tochter angezeigt. Der Pädagoge vertritt die umstrittene Lehre des „Original Play“, wo sich Kinder und Erzieher sehr nahekommen. Die Ermittlungen wurden inzwischen eingestellt, aber Fragen bleiben.

Die Anhänger der Methode sprechen von einer „Alternative zu Aggression“, von harmloser „Liebe und Freundlichkeit“: Beim pädagogischen Herumtoben nach der Lehre des „Original Play“ (ursprüngliches Spiel) sollen Kinder mehr Selbstvertrauen lernen und Ängste abbauen.

Risiko von Kindesmissbrauch

Die Behörden und einige Experten sehen in dem therapeutischen Spiel dagegen ein hohes Risiko von Kindesmissbrauch. Wie jetzt bekannt wurde, stand auch in Hamburg ein Erzieher im Verdacht, sich während des „Original Play“ an einem dreijährigen Mädchen vergangen zu haben. Die Sozialbehörde warnt vor der Methode, es werden Rufe nach einem Verbot laut.

Nach Berichten des ARD-Magazins „Kontraste“ und des österreichischen Fernsehsenders ORF soll es bereits im vergangenen Jahr in Hamburg und Berlin zu Ermittlungen wegen möglicher Übergriffe bei „Original Play“-Sitzungen gekommen sein. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft bestätigte auf Anfrage, dass nach einem Vorfall in einer evangelischen Kita im Hamburger Westen im Juli 2018 ein Ermittlungsverfahren geführt wurde.

Ermittlungen wurden im April 2019 eingestellt

Nach Abendblatt-Informationen hatte ein dreijähriges Mädchen seinen Eltern erzählt, dass es beim „Original Play“ zu unsittlichen Berührungen gekommen sei. Diese erstatteten Anzeige gegen den 54-jährigen Martin W. (Name geändert), der die betroffene Kita zuvor offenbar geleitet hatte und danach noch Kurse als freiberuflicher Erzieher in mindestens einer Gruppe durchführte. Die Ermittlungen wurden im April 2019 eingestellt, weil es laut Staatsanwaltschaft keinen hinreichenden Tatverdacht gab.

Gegenüber dem Abendblatt bekräftigt Martin W., dass an den Vorwürfen nichts dran gewesen sei: „Es hat keinen Übergriff und nicht einmal eine Situation gegeben, die missverständlich oder seltsam war. Ich bin seit mehr als zehn Jahren im Job und habe mit mehr als 1000 Kindern gespielt, nie gab es dabei solche Vorwürfe.“

Strafanzeige empfohlen

Der Träger der Kita, das evangelisch-lutherische Kitawerk Hamburg-West-Südholstein, hatte nach Angaben des Kirchenkreises Hamburg-West/Südholstein bereits unmittelbar nach dem ersten Verdacht umfassend reagiert. „Daraufhin wurde ein Kinderschutz-Verfahren durchgeführt, zu dem es auch gehört, eine externe Fachkraft für Kinderschutz einzubinden und die Heimaufsicht der zuständigen Hamburger Behörde und das Jugendamt zu informieren“, heißt es in einer Stellungnahme des Kirchenkreises. „Eine Kindeswohlgefährdung konnte dabei nicht erkannt werden“. Trotzdem sei der Mutter des Mädchens empfohlen worden, Strafanzeige zu erstatten, um eine „weitere Abklärung“ sicherzustellen. Das geschah dann auch. „Original Play“ sei bis Juli 2018 zeitweise in vier Einrichtungen angeboten worden.

Bereits im Sommer 2017 hatte die Sozialbehörde eine Beschwerde über „Original Play“ erreicht. Nach Abendblatt-Informationen ging es auch dabei um einen Kursus von Martin W. Teilnehmer eines Workshops hätten im Rahmen eines Praxistages in einer Kita mit den Kindern das „Original Play“ geübt. Dabei seien jedoch auch Kita-Mitarbeiter die ganze Zeit vor Ort gewesen.

Kurse sind sofort gestoppt worden

Dort seien die entsprechenden Kurse jedoch sofort gestoppt worden, der Träger habe die kritische Einschätzung der Behörde geteilt. „Auch bei weiteren Gelegenheiten hat die Behörde im Rahmen der Trägerberatung ihre Vorbehalte deutlich gemacht“, so ein Sprecher der Sozialbehörde. Die eigene Haltung zum „Original Play“ sei dabei von vornherein klar gewesen: „Wir halten diese Methode nicht für den Einsatz in Kitas geeignet und haben erhebliche Zweifel an dem pädagogischen Wert.“ Dennoch wurde die Methode offenbar zumindest in der evangelischen Kita, in der es später zur Verdächtigung kam, weiter angewandt. Auf freiberuflicher Basis bot Martin W. offenbar auch anderen Kitas jeweils Kurse des „Original Play“ an. Dies wurden jedoch laut Sozialbehörde abgelehnt.

Von Fachleuten wird kritisch gesehen, dass beim „Original Play“ zumeist Erwachsene mit Kindern in engen Körperkontakt kommen. Sie nehmen sich dabei unter anderem fest in die Arme und rollen sich herum. „In meinen Augen ist das eine Einladung zu Übergriffigkeit gegenüber Kindern“, sagte die Göttinger Traumatherapeutin Michaele Huber gegenüber ARD und ORF. Die Lehre wurde von dem US-Amerikaner Fred Donaldson entwickelt, ein in Österreich ansässiger Verein bietet dazu Workshops und Zertifizierungen an.

CDU-Politiker fordert Aufklärung

Auf der Website der „Original Play Foundation“ sind die ausübenden Pädagogen in „Mentoren“ und „Lehrlinge“ unterteilt, in letzter Kategorie auch der Hamburger Erzieher Martin W. sowie eine weitere in Hamburg aktive Pädagogin, die auch in Kirchenkreisen in Buchholz tätig war. Sie war ebenfalls nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Nach Abendblatt-Informationen bietet Martin W. im November einen „Original Play“-Workshop in Berlin an.

Der familienpolitische Sprecher der CDU-Fraktion in der Bürgerschaft, Philipp Heißner, hält weitere Aufklärung für nötig. Er fragte: „Wie kann es sein, dass solche fragwürdigen Praktiken über lange Zeit an Hamburger Kitas stattfinden, ohne dass die Sozialbehörde dies mitbekommt?“ Auch FDP-Familienexperte Daniel Oetzel forderte Aufklärung: „Kitas müssen für unsere Kinder ein geschützter Ort sein, ohne Wenn und Aber. Grenzüberschreitende ‚pädagogische‘ Methoden wie ‚Original Play‘ stellen diesen geschützten Raum infrage.“