Universität Hamburg: Über berühmte Studenten und große Pläne

Blick auf das Hauptportal der Universität Hamburg im Jahr 1954

Blick auf das Hauptportal der Universität Hamburg im Jahr 1954

Foto: Duerkop/dpa

Vor 100 Jahren wurde die Universität gegründet – gegen erhebliche Widerstände aus Politik und Kaufmannschaft. Wie es ihr trotzdem gelang, in mancher Hinsicht Maßstäbe zu setzen und Vorreiterin zu sein, schildert Insa Gall.

Hamburg. Als der Beschluss angenommen wird, vermerkt das Protokoll „Bravo“-Rufe. Gegen halb drei Uhr nachmittags fasst die Hamburgische Bürgerschaft am Freitag, 28. März 1919, eine Entscheidung, die für die Entwicklung der Hansestadt prägend sein soll: „Es wird eine Hamburgische Universität errichtet“, beschließen die neu gewählten Abgeordneten, die erst zu ihrer dritten Sitzung überhaupt zusammentreten.

Auch wenn die Gründung im Vergleich zu anderen Städten reichlich spät kommt: Sie ist angesichts der Skepsis, die in der Kaufmannsstadt seit Langem gegenüber den Elfenbeintürmen der Wissenschaft vorherrscht, spektakulär – und nur durch das neue Wahlrecht möglich geworden, das im Zuge der Novemberrevolution eingeführt wurde. Es hat den Sozialdemokraten in der erst zwei Wochen zuvor erstmals demokratisch gewählten Bürgerschaft zu einer Mehrheit verholfen.

So ist die Universität Hamburg, die in diesem Jahr mit zahlreichen Veranstaltungen ihr 100-jähriges Bestehen feiert, zwar kein altehrwürdiger Wissenstempel mit jahrhundertelanger Geschichte, wie Heidelberg oder Tübingen sie haben. Doch sie folgt einer eigenen Traditionslinie: Sie ist die erste demokratisch gegründete Universität in Deutschland; ihre Entstehung Teil eines gesellschaftlichen Aufbruchs. Und dieser Aufbruch in die Demokratie von Weimar spiegelt sich auch in den sozialdemokratischen Zielsetzungen der Universität, die als solche eine Errungenschaft der „neuen Zeit“ ist, wie Rainer Nicolaysen schreibt, der als Historiker die Hamburger Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte leitet.

Die Stadt wird zum Campus: So feiert die Uni Jubiläum

Im Eröffnungssemester sind gerade 1729 Studenten eingeschrieben, von denen viele im von Edmund Siemers gestifteten Hauptgebäude nahe dem Dammtor-Bahnhof studieren. Die Entwicklung zur heute viertgrößten Universität Deutschlands mit fast 43.000 Studenten und Doktoranden, einem Gesamtbudget von 724 Millionen Euro jährlich und Gebäuden über die ganze Stadt verteilt wird zu einem Abenteuer, das nicht ohne Brüche verläuft. Damals jedenfalls, so Nicolaysen, hätte sich keiner der Beteiligten „große Universitäten mit so vielen Studierenden wie heute“ vorstellen können.

Gründung: Die Angst der alten Elite

Der Streit um die Gründung einer Universität polarisiert Anfang des 20. Jahrhunderts ganz Hamburg. „Als ich 1909 nach Hamburg kam, musste man in den meisten Kreisen sehr vorsichtig von einer Universität sprechen; sehr einflussreiche Leute sahen in ihr nicht nur etwas Überflüssiges, sondern ein Bleigewicht für die wirtschaftliche Stoßkraft Hamburgs, das all seine Mittel dem Hafen zuwenden sollte“, schreibt der berühmte Hamburger Oberbaudirektor Fritz Schumacher in seinen Memoiren.

Dabei ist es keinesfalls so, dass zu dieser Zeit keine Wissenschaft in Hamburg getrieben wird – im Gegenteil: Die Hamburger Forschungs- und Bildungseinrichtungen übersteigen zu Beginn des 20. Jahrhunderts „nach Differenzierungsgrad und Finanzvolumen die Ausstattung einer jeden preußischen Universität ausgenommen Berlin“, schreibt Historiker Nicolaysen.

Die Wurzeln reichen bis in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts zurück, als der Reformator Johannes Bugenhagen in Hamburg neben der Gelehrtenschule des Johanneums auch ein „Lectorium“ zur Erwachsenenbildung schafft. 1613 entsteht zudem das „Akademische Gymnasium“ als Zwischenstufe zwischen Schule und Universität, das in zwei Semestern auf das Studium an den „höheren Fakultäten“ vorbereitet. Doch es hat nach längerer Blüte immer weniger Studenten und wird 1883 schließlich formal aufgelöst.

Wichtiger wird bald das 1764 aus dem Akademischen Gymnasium heraus begründete, 1837 reformierte und seither staatlich anerkannte Allgemeine Vorlesungswesen. Hier unterrichten Gastdozenten sowie die Direktoren der zahlreichen „Wissenschaftlichen Anstalten“: des Botanischen Gartens (1821), der Sternwarte (1833), des Chemischen Staatslaboratoriums (1878), des Physikalischen Staatslaboratoriums (1885), des Laboratoriums für Warenkunde (1885) und des Instituts für Schiffs- und Tropenkrankheiten (1900), das die rasante Entwicklung der Wissenschaften im 19. Jahrhundert auch Hamburg beschert – ebenso wie die Gründung der Kunsthalle (1869), des Museums für Kunst und Gewerbe (1877), des Völkerkundemuseums (1879) sowie des Museums für Hamburgische Geschichte (1908). Ebenfalls 1908 entsteht das Kolonialinstitut, das Kolonialbeamte ausbildet und zur Basis der Auslandsstudien wird – später ein Markenzeichen der Universität.

Diese Persönlichkeiten lehrten an der Universität Hamburg

Vereinzelt gibt es zwar jetzt schon Stimmen, die fordern, eine Wirtschaftsmetropole wie Hamburg müsse auch als Wissenschaftsstandort Profil zeigen. Entscheidenden Auftrieb erhält die Universitätsidee aber erst Ende des 19. Jahrhunderts durch Werner von Melle, den Senatssyndikus, der 1900 Senator für das Höhere Bildungswesen und 1915 Erster Bürgermeister der Hansestadt wird. Er macht sich die Gründung einer Universität zur Lebensaufgabe.

Universität Hamburg: 1908 umfasste Vorlesungswesen 150 Veranstaltungen

Zum wichtigen Schritt auf diesem Weg wird die 1907 gegründete Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung, die sich um die Anwerbung von Gelehrten und wissenschaftliche Publikationen kümmert. Von Melle erweitert das Vorlesungswesen systematisch und bewerkstelligt einige spektakuläre Berufungen wie die des Nationalökonomen Karl Rathgen.

1908 umfasst das Vorlesungswesen bereits 150 Veranstaltungen; nahezu alle Arbeitsgebiete einer Universität sind vertreten, auch wenn es noch keine Universität gibt. Nachdem die Bürgerschaft im Jahr 1899 die Errichtung eines eigenen Vorlesungsgebäudes abgelehnt hat, stiftet nun der Hamburger Reeder und Kaufmann Edmund Siemers ein adäquates Zentrum für die wissenschaftliche Bildung. Die großzügige Schenkung – das markante Kuppelgebäude an der heute nach dem Stifter benannten Straße – wird 1911 eingeweiht.

Doch die Gründung einer Universität bleibt nach wie vor heiß umstritten. Ihre Gegner argumentieren mit den unkalkulierbaren Kosten. Auch wird die „geniale Einseitigkeit“ Hamburgs als Kaufmannsstadt beschworen. Selbst einige Leiter der bestehenden wissenschaftlichen Einrichtungen sind skeptisch, fürchten sie doch um deren Eigenständigkeit, wenn sie unter dem Dach einer Universität vereinigt würden.

Sozialdemokraten stehen Universitätsgründung skeptisch gegenüber

Teile der bürgerlichen Elite haben zudem Sorge, dass profilierte Wissenschaftler ihnen den Rang ablaufen könnten. So zumindest erinnert es später Oberbaudirektor Schumacher: Als Unter­ton habe eine Art Eifersucht mitgespielt, „denn man fürchtete, dass die geistige Führerschaft des Gemeinwesens von einer selbstbewussten Gelehrtenklasse angefochten werden könnte“. Auch die Sozialdemokraten stehen einer Universitätsgründung unter den gegebenen Rahmenbedingungen skeptisch gegenüber, weil sie nicht Bildung für alle, sondern nur für eine konservative Bildungselite bringen und damit deren Führungsanspruch zementieren würde.

So ist die Lage – und von Melles Bemühungen scheitern an der Bürgerschaft. Sie lehnt die Gründung einer Universität 1913 mit 80 zu 73 Stimmen ab. Das sei „nicht gerade ein Ausweis von Weitblick und Weltläufigkeit“ für eine Handelsmetropole gewesen, die kurz vor dem Ersten Weltkrieg zur zweiten Millionenstadt in Deutschland aufsteigt, urteilt Universitätshistoriker Nicolaysen. Erst die Republik macht den Weg frei für eine Universität in der Hansestadt. In ihrer allerletzten Sitzung bringt die alte, noch nach Klassenwahlrecht gewählte Bürgerschaft am 18. März 1919 den Gesetzesentwurf zur Universitätsgründung erneut zu Fall.

Doch zehn Tage später schlägt die historische Stunde: Der fast unveränderte Gesetzesentwurf wird nun vor allem dank der neuen, sozialdemokratischen Mehrheit beschlossen. „Frei soll die Lehre sein und frei das Lernen, würdig dem freien Staat Hamburg“, triumphiert der spätere Schulsenator Emil Krause (SPD). Der faktische Universitätsbetrieb hat da schon begonnen; es gibt neben der Rechts- und Staatswissenschaftlichen, der Philosophischen und der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät auch eine Medizinische Fakultät. Bereits im Januar waren Notkurse für Kriegsheimkehrer eingerichtet worden. Frauen, die seit 1909 überall in Deutschland studieren dürfen, sind von Anfang an dabei – auch wenn es wenige sind und sie es in der männerdominierten Universität schwer haben.

Universität Hamburg wurde 10. Mai 1919 mit Festakt eröffnet

Vor allem den Sozialdemokraten ist der demokratische Anspruch dieser Reformuniversität wichtig. Die neue Hochschule müsse „einen Inhalt bekommen, der dem Geiste der neuen Zeit entspricht. Wir müssen eine Universität haben mit freiester Verfassung und mit freiesten Zulassungsbedingungen“, fordert Sozialdemokrat Emil Krause. Die Einrichtung solle „allen Gliedern des Volkes“ Gelegenheit geben, die Geistesfähigkeiten zu erwerben, die sie für wünschenswert halten. Auch Volksschullehrer sollten hier studieren dürfen und ausgebildet werden.

Als die Universität dann mit einem Festakt am 10. Mai 1919 in der Musikhalle eröffnet wird, ist Werner von Melle am Ziel. Doch in seiner Rede betont er nicht so sehr den von den Sozialdemokraten gewünschten Reformanspruch der Hochschule, sondern hofft, dass sich die Universität im Gleichklang mit ihren „älteren Schwestern“ entwickeln solle.

Weimarer Republik: Namhafte Köpfe zieht es nach Hamburg

In den ersten Jahren treffen Reformanspruch und Beharrungsvermögen hart aufeinander. Sozialdemokraten und DDP wollen eine „Volksuniversität“ mit gleichen Zugangschancen für alle schaffen, die im Demokratisierungsprozess deutscher Hochschulen eine Vorreiterrolle spielt. Rektor, Universitätssenat und viele Professoren hingegen möchten „gerade durch möglichst große Übereinstimmung mit dem traditionellen Hochschulwesen den Wert ihrer Institution begründen“, wie Nicolaysen es formuliert. Sie torpedieren die Zulassung von Volksschullehrern und kämpfen darum, Talare zu tragen, um ihr Bedürfnis nach sozialer Abgrenzung zu befriedigen. So bleibt die Universität zerrissen.

Das tut ihrem Erfolg aber keinen Abbruch. In der Weimarer Republik gewinnt die Universität Hamburg schnell Anerkennung, vor allem durch die Verpflichtung international anerkannter, liberaler Wissenschaftler, die ihre frühe Blütezeit begründen: Da sind der spätere Nobelpreisträger für Physik Otto Stern, der Philosoph Ernst Cassirer, der Kunsthistoriker Erwin Panofsky und der Strafrechtler Moritz Liepmann, der Jurist Albrecht Mendelssohn Bartholdy und der Psychologe William Stern.

Caren Miosga: Erinnerungen an den „Retter des Konjunktivs“

Die Zahl der Studierenden steigt von 1729 im Eröffnungssemester bis 1923 auf über 4500 und pendelt sich Anfang der 1930er-Jahre auf etwa 3700 ein; die Anzahl der Lehrenden verdoppelt sich von 145 auf knapp 300. In der Philosophie und Kunstgeschichte, Psychologie und Pädagogik, Physik und Mathematik, Völkerrecht, Kriminologie und Sozialökonomie, Neurologie und Chirurgie erwirbt die junge Universität bald überregionales, zum Teil internationales Ansehen.

Gemäß dem Selbstverständnis Hamburgs als Tor zur Welt bieten insbesondere die Sprach- und Kulturwissenschaften ein breites Spektrum; Weltwirtschaft und Überseehandel werden erforscht. Die Tropenmedizin wächst. Herausragend für die Entwicklung der Kulturwissenschaften, wenn auch nicht Teil der Universität, werden die Sammlungen und Forschungen der von Aby Warburg begründeten Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg.

Die Universität – das ist in der öffentlichen Wahrnehmung zunächst vor allem das von Siemers gestiftete Hauptgebäude am Dammtor. Viele Vorlesungen und Seminare finden hier statt. Vereinzelt werden Villen in der Umgebung angemietet. Das zweite größere Uni-Gebäude (neben dem UKE) wird der bis heute so genannte Pferdestall am späteren Allende-Platz, den die Stadt dem Fuhrunternehmen Schlüter 1928 abkauft. 1929 ziehen hier Geisteswissenschaftler ein. Zwischen diesen beiden Punkten – dem Hauptgebäude und dem Pferdestall am Grindel – wird sich in den 1950er-Jahren der Campus Von-Melle-Park entwickeln.

Universität Hamburg: 1932 ist jeder vierte Student eine Frau

Die Hamburger Hochschule wird zwar nicht zu der ersten Reformuniversität Deutschlands, wie Sozialdemokraten und DDP es sich bei der Gründung vorgestellt hatten. Hochschulbildung bleibt weitgehend das Privileg einer kleinen, männlichen Elite. Doch es gibt fortschrittliche Ansätze: Ende 1926 wird die Volksschullehrerausbildung in die Universität integriert. Der Anteil jüdischer Hochschullehrer ist vergleichsweise hoch, der Anteil von Arbeiterkindern (6,8 Prozent) liegt zumindest über dem Reichsdurchschnitt (3,2 Prozent). 1932 ist jeder vierte Student eine Frau (18,5 Prozent im Reichsdurchschnitt).

Identitätsstiftend für die gesamte Institution habe diese Liberalität an der Uni allerdings nicht gewirkt, sagt Historiker Nicolaysen. Vor allem gegen Ende der Weimarer Republik entwickelt sich ein heftiges, spannungsgeladenes Gegen­einander von demokratischen und restaurativen Kräften, wobei Letztere in der Mehrheit sind. „Auch in Hamburg fühlten sich die meisten Hochschullehrer den aus dem Kaiserreich überkommenen Werten verpflichtet und standen der ersten deutschen Demokratie skeptisch bis offen ablehnend gegenüber“, so Nicolaysen. Bestandteil der antidemokratischen Grundhaltung ist häufig ein teils offener, teils latenter Antisemitismus. Als der Meteorologe und Hitler-Sympathisant Albert Wigand Rektor wird, gibt es 1931/32 einen deutlichen Rechtsruck.

NS-Zeit: Das „Führerprinzip“ löst die Selbstverwaltung ab

Die nationalsozialistische Diktatur beendet die kurze Blüte der jungen Universität. Die entscheidende Rolle bei ihrer „Gleichschaltung“ spielt der Historiker Adolf Rein, der von 1934 bis 1938 Rektor der Universität ist. Schon Anfang 1933 fordert er, Wissenschaft in Deutschland müsse in völkische „Willenschaft“ überführt werden. Im Mai 1933 zum Regierungsdirektor in der Hochschulbehörde ernannt, beginnt er mit der nationalsozialistischen Umgestaltung der Universität, die sich bei einer Festveranstaltung zu Hitler bekennt. Anfang 1934 tritt das „Führerprinzip“ an die Stelle der universitären Selbstverwaltung. Stolz preist sie der spätere Rektor Adolf Rein als „erste nationalsozialistische Hochschule in Deutschland“.

Schon früh hat 1933 die Ausgrenzung und Entrechtung jüdischer oder politisch unerwünschter Professoren begonnen. Insgesamt werden mehr als 90 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus „rassischen“ oder politischen Gründen entlassen, darunter führende Köpfe wie William Stern und Ernst Cassirer, ­Albrecht Mendelssohn Bartholdy und Otto Stern, die den Ruhm der Universität begründet haben – es ist ein intellektueller Exodus. Viele von ihnen gehen unter schwierigen Bedingungen ins Exil. Cassirers Lehrstuhl für Philosophie wird in ein neues Ordinariat für Rassenbiologie umgewandelt.

Der ersten Professorin der Universität, der Germanistin Agatha Lasch, gelingt die Flucht nicht mehr. Sie wird 1942 deportiert und ermordet. Andere verüben Suizid. Solidarität erfahren die Geschassten von ihren Professorenkollegen nicht. Auch wenn unter denen Anfang 1933 nur zehn NSDAP-Mitglieder sind (bis 1945 werden es 280 sein), begrüßen viele doch die Abkehr von der Republik oder folgen aus Opportunismus den Regeln des Regimes. Jüdische Studierende werden ebenfalls schrittweise von der Universität verbannt, Berufungsverfahren von Hochschullehrern stehen unter politischen Vorzeichen. Über der „Hansischen Universität“, wie sie ab 1935 heißt, wehen nun die Hakenkreuzfahnen. Für Rektor Rein steht sie in einem „entscheidenden Frontabschnitt des deutschen Gesamtlebens“.

Kahlschlag an einigen Instituten der Universität Hamburg

Alle Bereiche der Universität sind bald von der nationalsozialistischen Doktrin beeinflusst; in manchen Instituten gibt es einen regelrechten Kahlschlag. „Ganze Forschungszweige wurden beseitigt und Kontinuitätslinien abgeschnitten: ein irreversibler Substanzverlust“, urteilt Historiker Nicolaysen. Wissenschaft steht jetzt immer mehr im Dienste völkisch-rassistischer Ideologie oder ist zweckorientiert: So werden Professuren für Rassenbiologie, Kriegsgeschichte und Wehrwissenschaft geschaffen und Kampfgaskunde, Militärstrafrecht und Rohstoffkunde der Kolonien gelehrt. Wenn Hochschullehrer dem Regime gegenüber ein gewisses Beharrungsvermögen zeigen, dann weniger aus Distanz zum NS-Staat, sondern um die eigene Selbstbestimmung zu verteidigen.

Politisch gewollt, sinkt die Zahl der Studierenden bis 1939 auf 1385. Sie müssen neben ihrem Studium an politischen Schulungslagern und organisierten Sportaktivitäten teilnehmen. Im Sommersemester 1939 ist jeder zweite Studierende Mitglied im NS-Studentenbund. Nur wenige Hochschullehrer setzen Zeichen von Widerstand – ebenso wie die Studenten der „Hamburger Weißen Rose“. Vier von ihnen verlieren dabei ihr Leben, unter ihnen die Medizinstudentin Margaretha Rothe, die 1943 verhaftet wird und 1945 mit 25 Jahren stirbt.

Als die Universität im Mai 1944 ihr 25-jähriges Bestehen begeht, hält sie die Fahne weiter hoch. Doch zu feiern gibt es wenig: Viele der Gebäude sind zerstört, die Studenten an der Front. Ein normaler Lehr- und Forschungsbetrieb findet kaum noch statt. Die Universität habe in den zwölf Jahren des Nationalsozialismus nicht nur an wissenschaftlicher Substanz verloren, sagt ihr späterer Vizepräsident Prof. Holger Fischer. „Sie verlor ihre Identität.“

1945–1960: Neuer Aufbruch ohne kritischen Rückblick

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs versucht die Hochschule dennoch, möglichst ohne Brüche an die Zeit vor 1933 anzuknüpfen. Die britischen Besatzer schließen die „Hansische Universität“ im Mai 1945; ein halbes Jahr später wird sie als „Universität Hamburg“ zum Wintersemester feierlich wiedereröffnet. Der neue Rektor Emil Wolff, ein Anglist, interpretiert die Nazi-Herrschaft als politischen Einbruch in die wissenschaftliche Welt, eine Art Ausnahmesituation, und bietet allen, die sich im „Dritten Reich“ nicht zu extrem exponiert haben, an, zur vermeintlichen „Normalität“ zurückzukehren, sagt Nicolaysen.

Das fördert die Geschlossenheit der Professoren, die ihre Energie auf den Wiederaufbau des Universitätsbetriebs konzentrierten, setzt zugleich aber auch einen gemeinsamen Verdrängungsprozess in Gang. Eine Auseinandersetzung über die Rolle der Universität im „Dritten Reich“ findet – wie auch in anderen Institutionen – nicht statt.

Die personelle Kontinuität ist groß. Die Besatzungsmächte betreiben ihre Entnazifizierungsbemühungen bald nur noch halbherzig. Immer mehr Belastete werden zu „Mitläufern“ deklariert und dürfen wieder an der Universität unterrichten. Sogar Adolf Rein, der als Rektor maßgeblich die Gleichschaltung der Universität betrieben hat, wird 1945 zwar aus dem Hochschuldienst entlassen, aber im Rahmen der Entnazifizierung erst als „Mitläufer“ und später sogar als „entlastet“ eingestuft. Er kann die Anerkennung seiner vollen Pensionsbezüge durchsetzen und hält 1953 sogar erstmals wieder einen Vortrag an der Universität. Mit dem mehrfachen Versuch, wieder als Professor ins Vorlesungsverzeichnis aufgenommen zu werden, scheitert er.

Haspa-Chef Vogelsang genoss die studentischen Freiheiten

Weniger willkommen sind vor den Nazis geflohene ehemalige Professoren an ihrer alten Universität. Nur wenige der exilierten Hochschullehrer kehren nach Hamburg zurück. Die Universitätsgremien sind teils abwartend, teils blockieren sie die Berufung sogar – etwa als der 1933 entlassene Germanist Walter A. Berendsohn aus dem Exil an seine Heimat-Universität zurückkehren will. Erst in den 1980er-Jahren beginnt die Universität Hamburg, die eigene Geschichte und Verstrickung in der NS-Zeit systematisch zu erforschen, und wird damit deutschlandweit zum Vorreiter.

So kann kein selbstkritischer Blick zurück den Aufbruch der Hochschule in den 1950er-Jahren beeinflussen. Sie wächst rasant: Werden im ersten Nachkriegssemester unter schwierigen Bedingungen gerade 3051 Studenten aufgenommen, sind es 1950 bereits 4506 und zehn Jahre später 12.674. Die Theologische Fakultät kommt hinzu, die Rechts- und Sozialwissenschaftliche differenziert sich aus. Aus vier Fakultäten werden sechs. Die Wissenschaften entwickeln sich stürmisch.

Ende der 1950er-Jahre beginnt entsprechend das größte Bauprogramm in der Geschichte der Universität mit dem Ausbau des Campus am Von-Melle-Park. 1957 bis 1959 entsteht das Audimax, kurz darauf der 52 Meter hohe Philosophenturm als neue Heimat der geisteswissenschaftlichen Institute. Mitte der 1970er-Jahre kommt das Geomatikum für die Fachbereiche Mathematik und Geowissenschaften hinzu, das mit 22 Stockwerken alle anderen Häuser Eimsbüttels überragt. Symptomatisch für die Situation ist allerdings der Philosophenturm: Als er 1963 endlich eröffnet wird, ist er für die Zahl der Menschen, die hier lehren, forschen und studieren sollen, bereits zu klein. Die permanente Raumnot soll die Universität in den folgenden Jahrzehnten stets begleiten.

60er- und 70er-Jahre: Die Allmacht der Professoren fällt

Der demokratische Aufbruch der jungen Bundesrepublik spiegelt sich auch an den Universitäten, die zum Katalysator der Entwicklung werden. Zentren der deutschen 68er-Bewegung sind Berlin und Frankfurt am Main, doch auch in Hamburg fordern immer mehr Studenten mehr Mitbestimmung und eine Erneuerung der universitären Strukturen, wo die ordentlichen Professoren – Ordinarien genannt – mit großer Machtfülle und patriarchalischem Gehabe ziemlich unangefochten herrschen. Bisweilen lassen sie ihre Assistenten Vorlesungen halten oder ganze Bücher schreiben, Studenten werden schon mal privat zum Rasenmähen oder Kinderhüten eingesetzt. Die Studenten wollen mitreden bei dem, was gelehrt wird. Bei den regelmäßigen Vollversammlungen im Audimax geht es aber auch um den Vietnamkrieg und eine neue Gesellschaftsordnung. Der SDS druckt im Keller des heutigen Abaton-Kinos am Allende-Platz Flugblätter und organisiert Teach-ins.

Im November 1967 entrollen die Jura-Studenten Detlev Albers und Gert Hinnerk Behlmer im Audimax beim jährlichen Festakt zum Rektorwechsel ein Transparent, das später deutschlandweit zum Symbol für den Aufstand der Studenten gegen verkrustete Strukturen an den Hochschulen des Landes wird – und für die 68er-Bewegung schlechthin. Als der bisherige Rektor Karl-Heinz Schäfer und sein Nachfolger Werner Ehrlicher in ihren Talaren mit einem Tross von Professoren einziehen, schieben sich Albers und Behlmer vor den Zug und entrollen das Transparent mit der Aufschrift „Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren“. Der Spruch verbindet den Protest gegen die autoritären Universitätsstrukturen jener Tage in Anspielung auf das „Tausendjährige Reich“ mit der Kritik an der kaum und schon gar nicht selbstkritisch thematisierten NS-Vergangenheit vieler Professoren. Der AStA-Vorsitzende Björn Pätzoldt fordert anschließend in seiner Rede eine Demokratisierung der Hochschule – seine Argumente stoßen auf große Resonanz, auch bei Bürgermeister Herbert Weichmann (SPD).

Demokratisierung der Hamburger Universität gewinnt an Fahrt

Nachdem die Pläne für ein neues Universitätsgesetz jahrelang nicht vorangekommen sind, gewinnt die Demokratisierung der Hochschule nun an Fahrt, auch weil der stark anwachsende akademische Mittelbau, die nach Mitbestimmungsrechten strebenden Dozenten, Assistenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter, die Forderung nach einer grundlegenden Reform unterstützen.

Detlev Albers gilt als Schöpfer der „Drittel-Parität“, jener dann auch bundesweit verbreiteten studentischen Forderung, nach der Professoren, akademischer Mittelbau und Studenten jeweils ein Drittel der Stimmen in allen Gremien erhalten sollen. Zuvor hatten die Ordinarien fast allein über die Entscheidungsmacht verfügt. Im April 1969 verabschiedet die Bürgerschaft das neue Universitätsgesetz, das als erstes seiner Art in der Bundesrepublik mit den alten Strukturen bricht.

Der Bruch ist radikal. „Der mit dem Hamburger Universitätsgesetz von 1969 vollzogene Wechsel von der Ordinarienuniversität zur Gruppenuniversität“, sagt Nicolaysen, „erschien manchen ihrer Angehörigen nicht weniger als eine Neugründung der Institution.“ Auf eine Feier zum 50. Jubiläum der Universität im Mai 1969 wird verzichtet, weil sie nach Meinung von Rektor Werner Ehrlicher in der „gegenwärtig in Gruppen zerfallenen“ Universität „weder möglich noch angebracht“ sei. Die alte Riege der Professoren sieht keinen Grund zum Feiern. Talare tragen die Professoren nach dem „Muff“-Eklat nie wieder.

Hamburger Hochschule zur Reformuniversität

Parallel zu dem Aufbruch gibt es eine Demokratisierung des Bildungsanspruchs. Schon 1965 hatte der Soziologe Ralf Dahrendorf in seinem Buch „Bildung ist Bürgerrecht“ mehr soziale Chancengleichheit und eine Öffnung der Universitäten für breite Bevölkerungsschichten gefordert. Jeder, der in Deutschland das intellektuelle Rüstzeug mitbrachte, sollte studieren können. Die sozialliberale Koalition unter Führung von Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) greift diese Forderung ab 1969 auf und setzt eine große Bildungsreform um. Um mehr Studenten aufnehmen zu können, wird auch in Hamburg die Zahl der Studienplätze deutlich ausgeweitet. Von 1945 bis 1980 verdoppelt sich die Zahl der Studenten jedes Jahrzehnt. Die Reformen scheinen angesichts des Wirtschaftsaufschwungs Ende der 1960er-Jahre bezahlbar. Doch schon sehr bald fehlt in Zeiten von Ölkrise und Wirtschaftseinbruch ab 1973 das Geld, um die rapide wachsenden Universitäten finanziell angemessen auszustatten.

Dessen ungeachtet wird die Hamburger Hochschule zur Reformuniversität. Die Studien- und Prüfungsordnungen werden in den 1970er-Jahren modernisiert, neue Lehr- und Arbeitsformen etabliert, eine Begegnung von Lehrenden und Studierenden auf Augenhöhe eingeübt, das Aushandeln von Entscheidungen auf Basis breiter Diskussion erprobt. Bald hat die Universität Hamburg den Ruf, „eine der ruhigsten und arbeitsintensivsten Hochschulen in Deutschland zu sein“.

Das ist auch dem langjährigen Präsidenten Peter Fischer-Appelt zu verdanken. Seine Wahl schlägt im Dezember 1969 hohe Wellen, kann sich mit dem 37-Jährigen doch nach der Einführung einer neuen Präsidialverfassung ein wissenschaftlicher Assistent als Präsident der Universität durchsetzen – und kein Professor. Mehr als 2500 Zuhörer verfolgen im Audimax die stundenlange Anhörung der Kandidaten, „ein Ereignis, wie es das so auch an anderen Universitäten nie gegeben hatte“, erinnert sich Fischer-Appelt heute. „Alles änderte sich damals ungeheuer schnell.“ Er versteht sich von Beginn an als Vertreter der gesamten Universität und ist auf Ausgleich bedacht, gewinnt schnell die Anerkennung auch der Professoren und setzt auf ein gutes Verhältnis zu Bürgermeister Weichmann. Der Theologe bleibt 21 Jahre lang an der Spitze der Hochschule und erlangt große Achtung.

80er- und 90er-Jahre: Wenig Geld trotz Studentenmassen

Anfang der 1980er-Jahre ist die Universität Hamburg auf gut 40.000 Studenten angewachsen. Doch die Einlösung des Versprechens der Bildungsreformen wird bei chronischer Unterfinanzierung der Hochschulen immer problematischer. Die Bundesländer stellen den Universitäten nicht die erforderlichen Finanzmittel für die wachsende Studentenschaft zur Verfügung, sondern erwarten von ihnen, eine „Überlast auf Zeit“ zu tragen – auf lange Zeit, wie sich herausstellt. Das ist, urteilt der Historiker Nicolaysen, der Beginn eines anhaltenden „Ausnahmezustands“. Die Politik habe die Universität auf der Überlast sitzen lassen, erinnert sich Fischer-Appelt. 1991 habe die Universität über die gleiche Stellenzahl wie 1972 verfügt. Doch die Zahl der Studenten war von 18.500 auf 43.000 hochgeschnellt.

Das ist überall zu spüren: Nicht selten sitzen in beliebten Seminaren 100 Studenten, viel persönlicher Austausch zwischen ihnen und ihren akademischen Lehrern ist unter diesen Umständen nicht möglich. Wegen der Finanz- und Raumnot kommt es immer wieder zu Streiks der Studenten, die freilich wenig bewirken. Der totale Numerus clausus wird eingeführt. Mit einer ungeheuren Kraftanstrengung versucht die Universität dennoch, so vielen jungen Menschen wie möglich das Studium zu ermöglichen.

In manchen Fächern gibt es keine benoteten Scheine. Der Einzelne läuft Gefahr, in der Masse unterzugehen. Viele Studenten zeigen trotzdem Leistung, systematisch gefordert und gefördert wird dieses von der Universität nicht überall. Dafür wird viel diskutiert. Wer Klausuren zur Vorbereitung auf das Examen als Alternative zu schriftlichen Hausarbeiten anbietet, muss sich vorwerfen lassen, die reaktionären Kräfte an der Universität zu stärken. Nach und nach erwirbt sich Hamburgs Universität den Ruf, mittelmäßig zu sein. Das Schlagwort von der Massenuniversität mögen Kritiker zwar nicht, weil es auf einem elitären Bildungsbegriff zu fußen scheint, doch der Befund ist klar: An der systematisch unterfinanzierten Universität absolviert eine sehr große Zahl von Studenten in einer großen Breite von Fächern ihr Studium.

Stellenstreichungen werden zum Signum der 1990er-Jahre, auch weil um 1970 im Zuge der Expansion geschaffene Stellen nach Eintritt der Stelleninhaber in den Ruhestand nicht wieder besetzt werden, so Nicolaysen – „mit der erkennbaren Tendenz von Staat und Politik, sich von ihrer Verantwortung für eine adäquate Ausstattung der ,Massenuniversität‘ vollends zurückzuziehen“.

Universität Hamburg setzt Maßstäbe bei Befassung mit eigener Geschichte

Er betont jedoch, dass in verschiedensten Bereichen der Universität trotz widrigster Umstände auch in den 1980er- und 1990er-Jahren Enormes geleistet wird. „Was unter diesen schwierigen Bedingungen geklappt hat und gut lief, ist erstaunlich.“ Das der Universität anhaftende Etikett „mittelmäßig“ verschatte den Blick auf diese Leistungen. Vorreiter ist die Uni in den 70er- und 80er-Jahren beispielsweise dank Fischer-Appelt bei der Anbahnung vieler internationaler Kontakte, auch zu osteuropäischen Universitäten wie Leningrad, Sofia, Prag, Budapest, Dubrovnik und anderen. „Das war eine wissenschaftspolitische und auch außenpolitische Leistung“, sagt Nicolaysen.

Auch bei der Befassung der Hochschulen mit der eigenen Geschichte während der NS-Zeit setzt Hamburg Maßstäbe: Als erste Universität in Deutschland erforscht die Uni in einem offiziellen Projekt von 1983 bis 1991 systematisch den „Hochschulalltag im Dritten Reich“ – 50 Jahre nach der Machtergreifung der Nazis.

1991 folgt der Jurist Jürgen Lüthje Fischer-Appelt an der Spitze der Universität. Er bleibt bis 2006 ihr Präsident und intensiviert die Zusammenarbeit der Hochschule mit Wirtschaftsverbänden sowie kulturellen und wissenschaftlichen Einrichtungen der Stadt. Dass die Veränderungen der Hochschule in der Folge der 1968er-Bewegung „letztlich die Effizienz und Leistungsfähigkeit der Universitäten beeinträchtigt haben, wie es in der Diskussion um die Gruppenuniversität vielfach befürchtet wurde, muss heute bezweifelt werden“, sagt er. Schließlich entließen die Hochschulen eine vielfache Zahl von durchaus gut ausgebildeten Absolventen mit weniger Ressourcen.

Auch gibt es Fächer und Schwerpunkte, in denen die Universität Hamburg stark ist: bei den fremden Sprachen und Kulturen, bei Naturwissenschaften wie Physik und Chemie, in den Geowissenschaften beispielsweise.

Klaus von Dohnanyi sorgt für einen Eklat

In der Politik kommt das nicht unbedingt an. Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) sorgt während seiner Regierungszeit in den 1980er-Jahren für einen Eklat, als er von der „Margarine-Universität“ spricht, was offenbar deren Mittelmäßigkeit umschreiben soll. Immer wieder aufs Neue muss die Hochschule an ihre gesellschaftliche Bedeutung erinnern. „Nur allzu oft entstand damals der Eindruck, die Universität, eine der größten deutschen Hochschulen und immerhin Landesuniversität des Stadtstaates Hamburg, werde von diesem ,eher als Fremdkörper denn als Vorzeigeobjekt behandelt‘“, so Historiker Nicolaysen.

Tiefpunkt ist ein weiteres verpatztes Jubiläum – wie bemerkenswerterweise bereits die Feiern zum 25- und zum 50-jährigen Bestehen. So muss der große Festakt zum 75. Geburtstag der Universität, der im Mai 1994 in der Musikhalle geplant ist, noch am selben Tag wegen massiver Proteste von Studenten abgesagt werden. Sie finden: Angesichts der Situation an der Hochschule, die von chronischer Unterfinanzierung, zusätzlichen drastischen Sparverpflichtungen und Raumnot geprägt ist, gibt es nichts zu feiern.

Um die Nullerjahre verändern sich die Rahmenbedingungen an der Universität massiv. Der Wandel hat einen Namen: Bologna. In der italienischen Stadt wird 1999 eine Vereinbarung getroffen, die das Studiensystem von Grund auf reformiert. Europaweit sollen die Abschlüsse harmonisiert und stärker auf eine Berufsqualifizierung ausgerichtet werden. Das Studium wird stringenter organisiert. Studiert wird künftig zweistufig mit einem Bachelor-Abschluss nach drei Jahren und gegebenenfalls einem aufbauenden Master-Abschluss nach weiteren zwei Jahren. Die Anforderungen werden kleinteilig definiert, Studenten müssen in Modulen Leistungspunkte (sog. ECTS-Credits) erwerben, die Regelstudiengänge werden mit Stoff vollgepackt; manche sagen: überladen.

Jahrtausendwende: Bachelor, Master und kühne Baupläne der Uni Hamburg

Die Universitäten müssen die Umstellung stemmen, wieder ohne ausreichende Finanzmittel. Das Studium wird effizienter, die Verschulung der höheren Bildung geht allerdings auf Kosten der akademischen Freiheit. Zur wichtigsten Frage der Studenten in vielen Lehrveranstaltungen wird: „Gibt es dafür Leistungspunkte?“

Auch ansonsten herrscht zu Beginn dieses Jahrhunderts Verunsicherung an der Universität. Studiengebühren werden eingeführt und später wieder abgeschafft. Die Baufälligkeit vieler Universitätsgebäude macht Schlagzeilen. Der CDU-geführte Senat erwägt, die Universität auch wegen des Sanierungsstaus aus dem Herzen der Stadt auf den Kleinen Grasbrook zu verlegen, muss den Plan aber bald wieder aufgeben.

Auch die kurze Präsidentschaft der Raumfahrt­expertin Monika Auweter-Kurtz von Ende 2006 bis Mitte 2009 sorgt für extreme Unruhe. In einem Aufruf hatten 120 Professoren die Abwahl der Präsidentin gefordert, weil sich die Hochschule unter ihrer Leitung „zu einer autoritär geführten Einrichtung entwickelt“ habe – ein bis dahin beispielloser Vorgang.

Doch es gibt auch Zeichen des Aufbruchs: Der CDU-geführte Senat beauftragt Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi, mit einer Kommission Vorschläge für eine Hochschulreform zu erarbeiten, um den Wissenschaftsstandort Hamburg international leistungsfähiger zu machen. In dem 2003 vorgelegten Papier wird eine Erhöhung der Studierendenzahlen vorgeschlagen, der Neuschnitt der Fachbereiche in größere Einheiten, der Abbau von geisteswissenschaftlichen und künstlerischen Fächern zugunsten von Erziehungs-, Natur-, Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften sowie Medizin. Die Geisteswissenschaftler laufen Sturm; Lob gibt es hingegen von der Handelskammer. Tatsächlich werden aus 18 Fachbereichen bis heute acht Fakultäten; die Mitbestimmung wird erheblich reduziert. Der Wissenschaftsetat steigt.

Ab 2010: Mit einem neuen Präsidenten zur Exzellenz-Uni

Vor allem aber wollen Politik und Universität die Rolle der Hochschule(n) in Hamburg neu definieren und ehrgeizigere Ziele setzen. Was folgt, ist für den Universitätshistoriker Nicolaysen der größte Umbruch seit der Reform in der Folge der 1968er. „Den seither größten Strukturwandel erlebt die Universität seit einigen Jahren“, schreibt er schon 2008, „nicht in der Richtung, wohl aber im Grad der Veränderung erinnernd an jenen Wandel vor 40 Jahren.“

2010 kommt der Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen als neuer Präsident der Universität nach Hamburg; zuvor leitete er die Freie Universität Berlin, die er zur Exzellenz führte. Während der SPD-Alleinregierung von Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) von 2011 bis 2015 spielt die Wissenschaft noch eine untergeordnete Rolle. Wie die meisten öffentlichen Einrichtungen werden die Hochschulen finanziell an der kurzen Leine gehalten; ihre Ausgaben dürfen jährlich nur um 0,88 Prozent wachsen – das ist weniger als die Tarifsteigerung. Im Abendblatt protestieren die Hochschulchefs gemeinsam gegen das Spardiktat, das die Entwicklung ihrer Hochschulen gefährde.

Als es anfing, interessant zu werden, brach Littmann ab

Auch der Sanierungsstau in den Universitätsgebäuden nimmt bedrohliche Ausmaße an – jetzt rächt sich, dass jahrelang zu wenig investiert wurde. Im Foyer der Sozialökonomen müssen Eimer aufgestellt werden, weil es durchregnet. Aus der Fassade der Theologischen Fakultät brechen dicke Betonbrocken heraus; eine Überdachung muss Passanten schützen. Ein Gebäude der Chemiker am Martin-Luther-King-Platz wird sogar vorübergehend stillgelegt.

Wissenschaft wichtig für die Zukunft der Stadt Hamburg

Allein die nötigsten Sanierungen würden 150 Millionen Euro kosten. Um alle Gebäude auf den Stand der Technik zu bringen, müssten in den kommenden Jahren und Jahrzehnten bis zu 500 Millionen Euro investiert werden, heißt es 2018 in einem Gutachten. Lenzen spricht von den „Ruinen, die sich Universität nennen“ – ein Zitat, das Wellen schlägt. Die drei Altpolitiker Klaus von Dohnanyi (SPD), Wolfgang Peiner (CDU) und Willfried Maier (Grüne) zeigen sich angesichts der mangelnden Förderung von Wissenschaft in einem parteiübergreifenden Aufruf „In Sorge um Hamburg“.

Doch im Laufe der Zeit kommt auch in der Politik die Botschaft an, dass die Wissenschaft in der Stadt, die lange vom Hafen lebte, eine zentrale Rolle für die Sicherung der Zukunft im 21. Jahrhundert spielen muss – stark befördert von den Grünen und ihrer Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank, die ab 2015 an der Regierung beteiligt sind, was sich in einem steigenden Wissenschaftsetat äußert.

Olaf Scholz greift die Idee zunächst zögerlich auf, sein Nachfolger Peter Tschentscher (SPD) tut das mit sehr viel mehr Nachdruck auf. „Wissen und Wissenschaft sind damit die entscheidende Dimension unserer künftigen Entwicklung“, sagt Tschentscher bereits in seiner Regierungserklärung im April 2018 kurz nach seinem Amtsantritt und kündigt an: „Wir werden die innovativsten Köpfe aus Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft nach Hamburg holen.“

Philosophenturm der Uni Hamburg wird saniert

Ende 2018 konstatiert Uni-Präsident Lenzen: „Die Politik dieser Stadt ist außerordentlich wissenschaftsfreundlich geworden.“ 2019 gibt die Stadt ein Drittel mehr für die Wissenschaft aus als 2011. Der XFEL-Laser, mit dem die Universität kooperiert, hat große internationale Strahlkraft. Die Pläne für die Science City in Bahrenfeld gelten als Meilenstein. „Zum ersten Mal in 100 Jahren hat Hamburg klargestellt, dass die Universität und mit ihr die Wissenschaft große grundlegende Bedeutung für die Stadt haben“, sagt Fischer-Appelt.

Auch ein umfangreiches Bauprogramm läuft an: Die Fakultät Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften (MIN) bekommt mit dem MIN-Forum und dem Neubau für die Informatik zwei neue Gebäude auf dem Bundesstraßen-Campus. Das Haus der Erde (Neubau am Geomatikum an der Bundesstraße) für die Geowissenschaften und die Klimaforschung soll noch 2019 eröffnen. Der Philosophenturm wird saniert.

Universität Hamburg: Alexander Gerst grüßt aus dem All

100 Jahre nach ihrer Gründung ist die Universität heute die größte Forschungs- und Ausbildungseinrichtung in Norddeutschland mit 188 Studiengängen und knapp 43.000 Studenten, die von 667 Professoren unterrichtet werden. Frauen gehören nicht nur längst selbstverständlich zum Alltag, sie sind unter den Studenten mit 56,2 Prozent (ohne Promotionsstudenten) sogar in der Mehrzahl. Je weiter es in der Hierarchie nach oben geht, wird ihr Anteil allerdings geringer. So sind 30,1 Prozent der Professoren Frauen.

Vor allem aber fördert Hamburg nun gezielt und hochschulübergreifend die Exzellenz. Den Anstoß dazu hatte bereits der CDU-geführte Senat nach der Initiative der Dohnanyi-Kommission gegeben, die Grundlagen waren lange davor schon in den entsprechenden Forschungsbereichen gelegt worden.

Universität Hamburg ist in der Stadt sichtbarer geworden

Mit Erfolg: Zunächst kann sich die Universität Hamburg ab 2012 bei der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder mit zwei Clustern durchsetzen. In der neuen Runde des Programms erhält sie in dem hart umkämpften Wettbewerb sogar den Zuschlag für vier Exzellenzcluster. Ab 2019 fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Projekte der Photonen- und Nanowissenschaften, der Klimaforschung, der Manuskriptforschung sowie der Quantenphysik. Ein sensationeller Erfolg, den die Universitätsleitung zusammen mit Bürgermeister Tschentscher, Wissenschaftssenatorin Fegebank sowie den beteiligten Forschern per Live-Übertragung verfolgt und mit Konfettikanonen und Sekt feiert. Bescheinigt er doch, dass die Hamburger Wissenschaftler auf diesen Gebieten zu aktuellen Fragen der Wissenschaft auf Weltklasseniveau forschen.

Die Universität ist in der Stadt sichtbarer geworden – vom ungewöhnlichen Talk-Spektakel „Wahnsinn trifft Methode“ im Nachtasyl des Thalia Theaters bis zum Dammtor-Bahnhof, der seit Kurzem den Namenszusatz „Universität“ trägt, und vielem mehr. Bei einer Meinungsumfrage der Hochschule erklärten kürzlich 84,1 Prozent der Befragten, die Universität habe eine große Bedeutung für die Hansestadt.

Wird die Hamburger Uni doch noch zu einer Exzellenzuniversität?

In ihrem Jubiläumsjahr bewirbt sich die Hochschule nach dem Erfolg bei den Exzellenzclustern jetzt darum, eine zusätzliche Förderung als eine von elf deutschen Exzellenz-Universitäten zu bekommen. Der neue Wettbewerb soll bewirken, dass die ausgewählten Unis dauerhaft auf Top-Niveau arbeiten; sie bekommen jährlich zusätzlich bis zu 15 Millionen Euro Förderung.

Ein internationales Gutachterteam war Ende Januar bereits da, um alles unter die Lupe zu nehmen. Beim letzten, missglückten Jubiläum zum 75-jährigen Bestehen im Jahr 1994 hätte sich das wohl niemand vorstellen können: Die Hamburger Hochschule, die lange Zeit den Ruf einer mittelmäßigen Massenuniversität hatte, könnte zur Exzellenzuniversität werden.

Ein schöneres Geschenk zu ihrem 100. Geburtstag wäre kaum denkbar.

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Haben Sie, liebe Leserin und lieber Leser, an der Universität Hamburg studiert? Dann schildern Sie uns Ihre Erfahrungen! Das Hamburger Abendblatt sammelt diese Berichte, Einschätzungen und Erinnerungen (in Wort und in Bild) aus den vergangenen Jahrzehnten und möchte sie veröffentlichen.

Daraus kann im Jubiläumsjahr der Hochschule ein Kaleidoskop des Lebens an der Universität entstehen.

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