"Ottensen macht Platz"

Der große Streit um eine kleine autofreie Zone

Das Projekt „Ottensen macht Platz“ startete am 1. September mit einem Straßenfest.

Das Projekt „Ottensen macht Platz“ startete am 1. September mit einem Straßenfest.

Foto: Roland Magunia

Das Projekt in Ottensen spaltet das Viertel. Ein schlechtes Omen für die Verkehrswende-Pläne der Grünen in anderen Stadtteilen?

Hamburg. Die Mitarbeiter des Copyshops an der Ottenser Hauptstraße beobachten das Schauspiel Tag für Tag. Ein Auto fährt über das Kopfsteinpflaster, Sekunden später entbrennt ein wüster Streit zwischen dem Autofahrer und einem Fußgänger oder einem Radfahrer. „Fahrrad-Schlampe“, „Verkehrsfascho“, „Idiot“ – die Beleidigungen fliegen hin und her. „Irgendwann wird es die erste Schlägerei geben“, prophezeit ein Mitarbeiter des Ladens.

Vergiftet ausgerechnet ein ökologisches Projekt das gesellschaftliche Klima in Ottensen? Seit dem 1. September ist das Kerngebiet des Stadtteils weitgehend autofrei, nur noch Anwohner mit einem Stellplatz sowie Taxis und Krankenwagen dürfen rund um die Uhr in diese Zone, Lieferverkehr ist nur noch von 23 bis 11 Uhr erlaubt. Der Verkehrsversuch dauert noch bis Ende Februar.

„Ottensen macht Platz für schlechtes Benehmen“

Gemessen an den Mobilitätsplänen der Grünen, die in ihrem Wahlprogramm für das Zurückdrängen des Autoverkehrs werben, wirkt das Projekt „Ottensen macht Platz“ bescheiden – die betroffenen Straßen durchschreitet man in zehn bis 15 Minuten. Und doch zeigt das Projekt nach nur einem Monat wie unter einem Brennglas Chancen und Risiken einer Verkehrswende.

Im Facebook-Forum „Ottensen downtown“ mit 5964 Mitgliedern reicht inzwischen der harmlose Hinweis auf eine Abschleppaktion („Vielleicht liest das ja ein Betroffener und kann noch umparken“), um einen massiven Streit auszulösen, ob man Autofahrer warnen sollte, die offenbar illegal ihr Fahrzeug abgestellt haben. „Ottensen macht Platz für schlechtes Benehmen, schlechten Stil und schlechte Gedanken“, seufzt eine genervte Forums-Teilnehmerin.

Das Projekt trifft den Nerv der Bewohner

Aber es gibt eben auch die andere Seite der Medaille: Selten wurde in Hamburg so intensiv, so engagiert über das Thema Mobilität diskutiert. Das Projekt trifft den Nerv der Bewohner. Und je tiefer man in das Viertel hineinhorcht, umso mehr spürt man, dass trotz des Streits die Positionen in Wahrheit gar nicht so weit auseinanderliegen.

Ein Sonnabendmorgen im Kulturzentrum Motte an der Eulenstraße. Auf dem Boden liegt eine dicke 20 Quadratmeter große Folie mit dem Stadtplan von Ottensen. Die Stadtplaner Julian Petrin und Rudolf Klöckner, die mit ihren Agenturen das Projekt begleiten, haben zur Ideen-Werkstatt eingeladen. Das Foto auf den Karten, auf deren Rückseiten Vorschläge notiert werden können, wirkt wie eine Provokation: Es zeigt in Schwarz-Weiß die Ottenser Hauptstraße autofrei wie unbelebt, eine Atmosphäre, die Gegner des Projekts gern als gespenstisch geißeln. Doch das triste Bild soll signalisieren: Es gibt endlich Platz, reichlich Platz für neue Ideen.

Immer wieder die Forderung nach mehr Grün

Eine Frau, die sich beruflich mit Clownerie beschäftigt, plädiert für Kleinkunst auf dem Kopfsteinpflaster, ein Mann schlägt den Aufbau von Sportgeräten vor. Und immer wieder kommt die Forderung nach mehr Grün, die der Bezirk nun erfüllen will mit dem Aufbau von 15 bis 20 Containern mit Pflanzen.

Doch weder Pflanzen noch die ebenfalls versprochenen neuen Fahrradbügel werden die Probleme von Jochen A. Faiz lösen, dem Besitzer der Comet-Reinigung an der Ottenser Hauptstraße. „Ich habe viel Umsatz verloren“, sagt Faiz. Der große Hinweis vor seinem Geschäft, dass An- und Ablieferungen bis 11 Uhr mit dem Auto erlaubt seien, habe nichts genutzt: „Gerade große Kunden, die viel Wäsche bringen, wollen flexibel sein. Die fahren jetzt zur Konkurrenz.“ Auch der Copyshop gegenüber klagt über massive Einbußen: „Früher waren wir der Drucker von Hamburg, jetzt sind wir der Drucker von Ottensen.“ Wer kartonweise Flyer bestelle, komme nun mal lieber mit dem Auto.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass vor dem Versuch eben dieser Lieferverkehr oft im Graubereich stattfand. „Da behinderten diese Fahrzeuge den Verkehr, da die Parkplätze durch Dauerparker blockiert waren“, sagt Petrin. Dennoch bekümmern ihn und seinen Kollegen Klöckner die Probleme der Reinigung und des Copyshops; als Experten wissen sie, wie wichtig Kleingewerbe für die Lebensqualität eines Viertels ist. Petrin sieht „eine Handvoll Betriebe“ betroffen – darunter auch die Fahrschule in der Zone: „Für diese Firmen müssen wir an Lösungen arbeiten.“

Geklagt wird über pöbelnde Fußgänger und Radfahrer

Nur wie können diese aussehen? Ein Fonds aus Steuermitteln, um Umsatzeinbußen auszugleichen? Unrealistisch, da man kaum wird nachweisen können, dass allein der Verlust von Kunden mit Autos das Minus verursacht hat. Noch mehr Ausnahmegenehmigungen? Schon jetzt sorgen die Plaketten für Autos mit einem Stellplatz für Konflikte. Geklagt wird über pöbelnde Fußgänger und Radfahrer, die sich als „Hilfssheriffs“ aufspielen, bis hin zu Würfen mit Tomaten und Tritten gegen Autos.

Der Stadtplaner und Anwohner Klaus Mensing, der sich wie sein Bruder Ralf (Inhaber der Elefanten-Apotheken) in der Initiative „Ottensen bewegt“ gegen den Verkehrsversuch engagiert, fühlt sich in seinen negativen Prognosen bestätigt. Das Projekt sei in einer „Hauruck-Aktion“ entstanden, man hätte vorab viel mehr mit Anwohnern und Gewerbetreibenden reden müssen. Denn auch „Ottensen bewegt“ sei sehr wohl offen für bessere Mobilitätskonzepte. Jetzt aber habe sich die Situation für die Fußgänger durch das Überkleben der vorhandenen Zebrastreifen und aggressive Radfahrer eher verschärft.

Fehlt das „ganzheitliche Mobilitätskonzept“?

Hätte man also zunächst, wie von „Ottensen bewegt“ gefordert, für Anwohnerparken sorgen müssen? Fehlt das von der Initiative angemahnte „ganzheitliche Mobilitätskonzept“ für den Stadtteil? Stadtplaner Petrin sieht das anders: „Wenn wir eine Verkehrswende wollen, können wir diese nicht immer weiter verschieben. Wir brauchen diese Erkenntnisse aus dem Reallabor.“ Viele Befürworter des Projekts finden ohnehin, dass die Kritiker in der öffentlichen Meinung zu stark vertreten seien. „Daran sind wir aber auch selber schuld“, klagte ein Anwohner am Sonnabend bei der Ideenwerkstatt. In seinem Haus fänden alle Parteien das Projekt großartig, doch nur er engagiere sich.

Dabei muss man nicht lange suchen, um Gewerbetreibende und Anwohner zu finden, die die positive Zwischenbilanz des Bezirks („Das Projekt ist insgesamt sehr gut angelaufen. Das Straßenbild hat sich deutlich verändert“) teilen. „Die Ruhe ist sehr angenehm. Wir können die Ladentür offenlassen, früher war dies wegen des Verkehrs über dem Kopfsteinpflaster oft nicht möglich“, sagt Sönke Christiansen, Inhaber der Buchhandlung an der Bahrenfelder Straße. Es seien an Sonnabenden mehr Kunden gekommen. Sein Fazit: „Eine Rückkehr zur vorherigen Situation ist kaum noch denkbar.“

„Die Radfahrenden können entspannt die Straße benutzen“

Auch Heiko Weidemann von der Initiative „Ottensen gestalten“ lobt: „Der jetzt entstandene Platz und die Ruhe in den Straßen zeigen, wie dominant der Autoverkehr war. Jetzt ist es viel entspannter. Auch für die Fußgänger, die Radfahrenden können entspannt die Straße benutzen.“ Die Politik habe ein Zeichen gesetzt, „dass wir den Autoverkehr nicht länger einfach hinnehmen müssen“. Er fordert schärfere Kontrollen gegenüber Autofahrern wie Radfahrern, die die Regeln missachten: „Die Polizei sollte mehr Präsenz zeigen.“ Auf Abendblatt-Anfrage teilt die Polizei mit, dass vom 1. bis zum 24. September 415 Verstöße registriert wurden, in 285 Fällen seien die entsprechenden Verfahren eröffnet worden. Eine weitere Verschärfung der Kontrollen sei nicht geplant.

Ob und wie das Projekt am 1. März 2020 weitergehen wird, hängt entscheidend vom Bericht eines Teams der TU Harburg ab, das das Projekt wissenschaftlich begleitet – inklusive Verkehrszählungen. Diese werden spannend, denn offenbar verlagert sich der Verkehr in die Umgebung. Entsprechend oft staut es sich auf den engen Straßen abseits der Zone. „Es ist hier deutlich lauter geworden, es gibt mehr Abgase“, sagt eine betroffene Anwohnerin. Dennoch engagiert sie sich für das Projekt: „Wir brauchen die Verkehrswende.“