Drittes Reich

Hamburgs unbekannter Held wird endlich in Altona geehrt

Am 13. Mai 1939 startete die "St. Louis" vom Hamburger Hafen Richtung Kuba.

Am 13. Mai 1939 startete die "St. Louis" vom Hamburger Hafen Richtung Kuba.

Foto: NDR/doclights/Hapag-Lloyd AG

Kapitän Gustav Schröder rettete mehr als 900 Juden vor den Nazis. Die Irrfahrt der "St. Louis" und das Gedenken an diesem Sonntag.

Hamburg. Spätes Gedenken für einen großen Hamburger Kapitän: An diesem Sonntag erhält die Grünfläche zwischen St.-Pauli Fischmarkt und Hauptkirche St. Trinitatis Altona offiziell mit einer Gedenktafel den Namen Gustav-Schröder Park. Damit erinnert die Hansestadt an jenen Hamburger Kapitän, der vor 80 Jahren im Hamburger Hafen mit dem Dampfer "St. Louis" aufbrach, um nach einer Irrfahrt auf dem Atlantik schließlich mehr als 900 Juden vor der NS-Verfolgung zu retten.

Am Sonntag, 10 Uhr, gestalten Seemannspastor Matthias Rißtau und Pastor Torsten Morche in der Hauptkirche St. Trinitatis Altona einen Gottesdienst zu Ehren von Gustav Schröder. Danach wird in Anwesenheit des Großneffen von Gustav Schröder, Jürgen Glaeveck, in dem neu benannten Park eine Gedenktafel enthüllt. Der Großneffe hatte Tagebuchaufzeichnungen, Seekisten, Logbucheinträge, Fotos, Briefe, Schallplatten und Miniaturschiffe im Dach­boden des früheren Nienstedtener Wohnhauses seines Verwandten gefunden. Organisatoren der Gedenkfeier sind die Kirchengemeinde St. Trinitatis, die Seemannsmission, Papageienfischland e.V. und das Altonaer Stadtarchiv.

Zum Abschied spielte eine Musikkapelle

In der kommenden Woche geht das Gedenken an den Kapitän der "St. Louis" weiter: Am 15. Mai, 19 Uhr, wird im Gemeindesaal der Kirchengemeinde der NDR-Film "Irrfahrt der St. Louis" gezeigt. Längst ist die tragische Reise eines Hamburger Passagierdampfers in die Geschichte eingegangen. Im Mai 1939 verließ der Hapag-Dampfer „St. Louis“ mit 937 Juden an Bord den Hafen. Das Ziel der Passagiere: Kuba. Sie wollten vor der Verfolgung und Vernichtung durch die Nationalsozialisten fliehen. Auf der Brücke stand der Hamburger Kapitän Gustav Schröder (1885– 1959), als eine Musikkapelle vor dem Schuppen 76 zum Abschied „Muss i denn zum Städtele hinaus“ spielte. Noch ahnten weder Passagiere noch Crew, dass aus dieser Reise eine Irrfahrt auf dem Atlantik werden sollte.

USA verweigerten Einreise

Nachdem Kuba den jüdischen Flüchtlingen die Einreise trotz bezahlter Visagebühren in einer Höhe von jeweils 150 US-Dollar verweigert hatte, hofften sie auf ihre Rettung in den USA. Kapitän Schröder und der jüdische Vertrauensrat an Bord telegrafierten an US-Präsident Roosevelt, um eine Einreisegenehmigung zu erwirken. Doch das Schreiben blieb ohne Antwort.

Überall an Bord trafen den Kapitän immer häufiger fragende Blicke, wie es nun weitergehe. Während die einzigen fröhlichen Menschen an Bord die Kinder waren, kam es bei den Erwachsenen zu Nervenzusammenbrüchen und Suiziden. Die Furcht, vor allem der früheren KZ-Häftlinge, war kaum mit Worten zu beschreiben, notierte der Kapitän in seinem Tagebuch.

Gustav Schröder erinnerte sich an ein Gespräch mit einem jüdischen Passagier. Der sagte zu ihm: „Wenn Sie mit dem Schiff heil bis Cuxhaven hineinkommen, dürfen Sie wohl etwa 100 Kabinen leer vorfinden, denn wir fürchten das KZ mehr als den Tod.“ Eine Zeit lang hatte der Kapitän sogar erwogen, entgegen aller Regularien das Schiff vor der englischen Küste bewusst auf Grund zu setzen, um so eine Rettungsaktion in die Wege zu leiten.

Schröder auch in Yad Vashem geehrt

"Es war eine "Odyssee, an deren Ende Belgien, Frankreich, Großbritannien und die Niederlande bei sich aufnahmen", sagt Pastor Torsten Morche von der Hauptkirche Altona. Doch das Leiden der Menschen ging nach ihrer Rettung weiter. Gustav Schröder hatte in seinem Tagebuch notiert: „Der Gedanke, dass es Menschen gegeben hat, die erst im KZ waren, dann die Passionsfahrt der ,St. Louis‘ mitmachten, um schließlich im KZ elendig zu verenden, ist mehr als bedrückend.“ Obwohl Schröder Mitglied der NSDAP war, handelte er auf der Basis humanistischer Maßstäbe. „Gustav Schröder war ein Vorbild für Zivilcourage. Man kann dieser Tage gar nicht genug an ihn erinnern“, betonte die „Jüdische Allgemeine“.

Wegen seines Einsatzes für das Leben von Juden wird Gustav Schröder in Israel als "Gerechter unter den Völkern" in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem geehrt – und nun in Hamburg mit einem Park am Hafenrand.