Hamburg

Schwester sucht Zeugen: Warum musste Rene G. sterben?

Der Obdachlose Rene G. lebte erst kurz in Hamburg, als er getötet wurde.

Der Obdachlose Rene G. lebte erst kurz in Hamburg, als er getötet wurde.

Foto: Privat

Der Obdachlose wurde im August 2018 von Unbekannten zu Tode geprügelt. Die Polizei hat die Täter noch nicht gefunden.

Hamburg.  Als er noch lebte, hat es Gabriele Erbar genervt, wenn ihr jüngerer Bruder Rene mitten in der Nacht anrief, um ihr sein Herz auszuschütten. Das kam nicht selten vor, denn in Renes turbulentem Leben ging es eigentlich immer rund. Heute, sagt die 47-Jährige, würde sie alles dafür geben, dass ihr Handy nachts klingelt. Dass Rene anruft. Dass er sie mit seiner provokant-fröhlichen Art aufzieht oder ihr den neuesten Beziehungsklatsch erzählt.

Gabriele Erbar weiß, dass ihr kleiner Bruder nie wieder anrufen wird. Ende August 2018 wurde Rene G., 35 Jahre alt, in Hamburg totgeprügelt – von einem oder mehreren bisher unbekannten Tätern. Rene war obdachlos und seit vielen Jahren auf Platte. Gelöst hat die Polizei den Fall bisher nicht.

Gabriele Erbar sucht seit der tödlichen Attacke auf eigene Faust nach Tatzeugen. Regelmäßig veröffentlicht sie in Facebook-Gruppen wie Nett-Werk Hamburg Fotos ihres Bruders. Sie zeigen einen jungen Mann mit rundlichem Gesicht, mit Piercings und Ohrringen. Auf vielen Bildern sieht man ihn treuherzig lächeln. Sie hofft, dass jemand Rene erkennt. Jemand, der Ende August gesehen hat, wie er totgeschlagen wurde, und der helfen kann, das Verbrechen aufzuklären. „Ich kann den Gedanken einfach nicht ertragen, dass sein Tod ungesühnt bleibt“, sagt die 47-Jährige.

In einer Kleinstadt nahe Köln aufgewachsen

Vor allem erhofft sie sich eine Antwort auf die Frage nach dem Warum. Jeden Tag zerbreche sie sich den Kopf – darüber, was im Kopf des anderen, des Schlägers, vorging. Am 2. September 2018 standen Polizisten vor der Haustür ihrer Mutter in Frechen und überbrachten die Todesnachricht. Erst nach der Obduktion, Monate später, konnte Renes Leiche in seiner nahe Köln gelegenen Heimatstadt beigesetzt werden. Sein Grab zu besuchen kostet Erbar nach wie vor viel Überwindung. „Ich pack das nicht“, sagt sie, „es ist alles noch so präsent.“

Gabriele Erbar und ihr Bruder sind in der Kleinstadt Frechen aufgewachsen. Rene ist der Sohn ihrer Mutter und ihres Stiefvaters. Sie nimmt ihn mit auf den Spielplatz, wechselt ihm die Klamotten. Elf Jahre ist sie älter, sie trägt Verantwortung für den Kleinen. Zwischen den Halbgeschwistern wächst ein Band aus Stahl, „unzertrennlich“ seien sie gewesen. Mit 17 zieht Erbar zu Hause aus, Rene findet später bei seinem älteren Bruder in Berlin eine Bleibe. Doch die Me­tropole tut ihm nicht gut. Er stürzt ab. Drogen, Alkohol, die Trennung von seiner Freundin – am Ende landet Rene G. auf der Straße. Seine Schwester Gabriele führt in Frechen ein arbeitsames, ein bescheidenes Leben. Sie kriegt zwei Kinder und muss sich zeitweise mit zwei Jobs durchschlagen. Trotz der Alltags-Strapazen bricht der Kontakt zu Rene nie ab. Sie und ihre Mutter bleiben seine zentralen Bezugspersonen. Manchmal besuchen sie ihn, meist telefonieren sie.

Schwester hat ihn vor Hamburg gewarnt

Von Hamburg hatte Gabriele Erbar ihrem Bruder abgeraten. Warum, das weiß sie nicht so genau, sie sei überzeugt gewesen, dass die Stadt nichts für ihn ist: zu groß, zu anonym, „ganz andere Kaliber“ seien hier unterwegs, warnt sie ihn. Rene hingegen setzt große Hoffnungen in den Umzug von Bremen nach Hamburg, etwa ein halbes Jahr vor seinem Tod. Er träumt von einer heilen Welt, einer glücklichen Familie, als seine Freundin ein Kind erwartet. Es ist zwar nicht von ihm, aber er freut sich riesig. Hamburg muss es sein, weil im Umland zwei Kinder aus früheren Beziehungen seiner Partnerin leben. Ende März verlobt sich das Liebespaar, es hat sogar eine Wohnung in Aussicht. Renes Hauptanlaufpunkt ist da noch der Obdachlosentreff CaFée mit Herz an der Seewartenstraße. Dorthin schicken Gabriele Erbar und seine Mutter Pakete mit Tabak, Kleidung und Geld. Es läuft alles rund. „Er war so euphorisch, wollte eine Familie gründen und hat dafür sogar mit dem Trinken aufgehört“, sagt Gabriele Erbar.

Doch Mitte August 2018 geht die Beziehung zu seiner Freundin in die Brüche, und Rene G. fällt in ein tiefes Loch. Nur einen Monat nach seinem Tod habe sich seine Ex schon mit einem anderen Mann verlobt, sagt Erbar. Sie könne sich gut vorstellen, dass ihr Bruder nach der Trennung noch intensiv Kontakt zu seiner Freundin gesucht habe und mit dem Nebenbuhler in Streit geraten sei. „Sang- und klanglos hat sich Rene nie aus einer Beziehung verabschiedet“, sagt sie.

Rene war keiner dieser Trinker, die in einer Ecke im Rausch vor sich hin dämmerten. Wie mit einem Brennglas bündelte er die Aufmerksamkeit in einem Punkt – sich selbst. „Er war nicht aggressiv, aber mitunter anstrengend, er war sehr liebesbedürftig“, sagt Erbar.

Eine Vielzahl innerer Verletzungen

In Frechen, am Obdachlosentreff vor dem Netto-Markt, hatte er einen Spitznamen: „Terror“. Nicht, weil er Angst und Schrecken verbreitete, sondern weil er häufig überdreht wirkte und drauflos quasselte. Lernte er andere Leute kennen, sagte er immer dasselbe: „Ich bin Rene, ich bin geboren.“ Ihr Bruder habe gern provoziert, aber auf eine lustige Art und Weise, sagt Erbar. Von sich aus habe er zwar nie eine Prügelei angezettelt, doch wenn es nicht anders ging, habe auch er mit den Fäusten Kon­tra gegeben. „Rene hatte einen Kodex, er wusste immer, wann es reicht. Niemals hätte er auf jemanden eingeprügelt, der am Boden liegt.“

Ende August ist es Rene, der am Boden liegt, getroffen von Dutzenden Schlägen und Tritten. Sie sind so wuchtig, dass er eine Vielzahl innerer Verletzungen erleidet, unter anderem reißt seine Milz. Es ist ein Martyrium. Niemand weiß wo, wann und warum dieser Exzess passierte. Möglicherweise schleppt sich der sterbende Mann noch zwei Tage durch Hamburg. Zuletzt haben Zeugen Rene und andere Obdachlose am 28. August vor dem Mercado-Center an der Ottenser Hauptstraße gesehen – der 35-Jährige schien da noch bei Kräften zu sein. Am Vormittag des 30. August bricht er auf der Bernhard-Nocht-Straße zusammen, ganz in der Nähe des CaFée mit Herz. Im Krankenhaus können die Ärzte nichts für ihn tun. Rene G. stirbt einen Tag später.

2000 Euro Belohnung für Hinweise auf Täter

Bis die Mordkommission den Fall übernimmt, vergehen Wochen. Denn so lange benötigt die Gerichtsmedizin, um alle Fakten zusammenzutragen. Schließlich besteht kein Zweifel mehr: Rene kam infolge „massiver Gewalteinwirkung“ ums Leben. Die Beamten ermitteln zunächst im Randständigenmilieu wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Am 11. April veröffentlichen die Behörden, auf der Suche nach Zeugen, ein Foto des Getöteten. Zusätzlich setzt die Staatsanwaltschaft eine Belohnung in Höhe von 2000 Euro aus. „Polizei und Staatsanwaltschaft stehen im Kontakt zur Familie des Getöteten. Den bei der Polizei eingegangenen Hinweisen wird nachgegangen“, sagt Liddy Oechtering, Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Weitere Auskünfte könne sie „aufgrund der andauernden Ermittlungen“ nicht erteilen.

Für Gabriele Erbar waren die Monate nach Renes Tod eine Tortur, sie musste viel weinen. Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht an ihn denkt, nicht um ihn trauert. „Er war nicht für das Leben gemacht oder das Leben nicht für ihn, aber er war kein schlechter Mensch“, sagt sie. Rene sei vor allem nicht „irgendein Obdachloser“ gewesen, er fehle seiner Familie entsetzlich. An schlechten Tagen stellt sie sich vor, was ihr kleiner Bruder in seinen letzten Stunden durchmachen musste. An guten Tagen denkt sie daran, wie schön es war, wenn er zu Weihnachten und zu Karneval nach Hause ins Rheinland kam. Oder wenn mitten in der Nacht ihr Handy klingelte.