In Altona niedergeschossen

Opfer des Haspa-Räubers: "Ich habe keine Rachegefühle"

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Vanessa Seifert
Lars Krause wurde vor genau zwei Jahren in der Haspa-Filiale an der Holstenstraße angeschossen

Lars Krause wurde vor genau zwei Jahren in der Haspa-Filiale an der Holstenstraße angeschossen

Foto: MARCELO HERNANDEZ

Lars Krause wird bei dem Überfall 2017 lebensgefährlich verletzt. Nun scheint der Fall aufgeklärt – ein 70-Jähriger wurde gefasst.

Hamburg. Es ist 17.53 Uhr, als Lars Krause in den Lauf einer Pistole blickt. Zehn Meter vor ihm steht der maskierte Mann – und drückt ab. Während die Stadt die Eröffnung der Elbphilharmonie feiert, geht der Bankangestellte Krause in der Haspa-Filiale an der Holstenstraße lebensgefährlich verletzt zu Boden. Dabei hatte er selbst feiern wollen. Es ist sein 45. Geburtstag.

Zwei Jahre nach einem der brutalsten Banküberfälle in der Geschichte Hamburgs hatte sich Lars Krause entschlossen, zum ersten Mal öffentlich über diesen 12. Januar 2017 zu sprechen. Da ahnte er noch nicht, dass der Täter, von dem bisher jede Spur fehlte, noch in dieser Woche festgenommen werden würde. „Mir war klar, dass man ihn nur kriegt, wenn er noch einmal zuschlägt.“

Viele Parallelen zum Fall vor zwei Jahren

Und genau das, davon geht die Polizei mittlerweile sicher aus, ist am Donnerstag geschehen: Überfall auf die Haspa-Filiale an der Langen Reihe. Die Parallelen zum Fall vor zwei Jahren sind frappierend: wieder ein Januarabend, wieder kurz vor 18 Uhr, wieder ist der ältere Täter maskiert und bewaffnet, wieder der Fluchtversuch mit einem Fahrrad. Nur dank einer aufmerksamen Zeugin wird der 70 Jahre alte Rentner Michael J., der auch noch für einen weiteren Überfall auf die Haspa-Filiale am Steinweg im Dezember 2011 infrage kommt, gefasst.

Haspa-Überfall in Altona am 12. Januar 2017

Belohnung von 10.000 Euro

Lars Krause kann noch nicht ganz glauben, dass dieser Fall, der im Februar 2018 auch bei „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ gezeigt wurde, doch noch einen Abschluss findet. Auch nach der Sendung hatte es keine echten Hinweise gegeben, trotz einer Belohnung von 10.000 Euro, die die Haspa ausgesetzt hatte. „Rachegefühle hatte ich ja nie. Immer nur eine einzige Frage: Warum?“

Noch gibt es darauf keine Antwort, der Rentner aus Kiel bestreitet den Überfall, der für Lars Krause beinahe tödlich ausging. Nur um einen Millimeter verfehlte die Kugel damals seinen Darm. Um einen Millimeter die Hauptschlagader. Um einen Millimeter die Blasenwand. „Lotto spiele ich nicht mehr. Mein Glück ist aufgebraucht.“

Freude auf den Feierabend

Dabei war der 12. Januar 2017 ein Tag wie jeder andere. „Bis 17.53 Uhr.“ Die sechs Kollegen in der Filiale und er seien schon in Feierabendlaune gewesen. In sieben Minuten würde die Bank schließen. Das letzte Kundengespräch war beendet, der Kassenschalter schon aufgeräumt. Man habe sich unterhalten, auch über die Elbphilharmonie, in der an diesem Abend der Kleine Saal eingeweiht werden würde. Und darüber, dass Lars Krause für morgen Karten habe. „Für noch was Besseres“, wie er scherzte. Für das Mehr! Theater am Großmarkt, eine Revue mit den Hits von Michael Jackson.

Mit Freundin Tanja und ein paar Kumpels will der Eidelstedter dort am nächsten Abend anstoßen. „Mein Geburtstag, der 12. Januar, fiel auf einen Donnerstag. Also habe ich gedacht: Ich feiere am Freitag und arbeite an meinem Geburtstag ganz normal.“

Nicht den Helden spielen

Lars Krause steht hinterm Kassenschalter, als der maskierte Mann in die Bank stürmt, eine Pistole auf ihn richtet und Geld fordert. „Ich stand da erst mal so regungslos wie eine Eiche.“ Nur keine hektischen Bewegungen, jetzt nicht den Helden spielen. Das habe man sowieso verinnerlicht, wenn man schon so lange bei einer Bank arbeite wie er. 1988, gleich nach der Realschule, hat er bei der Hamburger Sparkasse angefangen. Der Überfall vor zwei Jahren ist schon der vierte, den er erlebt. „Berufsrisiko.“

Dass es lebensgefährlich werden würde, ahnen er und die Kollegen zunächst nicht. Sie händigen dem Täter das Geld aus. 1800 Euro. Der Maskenmann geht Richtung Ausgang. „Wir dachten alle schon, es sei vorbei.“ Doch plötzlich dreht sich der Räuber noch einmal um, zielt auf Lars Krause – und schießt. Die Kugel dringt in dessen Bauch ein und zerschellt am Beckenknochen. Das, so werden die Ärzte später sagen, hat ihm das Leben gerettet.

„Das war alles wie ein Film“

Krause liegt auf dem Boden. „Das war alles wie ein Film.“ Um ihn herum Schreie, Schock, Tränen. „Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Dabei war der Rettungswagen schon nach drei Minuten da.“ Der Schwerverletzte soll in die Asklepios-Klinik Altona gebracht werden. Auf halbem Weg die Nachricht, dass die Notaufnahme dort überlastet sei. „Ich weiß noch, dass der Fahrer dann einmal richtig in die Eisen gegangen ist.“

Lars Krause wird ins UKE gebracht, wo die Ärzte in einer Notoperation sein Leben retten. Freundin Tanja ist sofort da. Auch der Filialleiter aus der Holstenstraße kommt. Genau wie Harald Vogelsang, der Vorstandssprecher der Haspa, der kurz zuvor noch im Foyer der Elbphilharmonie gestanden hatte.

Täter ist mit dem Fahrrad geflohen

In wenigen Minuten würde das Eröffnungskonzert im Kleinen Saal beginnen. Noch ein Blick aufs Handy. Dann der Alarm. „Bewaffneter Überfall auf die Filiale Holstenstraße. Mitarbeiter schwer verletzt.“ Harald Vogelsang setzt sich sofort ins Auto. Als er an der Holstenstraße ankommt, ist die Polizei vor Ort, sucht mit 43 Streifenwagen und einem Spürhund nach dem Täter, der mit dem Fahrrad geflohen sein soll. Lars Krause sei schon in die Klinik gebracht worden, erfährt Harald Vogelsang und fährt hinterher. „Das hat mir gezeigt, dass hanseatische Werte in unserer Bank noch was zählen“, sagt Krause. „Ich glaube nicht, dass jeder Manager wie selbstverständlich die Top-Party der Stadt verlassen hätte.“

Er habe da nicht lange überlegen müssen, sagt Harald Vogelsang dem Abendblatt. Der Abend werde ihm „immer in schrecklicher Erinnerung“ bleiben. „Wir alle sind sehr froh darüber, dass es unserem Kollegen Lars Krause wieder so gut geht und wir ihn wieder bei der Haspa an Bord haben.“

Nach zwei Wochen wieder bei der Arbeit

Schon am 23. Januar, nur knapp zwei Wochen nach dem Überfall, geht Lars Krause wieder zur Arbeit. „Ja, was hätte ich machen sollen? Als die Wunde verheilt war, musste das Leben doch weitergehen.“ Nein, er sei grundsätzlich niemand, der zu viel grübelt, sagt Lars Krause, ein Mann von kräftiger Statur, und bestellt sich eine Currywurst und eine Cola light. Er hat Mittagspause, seit September 2017 arbeitet er in der Haspa-Filiale an der Stadthausbrücke

Der Wechsel sei schon lange vor dem Überfall geplant gewesen. „Ich weiß, dass einige Kollegen, die das alles ansehen mussten, noch heute gegen die Bilder im Kopf kämpfen und auch über Wochen nicht arbeitsfähig waren.“ Ein Kriseninterventionsteam habe ihn und die Kollegen betreut. „Ich habe das ganz gut verkraftet“, sagt Krause mit einer beeindruckenden Abgeklärtheit. Das komme nicht so häufig vor, meinten die Mediziner und Experten. Die meisten Opfer eines so brutalen Überfalls könnten über Monate nicht mehr arbeiten, manche nie wieder eine Bank betreten.

Für ihn ist der Fall jetzt, da der mutmaßliche Täter gefasst ist, abgeschlossen. Das Haspa-Maskottchen, die Stoffmaus Manni, die ihm Harald Vogelsang mit ins Krankenhaus gebracht habe, hat Lars Krause dem Kinder-UKE geschenkt. „Vielleicht hilft Manni dort den Kleinen.“ Ihm habe auch die Anteilnahme der Kollegen geholfen. „Die haben mitgefühlt. Weil sie wissen, dass es jeden von ihnen hätte treffen können.“

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