Hamburg

Vierfache Mutter getötet – Angeklagter gesteht Bluttat

Der Angeklagte Marc H. und seine Anwältin Anke Marten-Enke beim Prozessstart.

Der Angeklagte Marc H. und seine Anwältin Anke Marten-Enke beim Prozessstart.

Foto: Christian Charisius/dpa

50-mal stach er auf seine Frau ein. Marc H. sei erst wieder zu Besinnung gekommen, als sein Opfer am Boden lag. Dann hatte er Hunger.

Hamburg.  Wenn Marc H. von der Tötung seiner Frau spricht, von dem Moment, als vier Kindern die Mutter genommen wurde, klingt es fast so, als sei das etwas geschehen, auf das er keinen Einfluss mehr hatte. „Da bin ich komplett durchgedreht. Ich habe die Kontrolle verloren“, sagt der 50-Jährige. Und: „Ich muss auf sie losgegangen sein. Mein Arm hat sich wie von allein bewegt.“ Wie von allein? Immer wieder, 50-mal? So viele Verletzungen haben Rechtsmediziner später an dem Körper der Toten festgestellt. Etliche der Stiche gingen in Herz und Lunge des Opfers.

Das blutige Verbrechen ist der Schlusspunkt eines Beziehungsdramas, in dem eine Frau vor ihrem Mann erst in ein Frauenhaus geflüchtet ist und sich schließlich mit ihren Kindern eine eigene Wohnung genommen hat. Doch eine Begegnung am 5. Dezember vergangenen Jahres in ihrem neuen kleinen Zuhause überlebte Juliete H. nicht.

Marc H. kam erst zur Besinnung, als sie am Boden lag

Als ihre Kinder Stunden später von der Schule nach Hause kamen, entdeckten sie die Leiche ihrer Mutter im Schlafzimmer. Im Prozess vor dem Schwurgericht ist der Ehemann von Juliete H. wegen Totschlags angeklagt, und der 50-Jährige bestreitet nicht, seine Frau umgebracht zu haben. Doch seine Aussagen zum eigentlichen Tatgeschehen bleiben unbestimmt. „Ich habe an den Vorfall wenig Erinnerungen“, sagt der blonde Brillenträger, der mit ruhiger Stimme spricht.

Manchmal hält er inne und überlegt, die Gestik des Hamburgers ist sparsam, auch als er erzählt: „Ich bin erst wieder zu mir gekommen, als ich auf dem Bett saß und sie am Boden lag.“ Zu Beginn ihrer Beziehung seien sie glücklich gewesen, sagt Marc H. und über sich und seine neun Jahre jüngere, aus Ghana stammende Partnerin. Sie bekamen zwei gemeinsame Söhne, doch bei der Geburt des jüngeren habe er erfahren, dass Juliete bereits zwei Kinder hatte, die sie bei ihrer Familie in Afrika gelassen hatte.

Finanzielle Situation wurde immer mehr zum Streitpunkt

„Dass sie mir das verschwiegen hatte, war schon ein Vertrauensbruch. Da hat es einen Riss gegeben.“ Hinzu kamen offenbar Streitigkeiten, weil sie einen Teil ihres Verdienstes als Reinigungskraft und später als Altenpflegerin an ihre Familie schickte. „Wenn Hunderte Euro nach Afrika gehen und ich muss dafür schwer arbeiten“, das habe ihn schon geärgert. Im Laufe der Jahre wurde die finanzielle Situation immer mehr zum Streitpunkt.

„Aber ich wollte den Laden zusammenhalten“, sagt der Angeklagte. „Für mich war das eine Zweckgemeinschaft. Das musste halten. Sonst hätten meine Kinder ja keine Mutter mehr gehabt.“ Trotzdem haben sie 2016 geheiratet, „in aller Stille“. Mittlerweile lebte auch ihre 15 Jahre alte Tochter mit in der Familie, und ihren Sohn habe die 41-Jährige ebenfalls nach Deutschland holen wollen. Das sei auch der Punkt gewesen, meint Marc H., an dem seine Frau offenbar beschlossen habe, ihn zu verlassen.

Angeklagter räumt ein, seine Frau geschubst zu haben

„Da hatte sie alles erreicht, was sie wollte. Der Trennungsgrund war meiner Meinung nach, dass die Kinder da waren.“ Jetzt habe seine Frau das Kindergeld und Unterhalt bezogen. „Ich höre hier immer nur Geld“, wirft die Vorsitzende Richterin ein. „Was war mit Gewalt?“ Es sei zu Streit gekommen, aber „nie zu Gewalt“. Später räumt er allerdings ein, seine Frau geschubst zu haben. „Wir hatten eine körperliche Auseinandersetzung.“

Einen Elektroschocker habe er ihr mal „vorgehalten“, sagt Marc H. In den Mund geschoben, wie es in den Akten heißt, habe er das Gerät der 41-Jährigen nicht. Und den Vorwurf, er sei gegenüber den Kindern handgreiflich geworden, müsse seine Frau sich wohl ausgedacht haben als Argument dafür, ins Frauenhaus gehen zu können. Dort sei er auch wiederholt aufgetaucht, um seine Kinder sehen zu können.

Marc H. soll Wahngedanken gehabt haben

Überhaupt sei er psychisch krank geworden, weil er seine Söhne nicht mehr regelmäßig habe sehen können. Zweimal begab Marc H. sich in stationäre Therapie, weil er an schweren Depressionen und Wahngedanken gelitten habe. Einem Psychiater sagte er: Solange er den Gedanken aufgebe, seine Frau zu töten, habe er das Gefühl, „sie gewinnen zu lassen“. So etwas könne schon mal fallen, wiegelt der Angeklagte jetzt im Prozess ab. „Man sagt das dann so. In dem Moment klingt das schlimm.“

Der Tattag verlief nach Schilderung von Marc H. so: Er will sich von seinem Sohn ein I-Pad ausleihen, um darauf die Schachweltmeisterschaft zu sehen. Dafür besucht er seine Familie in deren Wohnung, außerhalb der vereinbarten Zeiten, in denen er seine Kinder sehen darf. In dem Moment, als Juliete ins Schlafzimmer geht, um das Gerät zu holen, folgt er ihr und erinnert sich dabei daran, dass er gut zwei Wochen zuvor dort einen anderen Mann in ihrem Bett gesehen hat. Weil er geglaubt habe, sie betrüge ihn schon seit Jahren, kommt es zum Streit, in dem die 41-Jährige ihrem Gatten vorgeworfen habe, er sei „kein richtiger Mann“. Dann habe sie sich an ihm vorbeigedrängt und ihn leicht am Arm berührt.

Nach der Bluttat ging Marc H. etwas essen

„Vielleicht“, sagt Marc H., „brach da meine ganze Wut aus mir heraus.“ Er müsse in seine Tasche gegriffen und ein Messer herausgenommen haben, überlegt der Angeklagte. „Ich kann mich nicht erinnern. Irgendwann ließ meine Kraft nach.“ Erst dann sei er wieder zur Besinnung gekommen. Marc H. gibt an, dass er nun auf dem Bett gesessen, die Hand seiner Frau gehalten und geguckt habe, „ob ihr Herz schlägt. Es ist nichts passiert.“ Da habe er gedacht, es sei zu spät um Hilfe zu holen. Nun wusch er sich die Hände, die voller Blut waren. Dann ging er etwas essen. „Ich hatte Hunger“, erklärt Marc H. lakonisch.

Es ist einer zahlreichen Momente in der Aussage des Angeklagten, in denen die Vorsitzende Richterin nachhakt. „Hatten Sie irgendwelche Gefühle — außer Hunger?“ Er sei „ traumatisiert“ gewesen. „Der ganze Kopf ist durcheinander.“ Ob er irgendwie daran gedacht habe, jemanden zu informieren, dass die Frau dort liegt. Es sei ja damit zu rechnen gewesen, dass jemand aus der Familie sie findet, setzt die Richterin nach. „Ja, das war bedauerlich“, antwortet der Angeklagte. „Ich hätte mich besser verhalten können.“

"Da lag meine Mutter tot, und ich fing an zu weinen“

Und dann wiederholt er das, was er zu Beginn seiner Einlassung gesagt hat: „Ich möchte mich bei allen entschuldigen, denen ich wehgetan habe. Es tut mir leid.“ Im Zuhörerbereich fließen bei mehreren Angehörigen von Juliete H. die Tränen. Wie entsetzlich der Tod der Mutter für die Kinder war, lässt sich anhand der Aussage von Julietes ältestem Sohn erahnen.

Als Zeuge schildert der 14-Jährige, wie er gegen 16 Uhr nach Hause kam und seine Mutter überall in der Wohnung suchte — auch im Schlafzimmer. Doch in dem verwüsteten Raum konnte er sie zunächst nicht entdecken. Also setzte sich der Schüler vor den Fernseher, bis später auch seine Geschwister kamen. Die beiden Jüngsten gucken erneut ins Schlafzimmer – und fanden nun den Leichnam ihrer Mutter. „Ich hörte, wie meine Brüder schrien und riefen“, erinnert sich Julietes Sohn. „Da lag meine Mutter tot, und ich fing an zu weinen.“