Shanghai-Reise

Tschentscher stellt Hamburgs Vision von der Science City vor

Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) unterzeichnete mit Shanghais Vizebürgermeister Xu Kunlin Hamburgs Vision ein Memorandum.

Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) unterzeichnete mit Shanghais Vizebürgermeister Xu Kunlin Hamburgs Vision ein Memorandum.

Foto: Matthias Iken

Tag drei der Delegationsreise nach Asien: Hamburg wirbt mit Science City in Bahrenfeld. Shanghai eilt als High-Tech-Standort voran.

Hamburg/Shanghai. Wir leben in seltsamen Zeiten. Es ist keine Generation her, da galt China als Dritte-Welt-Land - und so mancher Besucher oder Investor aus Hamburg mag sich wie ein Entwicklungshelfer gefühlt haben. Wer heute durch die chinesische 24-Millionen-Menschen-Metropole reist, wähnt sich in einem Übermorgenland. In einem atemberaubenden Geschwindigkeit hat sich die Stadt in eine Weltmetropole verwandelt, geprägt durch ein hypermodernes Stadtbild farbiger Wolkenkratzer, vor allem aber durch die omnipräsente Dynamik und Digitalisierung: An dem Ampeln werden auf einem Display Rotlichtsünder angeprangert, allgegenwärtige Kameras überwachen den Verkehr, am Flughafen stehen biometrische Scanner. Schöne neue Welt.

Innerhalb weniger Jahre hat sich China – allen voran Shanghai als Vorreiter – in die Zukunft katapultiert. Eine zentrale Rolle spielen dabei Technik und Wissenschaft. "Shanghai ist eine Stadt, die sich zu einem Knotenpunkt der Innovation in Wissenschaft und Technologie mit globalem Einfluss entwickelt hat", sagte Zhang-Jiang vom National Science Center and Hub of Innovation am Dienstag bei einer Präsentation an der Shanghai Tech-University. Die Zahlen sind beeindruckend: Allein 440 Forschungs- und Entwicklungs-Institute haben ihren Sitz in Shanghai, 64 Hochschulen und Universitäten mit mehr als 500.000 Studenten. In eigenen Smart Citys soll die Zukunft in Beton gegossen werden.

Tschentscher präsentiert Vision von der Science City


Angela Titzrath, Vorstandschefin der HHLA, hatte am Montag erklärt: "Chinas Gegenwart zeigt Deutschlands technologische Zukunft." Und André Trepoll, CDU-Fraktionschef und Teilnehmer der Delegation, sagt: "Man merkt, wo die Weichen für die Welt gestellt werden. Mich beeindruckt dieser Zukunftshunger."

Da will Hamburg nicht zurückstehen und präsentierte seine Vision von der Science City in Bahrenfeld. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) stellte das Großprojekt den chinesischen Partnern vor. „Wir sind keine Museumsstadt. Mit der Science City entwickeln wir in Hamburg einen ganzen Stadtteil zu einem Zentrum der Grundlagenforschung und angewandten Wissenschaft, einen Inkubator für Innovation und Technologietransfer." Dies sei das wichtigste urbane Projekt in Hamburg und ein "Leuchtturm für die Zukunft".

Tschentscher zur Grundlagenforschung: Da sind wir Weltspitze

So sollen in der Science City Bahrenfeld bis 2050 Wohnungen und Erholungsräume für Studenten, Wissenschaftler und Kreative entstehen. "Dies alles sind beste Standortbedingungen für wissenschaftliche Einrichtungen, Start-Ups und innovative Unternehmen, mit Laboren und modernen Arbeitsplätzen für kluge Köpfe aus der ganzen Welt", betonte der Bürgermeister.

Hamburgs Stärke sei die Grundlagenforschung. "Da sind wir Weltspitze. Nun müssen wir auf Anwendungen setzen." Kritisch hingegen sieht der promovierte Mediziner Europas Stellung bei Künstlicher Intelligenz (KI). "Da hat Europa komplett den Zug verpasst", sagte Tschentscher im Gespräch mit dem Abendblatt.

Zahlen geben ihm recht: Demnach hat China im vorvergangenen Jahr 7,5 Milliarden Dollar in die Kerntechnologie von KI investiert, die USA kommen auf 5,8 Milliarden - während der gesamte Rest der Welt zusammen nur rund zwei Milliarden ausgegeben hat. "Künstliche Intelligenz ist der Megatrend der kommenden Jahre, in dem sich gerade für junge Menschen viele Jobmöglichkeiten ergeben werden", sagt Wolfgang Hildesheim, Leiter KI bei IBM, ebenfalls Teilnehmer der Delegation. "Künstliche Intelligenz ist für die exportorientierte deutsche Wirtschaft von zentraler Bedeutung." Er fordert eine "nationale Kraftanstrengung".

Das Wetter – noch ein Standortvorteil Hamburgs

Tschentscher setzt auf die europäischen Stärken in den Bereichen IT, Natur- und Biowissenschaften. Der Wissensstandort Hamburg profitiere zudem von seiner hohen Lebensqualität, sagt er.

Und noch einen weiteren Vorteil hat die Hansestadt im Vergleich zu Shanghai: Während Hamburg den Spätsommer genießt, erinnert die chinesische Hafenstadt an eine große Freiluft-Dampfsauna bei 36 Grad im Schatten und mehr als 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Das Wetter gereicht Hamburg zum Standortvorteil - wir leben in seltsamen Zeiten.

Memorandum unterzeichnet

Bei seinem Besuch in Shanghai hat Bürgermeister Peter Tschen­tscher mit dem Vizebürgermeister Xu Kunlin der Großstadt ein Memorandum über die städtepartnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Hamburg und Shanghai unterzeichnet.

Neben der Vertiefung der Kooperationen in Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft wollen beide Partnerstädte zukünftig auch im Bereich der digitalen Stadtentwicklung stärker zusammenarbeiten.

Festgehalten wird im Memorandum aber auch die Absicht, das 2008 eröffnete Teehaus an der Rothenbaumchaussee wieder zu einer bedeutenden Institution im deutsch-chinesischen Austausch zu machen.

Zur Feier des 35. Geburtstags der Städtepartnerschaft lud Tschentscher Shanghai ein, 2021 Partnerstadt des Hafengeburtstags zu werden.