Hamburg

Die dramatische Irrfahrt der „St. Louis“

Fast 1000 Juden wollten 1939 mit dem Hapag-Dampfer nach Kuba fliehen. Doch dann kam alles anders. NDR zeigt die Doku am Mittwoch

Hamburg. Längst ist die tragische Reise eines Hamburger Passagierdampfers in die Geschichte eingegangen. Im Mai 1939 verließ der Hapag-Dampfer „St. Louis“ mit 937 Juden an Bord den Hafen. Das Ziel der Passagiere: Kuba. Sie wollten vor der Verfolgung und Vernichtung durch die Nationalsozialisten fliehen. Auf der Brücke stand der Hamburger Kapitän Gustav Schröder (1885– 1959), als eine Musikkapelle vor dem Schuppen 76 zum Abschied „Muss i denn zum Städtele hinaus“ spielte. Noch ahnten weder Passagiere noch Crew, dass aus dieser Reise eine Irrfahrt auf dem Atlantik werden sollte.

An diesem Mittwoch (21 Uhr) sendet das NDR Fernsehen in der Reihe „Unsere Geschichte“ ein Doku-Drama, das die Ereignisse an Bord nachzeichnet. Filmemacher Manfred Uhlig konnte dafür erstmals auf den persönlichen Nachlass und die kompletten Lebenserinnerungen von Kapitän Schröder zurückgreifen­. Dessen Großneffe hatte Tagebuchaufzeichnungen, Seekisten, Logbucheinträge, Fotos, Briefe, Schallplatten und Miniaturschiffe im Dach­boden des früheren Nienstedtener Wohnhauses gefunden. Außerdem traf Uhlig in den USA und Großbritannien die letzten der noch heute lebenden ehemaligen Passagiere. Sie waren damals Kinder oder Jugendliche gewesen.

Telegramm an US-Präsident Roosevelt blieb ohne Reaktion

Zu ihnen gehörte Herbert Karliner, der heute in Miami Beach lebt. Vom Fenster seiner Wohnung aus kann er ausgerechnet auf jene Stelle auf dem Meer schauen, wo die „St. Louis“ nach ihrer Transatlantikpassage auf Reede lag. Nachdem Kuba den jüdischen Flüchtlingen die Einreise trotz bezahlter Visagebühren in einer Höhe von jeweils 150 US-Dollar verweigert hatte, hofften sie auf ihre Rettung in den USA. Kapitän Schröder und der jüdische Vertrauensrat an Bord telegrafierten an US-Präsident Roosevelt, um eine Einreisegenehmigung zu erwirken. Doch das Schreiben blieb ohne Antwort.

Jetzt hatten alle Passagiere Angst, dass es wieder zurück nach Nazi-Deutschland geht. Im NDR-Doku-Drama liest Schauspieler Christian Berkel aus den Lebenserinnerungen und den Logbucheinträgen des Hamburger Kapitäns Gustav Schröder diesen Satz: „Ich muss nun Trost sprechen.“

Überall an Bord trafen den Kapitän fragende Blicke, wie es nun weitergehe. „Es roch nach Verzweiflung und Panik.“ Während die einzigen fröhlichen Menschen an Bord die Kinder waren, kam es bei den Erwachsenen zu Nervenzusammenbrüchen und Suiziden. Die Furcht, vor allem der früheren KZ-Häftlinge, war kaum mit Worten zu beschreiben.

Gustav Schröder erinnert sich an ein Gespräch mit einem jüdischen Passagier. Der sagte zu ihm: „Wenn Sie mit dem Schiff heil bis Cuxhaven hineinkommen, dürfen Sie wohl etwa 100 Kabinen leer vorfinden, denn wir fürchten das KZ mehr als den Tod.“ Eine Zeit lang hatte der Kapitän sogar erwogen, entgegen aller Regularien das Schiff vor der englischen Küste bewusst auf Grund zu setzen, um so eine Rettungsaktion in die Wege zu leiten.

Erst Flucht, dann Sicherheit – und dann kamen die Nazis

Doch es kam schließlich anders: Die Migranten konnten in Antwerpen an Land gehen und somit zunächst gerettet werden. Gut ein Viertel von ihnen bekam in England Asyl. Sie überlebten. Zwei Drittel wurden auf Belgien, Frankreich und die Niederlande verteilt. Später gelangten die meisten von ihnen jedoch in die Fänge der Nazis und wurden ermordet. Schröder notierte: „Der Gedanke, dass es Menschen gegeben hat, die erst im KZ waren, dann die Passionsfahrt der ,St. Louis‘ mitmachten, um schließlich im KZ elendig zu verenden, ist mehr als bedrückend.“

Obwohl Schröder Mitglied der NSDAP war, handelte er auf der Basis humanistischer Maßstäbe. „Gustav Schröder war ein Vorbild für Zivilcourage. Man kann dieser Tage gar nicht genug an ihn erinnern“, notierte jetzt die „Jüdische Allgemeine“.

Marc Brasse, Leiter der für die Reihe „Unsere Geschichte“ zuständigen NDR-Abteilung Dokumentation und Reportage, sagt über ihn: „Es gibt immer wieder Geschichten, die eindrucksvoll verdeutlichen, was Geschichte uns heute noch zu sagen hat. Die Irrfahrt der ,St. Louis‘ zählt dazu. Ihr Kapitän folgt den Regeln der Menschlichkeit, sein Handeln rettet die jüdischen Passagiere vor dem Zugriff der Nazis.“

Heute findet sich der Name Schröder in der Gedenkstätte Yad Vashem, auf einer Gedenktafel im Hamburger Hafen und auf einem Straßenschild wieder. „Mit dem Namen können aber nur noch wenige etwas anfangen“, sagt der NDR-Journalist. Kapitän Schröder sei in Vergessenheit geraten. „Zu Unrecht“, fügt er hinzu.

Mittwoch, 24. Januar, 21 Uhr, NDR Fernsehen: „Kapitän Schröder und die Irrfahrt der ,St. Louis‘ – Erinnerungen an ein Drama auf See“.