Ermittlungen eingestellt

Bleibt der Tod eines Hamburger Obdachlosen ungesühnt?

Das Einkaufszentrum Mercado in Ottensen.

Das Einkaufszentrum Mercado in Ottensen.

Foto: Andreas Laible

Rene G. wurde im Sommer 2018 erschlagen, die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen eingestellt. Seine Schwester gibt nicht auf.

Hamburg. Gabriele Erbar hat alles getan, was sie als betroffene Angehörige tun konnte, um den oder diejenigen ausfindig zu machen, die ihren Bruder Rene totgeprügelt haben. Der 35-Jährige, der in Hamburg auf der Straße lebte, war im August 2018 erschlagen worden, irgendwo in der Stadt. Erbar hat im Internet nach Zeugen gesucht, sie hat eng mit der Hamburger Polizei zusammengearbeitet und den Fall vor sechs Monaten im Abendblatt publik gemacht. Doch alle Bemühungen waren bisher vergebens.

Jetzt hat auch die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen offiziell eingestellt – die Tat könnte also ungesühnt bleiben. „Wir sind allen Hinweisen nachgegangen, haben alle Ermittlungsansätze erschöpfend verfolgt. Aber im Endeffekt konnten wir keinen Täter ermitteln und den Fall nicht aufklären“, sagt Liddy Oechtering, Sprecherin der Hamburger Staatsanwaltschaft.

Trotz 2000 Euro Belohnung: Niemand weiß, wer Rene erschlagen hat

Sollten sich allerdings neue Anhaltspunkte ergeben – etwa indem sich doch noch Tatzeugen melden –, könnten die Ermittlungen unverzüglich wieder aufgenommen werden. „Von unserer Seite kann ich sagen, dass die Mordkommission alle Hebel in Bewegung gesetzt hat. Sie hat das soziale Umfeld des Opfers durchleuchtet und zahlreiche Personen befragt – leider ohne Erfolg“, sagt Oechtering.

Dabei hatte die Staatsanwaltschaft sogar eine Belohnung in Höhe von 2000 Euro ausgesetzt. Bisher hat sie die Ermittlungen unter dem Verdacht der „Körperverletzung mit Todesfolge“ geführt – hier liegt die Verjährungsfrist bei 20 Jahren.

Der Obdachlose wurde zuletzt vor dem Mercado in Ottensen gesehen

Die Tragödie nahm im Sommer 2018 ihren Lauf. Erst im Frühjahr war Rene G. mit seiner schwangeren Freundin von Bremen nach Hamburg gezogen. Zeugen haben ihn zuletzt an der Ottensener Hauptstraße gesehen. Dort hockt der 35-Jährige am 28. August mit seinen Kumpels vor dem Mercado-Center. Seine Hauptanlaufstelle ist aber das CaFée mit Herz, ein beliebter Obdachlosentreffpunkt an der Seewartenstraße auf St. Pauli.

Ganz in der Nähe, an der Bernhard-Nocht-Straße, bricht er am Vormittag des 30. August zusammen. Im Krankenhaus können die Ärzte nichts mehr für ihn tun, einen Tag später stirbt er. Bis heute weiß niemand, was zwischen dem 28. und dem 30. August geschah, und vor allem: warum Rene G. sterben musste.

Möglicherweise schleppte sich Rene G. zwei Tage lang sterbend durch Hamburg

Für einen eindeutigen Befund benötigt die Rechtsmedizin damals mehrere Wochen. Schließlich steht fest: Rene kam durch „massive Gewalteinwirkung“ ums Leben, unter der Wucht Dutzender Schläge und Tritte war unter anderem seine Milz gerissen.

Möglicherweise hatte sich der sterbende Mann bis zu zwei Tage lang durch die Stadt geschleppt. Unklar ist weiterhin, ob die Verletzungen von einem oder mehreren Tätern stammen. „Einiges deutet nach unseren Ermittlungen – insbesondere dem rechtsmedizinischen Befund – darauf hin, dass es mehrere Täter waren“, sagt Oechtering. Gesichert sei das jedoch nicht. Wie so vieles in diesem rätselhaften Fall.

Renes Schwester will nicht aufgeben und die Täter finden

Das Abendblatt erreicht Gabriele Erbar, Renes Schwester, in dieser Woche am Telefon. Aufgeben? Nein, das werde sie auf keinen Fall, sagt die 47-Jährige. Noch immer sucht sie im Internet nach Augenzeugen der tödlichen Prügelattacke – oder nach Menschen, die mehr darüber wissen als sie und die Polizei. Den Behörden wolle sie aber gar keinen Vorwurf machen. „Die Mordkommission hat viel getan, ist jeder Spur und allen Hinweisen, die von mir kamen, nachgegangen“, sagt Erbar. „Die Beamten haben Freunde befragt und auch an seinem früheren Wohnort Bremen ermittelt.“

Dass die intensiven Untersuchungen trotzdem keine greifbaren Ergebnisse zutage gefördert hätten, könne sie sich nur so erklären: „Entweder wollte niemand etwas sagen. Oder es weiß wirklich niemand etwas.“ Befremdlich mutet es allemal an, dass der Fall als „ungelöst“ in die Statistik eingehen könnte – schon allein, weil rund 90 Prozent der Tötungsdelikte aufgeklärt werden.

Erbar macht immer wieder auf das Schicksal ihres Bruder aufmerksam

Gabriele Erbar und ihr jüngerer Halbbruder wuchsen in Frechen auf. Sie hielten ihr Leben lang zusammen, auch nachdem Rene in die Obdachlosigkeit abgerutscht war. Immer wieder hat Erbar auf sein Schicksal aufmerksam gemacht, vor allem in den sozialen Netzwerken. „Da hieß es zuletzt häufig: Lass doch mal gut sein, ist schon ein Jahr her.“ Für Erbar klang das wie „wen inter­essiert das jetzt noch?“

Derartige Kommentare habe sie als sehr verletzend empfunden. Die Gewissheit, ihren Bruder durch einen Gewaltexzess verloren zu haben, ohne dass bisher ein Täter gefunden wurde, quäle sie jeden Tag. „Man lernt, damit zu leben“, sagt sie und ergänzt, „irgendwie damit zu leben.“

Ein Flyer soll neue Hinweise geben: "Wer hat meinen Mörder gesehen?"

Demnächst will Gabriele Erbar nach Hamburg fahren, um in Ottensen und auf St. Pauli Flyer aufzuhängen. Mit dem Steckbrief will sie in der Stadt weiter nach Zeugen der Tat suchen. Ein Freund habe ihn nach ihren Maßgaben gestaltet, sagt Erbar.

Der Zettel zeigt ein Bild ihres lächelnden Bruders, darunter ein Zeugenaufruf, verfasst in der Ich-Form. Eine Frage steht dort – eine, auf die es zurzeit keine Antwort gibt und vielleicht auch nie geben wird: „Wer hat meinen Mörder gesehen?“