Hamburg

Toter UKE-Patient: Mitarbeiter schlugen schon vorher Alarm

Der Haupteingang des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.

Der Haupteingang des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.

Foto: Michael Rauhe

Viele Gefährdungsanzeigen vor dem Tod eines Psychiatriepatienten im April. Der Leichnam wird weiterhin untersucht.

Hamburg. Der Tod des verstorbenen Psychiatriepatienten William T. zieht weitere Kreise: Während die Staatsanwaltschaft versucht, die Hintergründe des Falles zu ermitteln, übt die Linksfraktion in der Bürgerschaft scharfe Kritik an den Zuständen im UKE. Allein im Jahr 2018 fertigten die Mitarbeiter der Erwachsenen-Psychiatrie im Universitätsklinikum 43 sogenannte Gefährdungsanzeigen an ihre Vorgesetzten. Das ergab eine Kleine Anfrage des Linke-Abgeordneten Deniz Celik an den Senat.

Seit Beginn dieses Jahres wurde in weiteren 19 Fällen auf eine mangelhafte Situation auf der Station hingewiesen, so der Senat weiter. Eine Gefährdungsanzeige kann sowohl ein Hinweis auf generelle Überlastung oder Mängel wie fehlende Medikamente sein als auch eine mögliches akutes Risiko für die Gesundheit der Patienten. Der Fragesteller Deniz Celik sieht die Zahlen als Indiz für einen Personalmangel und fordert Konsequenzen. „Bei im Schnitt fast wöchentlich einer Gefährdungsanzeige kann man nicht mehr von Einzelfällen sprechen“, so Celik. „Hier gibt es ein strukturelles Problem“.

Vom UKE heißt es dazu auf Anfrage, man nehme jede Überlastungsanzeige „sehr ernst“ und prüfe sie auf Leitungsebene. Es gebe zudem einen Pool von Pflegekräften. „Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie wird so durch erfahrene Fachkräfte im Bedarfsfall unterstützt“, so die Sprecherin Saskia Lemm.

Zeugen berichteten von massiver Gewalt

Aus der Senatsantwort geht auch hervor, dass am Osterwochenende mindestens zehn Patienten auf eine der 16 Pflegekräfte auf der Station kamen. William T. war damals von Sicherheitskräften fixiert worden und kurz darauf verstorben. Zeugen berichteten von massiver Gewalt der Sicherheitsleute gegen den 34-Jährigen aus Kamerun. Das UKE sprach selbst dagegen von einem „medizinischen Zwischenfall“ und intern von einem „tragischen und schicksalhaften“ Verlauf.

Bei einer Obduktion des Leichnams war ein Herzversagen als Todesursache festgestellt worden. Damit konnte weder eine äußere Todesursache, ein Herzversagen infolge der unmittelbaren Aufregung in der Situation noch ein anderer Grund für das Ableben des Mannes ausgeschlossen werden. Nähere Hinweise soll nun eine genaue Untersuchung des Feingewebes bringen, die noch einige Wochen in Anspruch nehmen kann.

War es rechtmäßig, William T. zu fixieren?

Nach Abendblatt-Informationen wurden bei der Obduktion eindeutige Spuren von Gewalteinwirkung am Körper des Verstorbenen festgestellt. Diese waren aber nicht so erheblich, dass William T. allein oder hauptsächlich aufgrund von Schlägen oder Tritten verstorben sein könnte, heißt es aus dem Umfeld der Ermittlungen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts einer Körperverletzung mit Todesfolge gegen das UKE.

Im Zentrum des Falls steht die Frage, ob es überhaupt rechtmäßig war, William T. zu fixieren. Dies ist nach Auskunft der Gesundheitsbehörde grundsätzlich nur zulässig, wenn der Patient eine akute Gefahr für sich oder andere darstellt. „Die fehlende Bereitschaft, sich ärztlich behandeln zu lassen, rechtfertigt für sich allein nicht die Unterbringung“, so ein Sprecher.

Sicherheitsdienst hat am UKE mehr Befugnisse

Nach ersten Polizeiangaben befand sich William T. zunächst freiwillig in der Behandlung am UKE, dann wurde eine Unterbringung des Mannes bei Gericht beantragt. Bevor es zu einem entsprechenden Beschluss kam, ereignete sich der Vorfall. Mehrere andere Patienten aus der Station sagten, nach ihrer Wahrnehmung habe William T. dabei nur eine Zigarette vor dem Eingang der Klinik geraucht. Als er sich weigerte, wieder hinein zu kommen, hätten ihn drei Sicherheitsleute zu Boden gedrückt und angegriffen. Ihm sei auch eine Spritze verabreicht worden – kurz darauf hätte der Mann wiederbelebt werden müssen. Das UKE äußerte sich mit Blick auf die Ermittlungen noch nicht detailliert zu den Geschehnissen.

Wie aus der aktuellen Senatsantwort hervorgeht, werden in Hamburg nur am UKE und den Asklepios-Kliniken die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes bei Zwangsmaßnahmen hinzugerufen. Etwa am Albertinen-Krankenhaus übernimmt dies ausschließlich das Arzt- und Pflegepersonal. Laut Senat wurden die Sicherheitsleute seit Anfang 2018 auf dem gesamten Gelände des UKE in mehr als 2.200 Fällen von „Not- und Inverventionseinsätzen“ aktiv. Bereits Anfang Mai war bekannt geworden, dass die Staatsanwaltschaft seit 2015 bereits vier Verfahren gegen Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes am Universitätsklinikum eingeleitet hatte. Drei davon bezogen sich auf den Verdacht „einer Straftat gegen die körperliche Unversehrtheit“ – zwei Verfahren wurden eingestellt, eines ist aktuell noch offen.

Auf Anfrage sagte die Sprecherin des Klinikums, dass sich im Bereich der Psychiatrie die Zahl der von Übergriffe von Patienten auf andere Patienten sowie auf Besucher und Mitarbeiter in den vergangenen vier Jahren verdoppelt hätten. „In der Erfahrung hat sich gezeigt, dass die alleinige Präsenz von Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes eine deeskalierende Wirkung haben kann“, sagte die UKE-Sprecherin Lemm.

"Rassismus hat im UKE keinen Platz"

Der Fragesteller Deniz Celik fordert vom Senat eine gesetzliche Festlegung, dass Sicherheitsleute nicht mehr an Zwangsmaßnahmen zu beteiligen. „Für den Umgang mit Patienten und Patientinnenen, insbesondere in der Psychiatrie, ist Security-Personal nicht ausgebildet“. Das UKE verweist dagegen darauf, dass das Sicherheitspersonal alle zwei Wochen eine 90-minütige Schulung durchlaufe – zusätzlich gebe es zweimal pro Woche ein „Verhaltenstraining in Gefahrensituation“, angeleitet von Ausbildern der Hamburger Polizei.

Unmittelbar nach dem Tod von William T. hatte die Gruppe „Black History Month“ davon gesprochen, dass es zuvor bereits zu rassistischen Äußerungen durch Sicherheitsleute am UKE gekommen sein soll. Laut Klinikum gab es aber keinerlei Beschwerden über ein solches Verhalten. „Rassismus hat im UKE keinen Platz“, hieß es in einer Stellungnahme.

William T. soll bereits seit seiner Ankunft in Deutschland im Jahr 2008 an Schizophrenie gelitten haben. Vor seinem Tod waren neben einem früheren Gaumenödem offenbar keine weiteren körperlichen Vorerkrankungen bekannt.