Medizin

Praxis ohne Grenzen – eine Klinik mit Herz

Professor Peter Ostendorf, hier mit Schwester Brigitte Kikisch, hat die Praxis ohne Grenzen gegründet. Sie finanziert sich über Spenden.

Professor Peter Ostendorf, hier mit Schwester Brigitte Kikisch, hat die Praxis ohne Grenzen gegründet. Sie finanziert sich über Spenden.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Seit fünf Jahren helfen Professor Ostendorf und sein Team Menschen ohne Krankenversicherung. Auch etliche Kinder sind darunter.

Hamburg.  Fünf Jahre wird die Praxis ohne Grenzen in diesen Tagen alt. Das bedeutet fünf Jahre ehrenamtlicher Einsatz von unzähligen Ärzten, Schwestern, Dolmetschern und Sozialarbeitern. Und es bedeutet knapp 20.000 Patienten, denen die engagierten Hamburger helfen konnten. „Aus einer kleinen Hilfspraxis mit drei Räumen ist in den Jahren eigentlich eine Art Poliklinik gewachsen, mit zehn Fachrichtungen“, sagt Professor Peter Ostendorf und führt durch die modern eingerichteten Räume am Bauerberg. „Wir können hier mittlerweile wirklich fast alle Erkrankungen behandeln oder zumindest erkennen und im Fall größerer Operationen weiterverweisen.“

Ostendorf ist der Gründer der Einrichtung. Der grauhaarige Mann steckt all seine Kraft in die außergewöhnliche Praxis. Jeden Tag sitzt er einige Stunden hier im Büro und erledigt die administrativen Aufgaben. Jeden Mittwoch kümmert er sich zusammen mit mittlerweile 45 Kollegen, 15 Krankenschwestern, zwei Dolmetschern und einer Sozialarbeiterin um die kranken Männer und Frauen. Er fahre jeden Morgen nach Sport und Frühstück hierher und versuche Spenden einzuwerben, Patienten bei Bedarf weiterzuverweisen oder andere organisatorische Aufgaben zu erledigen.

Moderne Geräte

Bis zu seinem 65. Lebensjahr war Ostendorf Chefarzt im Marienkrankenhaus. Ließ sich danach noch zum Spezialisten für Kernspintomografie des Herzens ausbilden und arbeitete weitere acht Jahre für das Präventikum, an der Klinik einer Diagnoseeinrichtung. In all den Jahren behandelte der engagierte Mediziner immer auch eine gewisse Anzahl unversicherter Patienten. „Mir hat ein Kollege mal gesagt, dass das wichtig sei für die eigentliche medizinische Tätigkeit. Schließlich haben Menschen wie ich es so gut getroffen.“ Zum Ende seiner aktiven Zeit, mit immerhin knapp 75, überlegte der Hamburger, was er nun tun könnte. „Ich habe so viel in meinem Leben bekommen“, sagt er. „Ich fand, dass es an der Zeit war, etwas zurückzugeben.“ Also begann er, die Praxis ohne Grenzen zu entwickeln. Vorbild war eine Einrichtung in Bad Segeberg.

Im April 2014 feierte die da noch wirklich kleine Praxis ihren Start in drei Räumen in dem Pflegeheim der Einrichtung „Pflegen und Wohnen“. Bereits ein Jahr später musste sie in größere Räume umziehen, so groß war die Nachfrage. Der Heimbetreiber stellte Ostendorf und seinen Mitstreitern im Untergeschoss 350 Quadratmeter mietfrei zur Verfügung. Die Reimund C. Reich-Stiftung ließ die Fläche für rund 450.000 Euro renovieren und ausstatten. „Wir verfügen hier über modernere Geräte als manch normale Praxis“, sagt Ostendorf. Erst vor vier Jahren sei ein voll eingerichtetes Zahnarztzimmer hinzugekommen.

Einrichtung bundesweit größte ihrer Art

All diese Behandlungsräume sind jeden Mittwoch voll. „Da stellen wir dann hier den ganzen Flur entlang Stühle für die wartenden Menschen auf. So viele sind es mittlerweile“, sagt Ostendorf. Im vergangenen Jahr behandelte die Praxis ohne Grenzen insgesamt 5290 Kranke. Für das laufende Jahr rechnet er mit mehr als 6000 Hilfe suchenden Männern und Frauen. Damit ist seine Einrichtung bundesweit die größte ihrer Art. Die Hälfte der Behandelten seien Schwarzafrikaner, sagt Ostendorf. Ein Drittel seien Menschen aus dem europäischen Osten, also Rumänien und Bulgarien. Der Rest Deutsche. „Das sind zumeist ehemalige Selbstständige, die nach einer Insolvenz aus der Versicherung geflogen sind.“

Nach wie vor würden diese Menschen nicht aufgefangen. Schlimm findet Ostendorf das. „Das ist doch unwürdig für eine der reichsten Staaten der Welt.“ Das Ziel von ihm und seinen Kollegen sei es, gerade diese Männer und Frauen mithilfe der engagierten Sozialarbeiterin wieder in einer Krankenkasse unterzubringen.

Spenden und Zuschüsse

Der Betrieb finanziert sich aus Spenden und Zuschüssen von Stiftungen. Dabei sind die größten Kostentreiber aufwendige Operationen, Chemotherapien oder Strahlenbehandlungen. „Wir brauchen jedes Jahr 180.000 Euro bis 200.000 Euro dafür“, so Ostendorf. Tendenz steigend. Das fehlende Geld ist es auch, was den Mediziner umtreibt. „Ich muss unheimlich viel Zeit und Kraft dafür aufwenden, genug Spenden heranzuschaffen, damit wir den armen Menschen helfen können.“ Denn, so Ostendorf, keine Hamburger Klinik wäre bereit dazu, kostenlos zu operieren oder zu behandeln. Nur die Endoklinik habe hin und wieder zum Selbstkostenpreis operiert. „Wir bekommen von den Kollegen allerdings die Rückmeldung, dass sie wirklich gern helfen würden, es aber aus Kostengründen vonseiten der Krankenhausleitung nicht dürfen.“

Sorge bereitet Ostendorf derzeit auch der anstehende Abriss und Neubau des Altenheims, in dem die Praxis untergebracht ist. „Wir müssen 2020 aus den Räumen raus und haben noch nichts Neues“, sagt er. Eine Zusage gebe es bereits, dass er und sein Team in den Neubau einziehen dürften. „Aber in der Zwischenzeit müssen wir ja weitermachen.“ Also hieße es derzeit, Praxisräume zu suchen, was nicht leicht sei in einer Stadt wie Hamburg.

Hunderte unversicherter Kinder werden behandelt

Ein weiteres Thema treibt den Mediziner um. „Wir haben so viele Kinder bei uns, die nicht versichert sind“, sagt er. „Ich möchte mich dafür einsetzen, dass jedes Kind in Deutschland eine Krankenversicherung hat.“ Deutschland als reichstes Land in der Eurozone müsse dafür sorgen, dass zumindest die Kleinsten einen Schutz genießen. „Im ärmsten Land der Eurozone, in Bulgarien, gibt es eine Versicherung für alle Kinder bis zum 16. Lebensjahr. Das müssen wir doch auch hinkriegen.“ Derzeit plane er eine Studie, die herausfinden soll, wie viele Kinder hierzulande nicht versichert sind. „Auf Basis der Zahlen können wir dann berechnen, welche Kosten aufgewendet werden müssen, um das zu ändern.“ Ostendorf hofft, dass Menschen wie der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn seiner Argumentation folgen. „Es ist höchste Zeit, dass wir etwas für die Kleinsten tun.“

Trotz seines mittlerweile fortgeschrittenen Alters denkt Ostendorf noch nicht ans Aufhören. „Sicherlich, ich habe alles so geregelt, dass die Praxis ab sofort ohne mich auskommen würde. Das muss man ja in meinem Alter, wenn man verantwortungsvoll ist.“ Doch solange er weiter mit den jüngeren Kollegen mithalten könne, solange es ihm so großen Spaß mache, werde er weiterhin jeden Tag in den Bauerberg fahren. „Wir alle geben hier nicht nur etwas, sondern wir bekommen so unendlich viel zurück“, sagt er. Die Dankbarkeit der Menschen motiviere ihn jeden Tag aufs Neue. Viele Kollegen hätten schon zu ihm gesagt: „Jetzt weiß ich endlich wieder, warum ich Mediziner geworden bin.“ Genau das sei es, was die Arbeit hier ausmache. „Kranken helfen, im ganz ursprünglichen Sinn.“

Wer helfen will, kann sich unter www.praxisohnegrenzen-hh.de informieren. Spendenkonto: Hamburger Sparkasse, IBAN DE46200505501001232816