Krankenhäuser

Immer mehr Übergriffe auf Klinikpersonal in Hamburg

Notaufnahme der Asklepios Klinik Altona (Archivbild)

Notaufnahme der Asklepios Klinik Altona (Archivbild)

Foto: Marcelo Hernandez

Zahl der Angriffe auf Ärzte und Pfleger ist deutlich gestiegen. Was Kliniken und Politik unternehmen.

Hamburg. Die Krankenhäuser in Hamburg haben mit einer wachsenden Zahl von gewalttätigen Übergriffen oder Drohungen gegen Ärzte und Pflegepersonal zu kämpfen. „Wir stellen fest, dass die Übergriffe von Patienten auf andere Patientinnen und Patienten, Besucherinnen und Besucher sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter spürbar zugenommen haben“, sagte UKE-Sprecherin Saskia Lemm dem Abendblatt.

Die Rede ist sogar von einer geschätzten Verdopplung der Fälle in den vergangenen Jahren. Allerdings werden die Übergriffe bisher in vielen Kliniken bisher noch nicht systematisch erfasst, auch im UKE nicht. Wo dies aber bereits geschieht, zeigt sich bisweilen ein klarer Anstieg.

Zahl gewalttätiger Vorfälle in einer Klinik verdreifacht

So hat sich die Zahl gewalttätiger Vorfälle, bei denen Personal angegriffen oder bedroht wurde, etwa in der Asklepios-Klinik Nord, binnen eines Jahres mehr als verdreifacht. Wurden 2017 noch 32 solcher Fälle dokumentiert, so waren es 2018 bereits 101 – und allein im ersten Halbjahr 2019 schon 82.

Diese Zahlen hat der Senat jetzt in der Antwort auf eine Kleine Anfrage des AfD-Bürgerschaftsabgeordneten Harald Feineis veröffentlicht. Allerdings gibt es bisher keine systematische Datenerfassung in allen Kliniken. Diese aber wird auch von der Hamburger Ärztekammer gefordert.

Ärztekammer will Datenlage jetzt genau analysieren

Die Kammer analysiere derzeit die Datenlage „mit dem Ziel, eine relevante Datenbasis zu schaffen“, sagte Ärztekammerpräsident Pedram Emami dem Abendblatt. „Wir wissen aber aus einzelnen Berichten, dass es ein großes Dunkelfeld geben muss, nur können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch keine realistische Aussage treffen.“ Eine Datenerhebung sollte „für alle Gesundheitsberufe zwingend erfolgen“, so Emami.

Die Zunahme von Übergriffen auf Klinikmitarbeiter hat auch die Gesundheitsbehörde auf den Plan gerufen. „Wir verfolgen die Gewaltausübung gegen medizinisches Personal, aber auch gegen Pflegerinnen und Pfleger sowie Angehörige, nehmen diese sehr ernst und sind mit den Krankenhäusern diesbezüglich in regelmäßigem Austausch sind“, sagte Behördensprecher Dennis Krämer.

„Die Behörde begrüßt, dass die Krankenhäuser vielfältige und geeignete Maßnahmen zum Schutz ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter getroffen haben sowie die Bemühungen, diese zusätzlich zu verstärken.“

Übergriffe: UKE hat Alarmnotrufe installiert

Bisher führen viele Kliniken keine gesonderten Statistiken zu Übergriffen auf Ärzte und Pflegepersonal. Auch ohne diese sprechen Kliniken allerdings von einer Zunahme gewalttätiger Vorkommnisse – und haben bereits Gegenmaßnahmen getroffen. So erklärt UKE-Sprecherin Saskia Lemm, in Anbetracht einer spürbar gestiegenen Zahl von Übergriffen, "wurden in der Zentralen Notaufnahme des UKE sowie in der Werner und Michael Otto Universitätskinderklinik in den Jahren 2017/2018 Alarmnotrufsysteme installiert.“

Zudem gebe es „insbesondere für das medizinische Personal der Zentralen Notaufnahme und das der Akutpsychiatrie Schulungen zur Prävention und Deeskalation bei drohender Aggression und Gewalt“. Die Zunahme der Übergriffe lässt sich wohl auch an der Zahl der Einsätze des Sicherheitsdienstes im UKE ablesen. Im Frühjahr war nach einem Einsatz des Sicherheitsdienstes dort ein Patient verstorben. Laut Klinik laufen in diesem Fall die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft noch.

Auch Asklepios spricht von gestiegener Aggressivität

Während in der Asklepios Klinik Nord der drastische Anstieg von 32 Übergriffen im Jahr 2017 auf 101 im vergangenen Jahr und schon 82 im ersten Halbjahr 2019 genau dokumentiert wurde, liegen für andere Asklepios-Kliniken nur teilweise Zahlen vor. Diese sind deutlich niedriger als die aus der AK Nord, die nach Aussagen des Unternehmens vor allem aufgrund der dortigen großen Psychiatrie stark von Übergriffen betroffen ist.

Gleichwohl nimmt man auch bei Asklepios ein gestiegenes Aggressionspotenzial wahr. Dabei geht es nicht immer gleich um Tätlichkeiten, aber doch um einen rüder werdenden Umgang mit dem Klinikpersonal.

Viele Übergriffe besonders in der Psychiatrie

„Wir sind mit der Tatsache konfrontiert, dass der Ton in den Notaufnahmen und auf den Stationen in den vergangenen Jahren deutlich rauer geworden ist und sich unsere Mitarbeiter teilweise respektlos behandeln lassen müssen, obwohl sie doch Helfer in der Not sind“, sagte Asklepios-Sprecher Mathias Eberenz dem Abendblatt. „Insofern funktionieren die 5000 Aufkleber aus der Abendblatt-Aktion ,Seid nett zueinander’, die wir in unseren Hamburger Kliniken verteilt haben, als kleine Erinnerung für unsere Patienten, ihre Angehörigen und unsere Kollegen daran, worauf es ankommt, damit menschlicher Dialog gut gelingen kann.“

Der deutliche Anstieg der echten Übergriffe im AK Nord hat laut Eberenz spezielle Gründe. „Die Steigerung ist im Wesentlichen auf die Psychiatrie in Ochsenzoll zurückzuführen“, so der Sprecher. „Hierfür gibt es zwei Gründe: Zum einen ist die Anzahl der richterlich verfügten Zwangseinweisungen in den letzten Jahren konstant gestiegen. Darüber hinaus wird bei diesen Patienten eine Medikation gegen deren Willen von den Richtern erst nach frühestens zwei Wochen genehmigt, so dass wir vermehrt hochakute Patienten haben, welche nicht hinreichend mediziert sind oder werden dürfen.“ Zudem würden die Übergriffe seit einer Weile systematisch dokumentiert.

Ärztekammer will Datenerhebung verpflichtend machen

AfD-Gesundheitspolitiker Harald Feineis, der zum Thema mehrere Anfragen an den Senat gestellt hat, bezeichnete die „Gewalt gegen Helferinnen und Helfer und auch gegen Retterinnen und Retter“ als „besonders perfide“. Der Senat müsse „sofort deutlich mehr leisten, um ihnen Schutz und Sicherheit zu gewährleisten, damit das Krankenhauspersonal ungestört arbeiten kann“, sagte Feineis. „Diese so wichtige Berufsgruppe darf nicht im Stich gelassen werden.“

Die Ärztekammer Hamburg wies darauf hin, dass sie das Thema „Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte sowohl auf regionaler wie auf Bundesebene in den Gremien“ bewege. Es handle sich „um ein Thema, welches das gesamte Gesundheitswesen betrifft und als solches auch behandelt werden sollte“. Die Datenerhebung sollten „für alle Gesundheitsberufe zwingend erfolgen“.