Hamburg

Autos raus aus Ottensen: Das große Verkehrsexperiment

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Matthias Popien
Geparkte Autos an der Bahrenfelder Straße: Ab September kein gewohntes Bild mehr.

Geparkte Autos an der Bahrenfelder Straße: Ab September kein gewohntes Bild mehr.

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt / Hamburger Abendblatt

Ab September gilt in mehreren Straßen Durchfahrtsverbot für Autos. 163 Parkplätze fallen weg. Bilanz in sechs Monaten geplant.

Hamburg.  In rund sechs Wochen soll es losgehen. Ottensen startet ein Verkehrsexperiment, das es in dieser Form in Hamburg noch nicht gegeben hat. Einige Straßen westlich der Fußgängerzone am Altonaer Bahnhof sollen für sechs Monate autofrei werden. Niemand darf dort parken, fast niemand darf dort mehr durchfahren. „Die Straße tut so, als sei sie eine Art Fußgängerzone“: Mit diesem knappen Satz beschreibt Altonas Bauamtsleiter Johannes Gerdelmann das Experiment. Einen wichtigen Unterschied gibt es allerdings: Hier wird – anders als in den Innenstädten der Metropolen – die Fußgängerzone nicht geschaffen, weil das Einkaufen schöner werden soll. Sie wird geschaffen, weil das Leben schöner werden soll.

Ob es gelingt? Das wird vermutlich die entscheidende Frage sein, die am Ende des Verkehrsexperiments zu beantworten ist. Geht es ohne Auto? Ist es ohne Auto sogar besser als mit? Sollte also das Experiment zur Dauereinrichtung werden? Oder muss alles wieder zurückgedreht, weil wir doch nicht ohne Auto leben können? Im kleinen Ottensen geht es in den sechs Monaten von Anfang September bis Ende Februar tatsächlich um die großen Verkehrsfragen dieser Zeit.

Viele Details gilt es noch zu klären, bis das Autofrei-Experiment starten kann

Bis zum Start ist allerdings noch eine ganze Menge zu erledigen. Die Verwaltung hat nicht viel Zeit gehabt, um den Beschluss der Bezirksversammlung umzusetzen. Der stammt von Ende März, trägt die Überschrift „Mobilität weiter denken“ und dachte nicht nur weiter, sondern machte weiter. So wurde aus dem anfänglich von Bürgern aus dem Stadtteil geplanten Vier-Wochen-Experiment eine deutlich folgenreichere Halbjahres-Angelegenheit. Seitdem wird auf Hochtouren geplant. Einige Details stehen bereits fest, andere müssen noch geregelt werden.

Zunächst die Fakten: In den für den Autoverkehr gesperrten Straßenabschnitten und in den Nebenstraßen gibt es etwa 2500 Haushalte und etwa 200 Gewerbebetriebe. 163 Parkplätze werden wegfallen. Diejenigen, die in den gesperrten Straßen wohnen und ein Auto besitzen, müssen es außerhalb der Zone parken. Entweder in Nachbarstraßen, die allerdings auch jetzt schon zugestellt sind, oder in einem Parkhaus.

Das Bezirksamt hat Gespräche mit den Parkhäusern im Zeisehof, am Altonaer Bahnhof und in der Schillerstraße geführt. „Dort gibt es Parkplätze für 75 bis 85 Euro pro Monat“, sagt Bauamts-Sachbearbeiterin Flavia Suter. Ob diese Möglichkeit von den Betroffenen genutzt wird, ist unklar. Neben den Kosten dürfte auch die Lage wichtig sein. Das Parkhaus Schillerstraße liegt östlich vom Bahnhof. Wer dort parkt, hat einen längeren Fußweg vor sich.

Nur wenige Anwohner in Ottensen haben ein eigenes Auto

Tatsache ist, dass in Ottensen eine ziemlich niedrige Autodichte herrscht – wenn man nur die Bewohner berücksichtigt. „Nur 27 Prozent von ihnen haben ein Auto“, sagt Johannes Gerdelmann. Dass die Ottenser Hauptstraße und die Bahrenfelder Straße dennoch ständig vollgeparkt sind, liegt nicht an den Anwohnern, sondern an der Kundschaft der Restaurants und Geschäfte. Sie müssen künftig ebenfalls draußenbleiben. Auch Taxifahrten sind in der autofreien Zone nicht erlaubt. Dasselbe gilt für Essenlieferanten, Kurier- und Paketdienste.

„Wir werden Pick-up-Points an den Eingängen der Zone anlegen“, sagt Flavia Suter. Mit anderen Worten: Kunden müssen einen kleinen Weg zu Fuß zurücklegen, um zum Taxi oder vom Taxi nach Hause zu kommen, Paket- und Pizzaboten ebenfalls. Schwerbehinderte behalten selbstverständlich ihre Behindertenparkplätze, soweit sie ihnen persönlich zugeordnet sind. Die anderen Behindertenparkplätze sollen an den Anfang der Zone verlegt werden.

Eine Absperrung mit Schranke wird es nicht geben

Eine Absperrung des autofreien Gebiets etwa mit einer Schranke wird es nicht geben. Das ist schon allein deshalb schwierig, weil der Notarzt natürlich weiterhin vorfahren können muss und das auch ohne Zeitverzögerung tun soll. Geplant ist, am Anfang der Zone Schilder und Sitzgelegenheiten aufzustellen, die den Autofahrern signalisiert: Hier beginnt etwas, bei dem ich mich herauszuhalten habe. Wer dennoch hineinfährt, riskiert ein Bußgeld.

Ganz autofrei werden die Straßen dennoch nicht sein. Natürlich gibt es einen Lieferverkehr, von 23 bis 11 Uhr ist er erlaubt. Möglicherweise gibt es für einige Läden Sonderregelungen. Wie soll etwa der Fleurop-Lieferdienst des Blumengeschäfts funktionieren? Wie kommen die Medikamente zur Apotheke? Das sind Detailfragen, die Flavia Suter gerade stark beschäftigen.

Zum Start ein Nachbarschaftsessen – auf der Straße

Am Ende all dieser Dinge liegt – eine autofreie Straße. Eine Straße für Fußgänger. Das Radfahren ist zwar erlaubt – auch das ist ein Unterschied zu herkömmlichen Fußgängerzonen. Flavia Suter sagt aber: „Allerdings sollte nicht gerast werden. Unsere Empfehlung lautet: Schrittgeschwindigkeit.“ Denn das neugewonnene Terrain – die Straße und die Parkbuchten – ist zum Leben da.

Mit einem großen Nachbarschaftsessen auf der Straße soll das Experiment im September starten. Die Bürgersteige, das Kopfsteinpflaster – das bleibt erst einmal so. Eine Spielfläche entsteht. Wer sie bespielt und womit er das tut, wird sich zeigen. „Wir wünschen uns viele Ideen von den Ottenser Vereinen und von den Anwohnern“, sagt Suter. Bürger erobern die Straße: Auch das könnte das Motto des Ottenser Experiments sein.

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