Stadtplanung

Neues Bauprojekt: Schöner leben an Hamburgs Einfallstraßen

Oberbaudirektor Franz-Josef Höing vor dem Hamburger Stadtmodell.

Oberbaudirektor Franz-Josef Höing vor dem Hamburger Stadtmodell.

Foto: Marcelo Hernandez

Oberbaudirektor Franz-Josef Höing plant ein Bauforum, das die Magistralen in den Mittelpunkt rückt – und das Hamburg verändern soll.

Hamburg.  Der Umbau der großen Einfallstraßen nimmt Fahrt auf. Nach Willen des Oberbaudirektor Franz-Josef Höing werden im August internationale Architekten und Stadtplaner gemeinsam Ideen und Konzepte für die Magistralen der Zukunft entwickeln. Zwischen dem 19. und dem 24. August 2019 soll im Rahmen eines Bauforums in den Deichtorhallen Hamburg neu gedacht werden. Das Hauptziel des Bauforums: Magistralen sollen zu lebenswerten Räumen werden, die Wohnen und Arbeiten verbinden.

Gleich 15 Straßen hat die Behörde ausgemacht, von denen sieben Magistralen für das Bauforum ausgewählt wurden: Dazu gehören die Amsinckstraße bis Bergedorf, die Stresemannstraße bis Rissen, die Kieler Straße, der Ring 2, die Grindelallee bis Langenhorn, der Steindamm bis Meiendorf und die B73 von der Hannoverschen Straße bis zur Cuxhavener Straße.

Hamburger Abendblatt: Sie nehmen die Ausfallstraßen in den Blick. Warum dieses Thema?

Franz-Josef Höing: Unsere Städte wachsen, weil es eine Sehnsucht nach Stadt gibt. Es begeben sich Planer auf die Suche nach entwicklungsfähigen Räumen im Inneren der Stadt - und landen zwangsläufig an den Magistralen. Der Begriff mag sperrig sein, er klingt nach Champs-Élysées, aber beschreibt manchmal eher das Gegenteil. Doch schon Hamburgs prägender Oberbaudirektor Fritz Schumacher hat in seinem Fächerplan die Magistralen als Korsettstangen der Stadt gedacht. Sie sind das urbane Rückgrat.

Warum sind die Magistralen heute so schwierige Straßen?

In den vergangenen Jahrzehnten haben wir Planer uns zu wenig mit diesen Räumen in ihrer Gesamtheit befasst, sondern nur häppchenweise. Es fehlte ein Drehbuch für diesen Raum. Wir müssen diese zerrissenen Räume in die Stadt zurückholen. Magistralen übernehmen viele Funktionen, sie sind Ausfallstraßen, Stadtteilzentren, Freiräume und Lebensräume. Rund 135.000 Hamburger wohnen in 100 Meter Umkreis der für das Bauforum ausgewählten Magistralen. Hier kann und muss sich Stadt weiterentwickeln.

Stadtplaner vergangener Jahrzehnte haben die Straßen vor allem als Mobilitätszonen, nicht als Lebensräume verstanden...

Ob das ein bewusster Plan war, bezweifele ich. Die Zunft hat sich einfach mehr mit zentralen Lagen befasst, mit Brach- und Hafenflächen. Sie sind inzwischen planerisch bewältigt. Wir müssen uns nun den Magistralen widmen - sie mögen in einzelnen Abschnitten stark vom Verkehr geprägt sein und einen spröden Charme haben, an anderen Stellen sind es intakte und gut funktionierende Räume, die erahnen lassen, was hier möglich ist. Schauen Sie sich etwa die Palmaille an. Grüne Konturen in den Straßenräumen sind wunderbar.

Für das Bauforum wurden sieben Magistralen ausgewählt - nach welchen Kriterien?

Uns war wichtig, dass alle Bezirke beteiligt sind und sich wiederfinden. Es geht hier um ein gesamtstädtisches Thema, es geht um unser Bild von Stadt. Ich halte Schumachers Plan mit den grünen Fingern und Fugen weiterhin für hochaktuell - das ist das Tafelsilber von Hamburg. Diesen Plan wollen wir weiterdenken.

Zu den Magistralen gehört eine großstädtische Straße wie die Grindelallee ebenso dazu wie eher traurige Pisten a la Kieler Straße.

Wir haben zu den Magistralen die provokative Frage gestellt, ob sie die Boulevards von morgen sind. Das ist eine steile These, aber soll den Anspruch formulieren: Wir finden uns nicht damit ab, wie manche Straßen heute aussehen. Wir wollen mehr Stadt in der Stadt und neue urbane Qualität - damit sind diese Orte gemeint.

Wird das der Einstieg in die Verkehrsreduzierung?

Das ist mir zu eindimensional. Die Magistralen übernehmen ja eine zentrale Funktion und werden weiterhin Mobilitätsschlagadern bleiben, auch wenn sich die Verkehre wandeln. An manchen Stellen wird man sie kultivieren müssen. Das Bauforum soll den Blick in die Zukunft richten, Steine ins Wasser werfen, aber nicht fertige Pläne präsentieren. Das ist ein sehr freies Format. Das Thema Verkehr wird mitdiskutiert werden, aber nicht unter einem ideologischen Blickwinkel. Magistralen bieten alle Delikatessen, mit denen wir Planer uns in den kommenden Jahren beschäftigen müssen. Sie führen durch die Welt der Nachkriegsarchitektur. Vieles ist in die Jahre gekommen. Die Stadtteile verändern sich, und da spielen die Magistralen eine zentrale Rolle.

Viele sehen in den Magistralen die Flächen für den Wohnungsbau von morgen.

Auch das ist etwas eindimensional. Es gibt kühne Zahlen von 100.000 neuen Wohnungen, von denen ich persönlich wenig halte. Wir suchen im Bauforum nicht nach neuen Abwurfflächen für den Wohnungsbau. Uns geht es um städtische Nutzungsvielfalt, dabei kann es genauso um neue Arbeitswelten gehen. Auch Tankstellen und Baumärkte haben ihre Berechtigung. Wir wollen keine Bilderstürmer sein, alles Spröde der 1950er Jahre abreißen und neu und doppelt so dicht wieder aufbauen. Es gibt Qualitäten, die wir erst wieder freischaufeln müssen. Die Zeit des Tabula Rasa ist vorbei.

Wie sehr unterscheiden sich die Straßen untereinander – bedarf es individueller Lösungen, oder kann man Modelle entwickeln, die für alle Straßen gelten?

Es gibt keine Patentrezepte. Die ausgewählten Straßen sind sehr unterschiedlich in Dichte, Funktion und Charakter. Fahren Sie beispielsweise nach Wandsbek - da durchqueren sie verschiedene Welten. Trotzdem können wir zu ersten Ideen kommen, die an anderen Stellen aufgegriffen werden können. Das Bauforum soll zu einem Steinbruch der Ideen werden. Mir geht es aber nicht nur um bunte Bilder und das Happening: Natürlich wollen wir ein paar Regeln und Haltungen identifizieren, einen Maßstab dafür definieren, wie hoch und dicht der Stadtraum in Hamburg in Zukunft werden soll.

Wie haben Sie sich persönlich die Magistralen erschlossen?

Ich fahre da häufig entlang, ich wandere oder radele dort am Wochenende. Oft stellen sich die Räume vor Ort ganz anders da als auf dem Plan von oben. Mich treibt die Frage um, wo sich die Stadt entwickeln kann.

Mit dem Bauforum greifen Sie ein Instrument auf, das Hamburg in der Vergangenheit verändert hat.

Das stimmt. Dieses Bauforum ist vielleicht etwas delikater, weil es um Räume geht, in denen viele Menschen leben. Das erste größere Bauforum meines Vorvorgängers Egbert Kossak hat sich mit dem Elbufer zwischen St. Pauli und Neumühlen befasst, ein damals fast vergessener Ort. Danach ging es um die Entwicklung der Hafencity, von Hammerbrook oder den Sprung über die Elbe. Die Voraussetzungen für die Entwicklung dieser Gebiete waren ganz unterschiedlich.

Wie wollen Sie die Bürger in die Entwicklung miteinbeziehen?

Das Format will auch andere Disziplinen hören, nicht nur Architekten und Planer. Es geht um Kunst, um soziologische und politische Positionen, um eine bunte Mischung von Leuten. Eine klassische Bürgerbeteiligung ist ein Bauforum nicht. Wir schließen uns da aber nicht eine Woche mit Experten ein und lassen am Ende weißen Rauch hochsteigen, sondern wollen ein offenes Format. Es sollen möglichst viele Menschen in die Deichtorhallen kommen, die sich einschalten und mitdiskutieren.

Schauen Sie ins Ausland?

Ja, viele Metropolen stellen sich die Fragen, etwa in Paris und London. Aber in dieser Dimension und mit diesem Format hat es noch keiner gemacht - zumindest nicht in Deutschland. Wir befinden uns in einer Phase, in der Städte sich stark verändern. Da benötigen wir den Mut, freier zu denken. Es sollte Hamburgs Anspruch sein, diese Debatte zu befeuern.