Leben auf der Straße

Max Bryan: Vom Obdachlosen zum Mutmacher

An den Landungsbrücken kennt sich Max Bryan aus, ihre Pontons waren für mehr als ein Jahr sein Zuhause.

An den Landungsbrücken kennt sich Max Bryan aus, ihre Pontons waren für mehr als ein Jahr sein Zuhause.

Foto: Michael Rauhe / HA

Er gründete eine Initiative für ältere Menschen ohne Bleibe. Bryan lebte selbst längere Zeit auf der Straße.

Hamburg. Für ihn waren die Landungsbrücken für fast zwei Jahre sein Zuhause. Max Bryan – ein freundlicher Mann in kariertem Hemd, mit Wollmütze und langem grauen Bart – lebte von März 2010 bis November 2011 auf der Straße. Seine „Platte“ war eine Parkbank auf der Brücke 10. Dort, wo an den sonnigen Tagen Touristen den Blick auf die Elbe genießen, hat sich Max Bryan an kalten Winterabenden in seinen Schlafsack eingerollt, sein Hab und Gut unter der Bank fest verstaut. „Es war einer der schlimmsten Winter überhaupt, die ganze Elbe war zugefroren“, erinnert sich Bryan. Wenn es zu eisig wurde, rettete er sich hinter den Windfang auf der Außenterrasse eines Fischrestaurants oder auf eine Barkasse – dank der Erlaubnis des Besitzers Willi Breuer. Einem der Menschen, denen Bryan für ihre Hilfsbereitschaft noch heute dankbar ist.

Jetzt besucht der 42-Jährige seine ehemaligen Schlafplätze ohne Bitterkeit. Dafür hat er eine Mission: Er will Menschen, die auf der Straße leben, helfen, ein Dach über den Kopf zu bekommen. Er, der inzwischen eine feste Bleibe fand, hat seine früheren Gefährten nicht vergessen. Per Facebook rief er zu Spenden für die Unterstützung älterer Wohnungsloser auf und gründete die Bürgerinitiative „Hilfe für Hamburger Obdachlose“. Seiner Bitte folgten zahlreiche Menschen, darunter viele Leser seines Blogs. In diesem hatte er schon von Beginn seiner eigenen Odyssee an berichtet, über die Situation von Wohnungslosen und ihrer Ausgrenzung. Schon damals kämpfte Max Bryan, der nicht raucht, nicht trinkt und sich gut ausdrücken kann, mit Leidenschaft für mehr Mitmenschlichkeit.

Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann

In bescheidenen Verhältnissen in Hessen aufgewachsen, hatte Max Bryan in Bad Nauheim eine Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann abgeschlossen und war danach in den Norden gezogen. 15 Jahre lang lebte er in einer kleinen Wohnung bei Hamburg, bis ihm 2010 wegen Eigenbedarfs gekündigt wurde. Er verdiente nicht viel Geld, hatte sich mit Onlinegeschäften in der Reisebranche selbstständig gemacht. „Ich fand keine bezahlbare Wohnung, selbst am Stadtrand von Hamburg und bei der Saga nicht“, sagt er. So war ihm nur die Straße geblieben. Aufgrund seiner pathologischen Angst vor Krankheiten sei das Übernachten in Wohnheimen für ihn nicht infrage gekommen.

Er fand seinen Schlafplatz am Hafen, hielt sich tagsüber an der Uni auf. Auf seinem alten Laptop recherchierte er im Internet nach Job und Wohnung. Und postete auf Facebook sein Videotagebuch. Darin schrieb er nicht nur seine Erfahrungen auf, sondern ließ in Videos auch andere Obdachlose zu Wort kommen. Für diese Videos habe er viel Anerkennung bekommen, sie habe ihn bestärkt, „besser zu werden, aus der Obdachlosigkeit herauszukommen. Das Videotagebuch war für mich ein Motor, es half mir, nicht aufzugeben“, sagt Bryan.

Doch die schwere Zeit mit vielen schlaflosen Nächte aus Angst vor Überfällen oder dem Erfrieren zehrte an seinen Kräften. Nachdem er auf einer Demo gegen Mietenwahnsinn eine Rede gehalten hatte, merkte er: „Ich will mich nicht mehr hin- und herschieben lassen, ich will raus aus der Stadt.“ So startete er im November 2011 mit einem Fahrrad, das er geschenkt bekommen hatte, Richtung Süden. Sein Ziel: so lange durch Deutschland zu fahren, bis er eine Wohnung gefunden hat. Vier Monate war er bei Wind und Wetter unterwegs, machte mit einem Pappschild auf sein Anliegen aufmerksam, die Medien, darunter auch das Hamburger Abendblatt, berichten über die Aktion.

Er kam durch Minden, Dortmund, Köln, Frankfurt. Traf auf Menschen, die ihm zwischenzeitlich eine Übernachtung gewährten, wurde aber auch beschimpft und bestohlen. Zurück in Bad Nauheim, bot ihm eine mutige Frau ihr Gästezimmer an. „Sie war meine Rettung, schenkte mir ihr Vertrauen. Durch ihre Fürsprache fand ich eine Arbeit und eine Bleibe im Gartenhof von Löw in Steinfurth“, sagt Bryan. Seitdem wohnt und arbeitet er in der Baum- und Rosenschule in der Nähe von Frankfurt.

Im Winter ist er in Hamburg

In den Wintermonaten ist er in Hamburg, übernachtet bei Bekannten und verfolgt sein Projekt zur Hilfe für ältere Obdachlose. Zum Beispiel für seinen Kumpel Klaus (62), den er aus seiner Hamburger Zeit kennt. „Für die Älteren ist es besonders hart auf der Straße“, sagt Bryan. Es gebe zwar das städtische Windernotprogramm, aber da müssten „die Leute ab 9 Uhr morgens bis zum Abend wieder raus“, erklärt Bryan. Das sei für Ältere kaum durchzuhalten. Bryan kam die Idee zum „eigenen Winternotprogramm“. Auf seine im Internet gestartete Spendenaktion kam so viel Geld zusammen, dass Max Bryan und Luise Schoolmann, die ihn bei der Organisation unterstützt, einen Wohncontainer anmieten konnten.

„Die Kosten für den Container inklusive Nebenkosten und Stellplatz belaufen sich für sechs Monate auf rund 2800 Euro“, sagt Bryan. Die größte Herausforderung war es jedoch, einen Stellplatz zu finden. Bryan schrieb an Kirchengemeinden, Park- und Sportplatzbetreiber, die Hafenbehörde und viele mehr. Es hagelte fast nur Absagen. Doch nach einer Zusage von Hamburg Wasser und dem Beach-Club StrandPauli konnte der Container von Oktober 2016 bis März 2017 beim Beach-Club aufgestellt werden. Dank weiteren Einsatzes und mehr Spenden – auch von der Abendblatt-Initiative „Von Mensch zu Mensch“ – sowie einer Zusage des Hamburger Spendenparlaments konnte Bryan im darauffolgenden Herbst sogar drei Container für ältere Obdachlose aufstellen. Und mittels seines Onlinenetzwerks einen der Wohnungslosen in ein festes Mietverhältnis vermitteln.

Jetzt sammelt er erneut für sein Winterprogramm, ist zuversichtlich wieder helfen zu können. Auf längere Sicht wünscht er sich ein paar feste Mitstreiter, um einen Verein zu gründen, „allein schaffe ich das gar nicht mehr alles“, sagt er. Er habe nie aufgehört, an sein Glück zu glauben, und wolle als Blogger auch andere Menschen dazu ermutigen, ihr Glück zu finden. Dafür arbeitet er derzeit auch an einem Buch.

Infos: www.hamburger-obdachlose.de