Stadtverkehr

Was die Politik für Hamburgs Fußgänger tun will

Sonja Tesch, die  Vorsitzende des Vereins Fuss e.V. , an einer unübersichtlichen und engen Stelle des Fußweges an der Stresemannstraße.

Sonja Tesch, die Vorsitzende des Vereins Fuss e.V. , an einer unübersichtlichen und engen Stelle des Fußweges an der Stresemannstraße.

Foto: Thorsten Ahlf / THORSTEN AHLF / FUNKE FOTO SERVICES

Nach Radfahrern sind nun Fußgänger in den Fokus der Politik gerückt. Der Platz auf den Straßen müsse neu verteilt werden.

Hamburg. Allein die Frage, warum sie für die Rechte der Fußgänger kämpft, scheint Sonja Tesch zu überraschen. „Na, weil ich Fußgängerin bin“, sagt sie. Und setzt nach: „Das sind wir doch alle.“ Was für die 77-Jährige eine bewusste Entscheidung, eine Überzeugung, eine Haltung ist, ist für viele andere eine Selbstverständlichkeit. „Und das ist vielleicht das Problem“, glaubt Tesch, Sprecherin von FUSS e. V. in Hamburg.

Die Mitgliederzahlen des Vereins sind sehr überschaubar. Im Vergleich zu den Mitgliedern der Auto- und Fahrrad-Clubs ADAC oder ADFC liegen sie im Grunde in einem nicht darstellbaren Bereich. Lobbyarbeit für eine Gruppe, die offenbar oft gar nicht weiß, dass sie eine Lobby braucht, scheint kein leichtes Unterfangen zu sein.

Hamburgs Grüne machen Fußgänger zum Schwerpunktthema

Doch offenbar ändert sich das gerade. Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit und damit auch das Thema Verkehrswende sind so aktuell wie nie. Davon haben in den vergangenen Jahren vor allen Dingen die Fahrradfahrer profitiert, die sich über ausgebaute Velorouten und vielerorts über verbreiterte Radwege freuen konnten. Und nach den Fahrradfahrern sind jetzt offenbar die Fußgänger dran.

Hamburgs Grüne haben das Thema Fußverkehr inzwischen zum Schwerpunktthema ausgerufen. Laut Anjes Tjarks, Fraktionsvorsitzender der Grünen-Bürgerschaftsfraktion, plane man eine „hamburgweite Fußverkehrsstrategie, um Fußgänger als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer in den Fokus zu rücken.“

Die Gründe für den neuen Schwerpunkt liegen für Tjarks auf der Hand. „Manche sind nur Radfahrer, manche nur Autofahrer, aber wir alle sind Fußgänger. 27 Prozent der Wege werden zu Fuß zurückgelegt. Das war immer bekannt, nur wurde das Thema von der Politik nicht systematisch angegangen.“

Auch die CDU schaut zunehmend auf Fußgänger

Das wollen die Grünen nun ändern. Aber nicht nur sie. Auch die Verkehrsbehörde hat das Thema auf der Agenda, ebenso wie das gerade erst vorgestellte Mobilitätskonzept der Hamburger CDU, das den Fußgängerverkehr in den Fokus gerückt hat. „Wir wollen den Anteil der in Hamburg zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegten Wege von heute 42 auf 50 Prozent steigern“, so Sören Niehaus, Referent der Bürgerschaftsfraktion.

Glauben Sie, dass sich die Politik ausreichend für die Belange der Fußgänger einsetzt?

Um das zu erreichen, sieht das Konzept etwa ein „Bündnis fürs Zu-Fuß-Gehen und bessere Gehwege“ vor, eine Sanierungsoffensive der Gehwege, eine Verringerung der Wartezeiten an den Ampeln und eine Beleuchtungsoffensive gegen dunkle Ecken und Plätze.

"Die Straße muss vom Rand aus gedacht werden"

Sonja Tesch von FUSS ist vorsichtig optimistisch. „Bisher fanden unsere Schreiben an die Behörde oder die Bezirke nicht sehr viel Resonanz“, so Tesch. Wenn sie durch die Straßen geht – ein Fahrrad besitzt sie nicht –, dann muss sie sich jedenfalls noch oft ärgern. Zum Beispiel an der Stresemannstraße, Ecke Juliusstraße. „Da wurde ein neuer Radweg gebaut, allerdings mit dem Ergebnis, dass der Gehweg viel schmaler geworden ist. Das kann doch so auch nicht richtig sein“, sagt sie.

Fälle wie dieser würden zeigen, dass Verkehrspolitik immer noch „von der Mitte nach außen“ gedacht wird, also von der Fahrbahn zum Gehweg. „Erst wird geschaut, dass die Autos genug Platz haben, und der Rest soll sich dann drum herum sortieren. Dabei müsste es genau andersherum sein. Die Straße muss vom Rand aus gedacht werden“, so Tesch. Und so sei eine „echte Verkehrswende“ eben nur möglich, wenn wirklich neu gedacht werde. Und „wenn einer Platz macht“. Dass Tesch damit den Autoverkehr meint, muss sie im Grunde gar nicht mehr sagen.

Es wird eng fürs Auto auf Hamburgs Straßen

Im Platzkampf auf den Straßen wird es für den bisherigen Platzhirsch Auto zunehmend eng. Auch Anjes Tjarks sagt: „Am Ende läuft es aber darauf hinaus, dass wir Platz schaffen müssen, um die Verkehrswende hinzubekommen. Und das geht nur, indem der Autoverkehr verringert wird.“

Aber mehr Platz ist nicht das einzige Thema. Tjarks nennt als weitere Themenfelder Barrierefreiheit, mehr Aufenthaltsqualität, bessere Querungen etwa durch komfortablere Sprunginseln, kürzere Rotphasen bei der Ampelschaltung oder einfach nur schöner und ebener gestaltete Gehwege.

Grüne planen weitere Orte mit mehr "Aufenthaltsqualität"

„Im Bezirk Nord haben wir bereits ein Fußverkehrskonzept für Hoheluft-Ost und Alsterdorf entwickelt. Diese sollen sobald wie möglich in die Praxis umgesetzt werden“, so Tjarks. Auch in Hamburg-Mitte seien drei Konzepte in Planung: in der Neustadt, für das Billstedter Zentrum und in St. Georg. „Zusätzlich zu bereits geplanten autofreien Zonen in Ottensen und in der Hamburger Altstadt gibt es weitere potenzielle Orte, an denen der Fußgängerverkehr ausgeweitet und die Lebens- und Aufenthaltsqualität deutlich erhöht werden könne, so Tjarks. Etwa am Burchardplatz am Chilehaus oder an der Eppendorfer Landstraße. „Wir wollen neue Verkehrsführungen ausprobieren und nach der besten Lösung suchen.“

Auch andere Städte und Kommunen haben das Thema Fußverkehr für sich entdeckt. In Berlin etwa ist ein Fuß­verkehrsgesetz in Planung, in Leipzig gibt es einen Fußverkehrsverantwort­lichen – in etwa das Pendant zu Hamburgs Radverkehrskoordinatorin. Doch wie Anjes Tjarks ankündigt, soll ihr Aufgabenfeld in der kommenden Legislaturperiode erweitert werden – um den Bereich Fußverkehr.