Hamburg

Warum tötete Tim B. einen Behörden-Mitarbeiter?

Der 29-jährige Angeklagte sitzt zu Prozessbeginn in einem Gerichtssaal im Landgericht neben seiner Anwältin Annette Voges. Der Mann ist wegen Mordes, versuchten Mordes und schwerer Brandstiftung angeklagt.

Der 29-jährige Angeklagte sitzt zu Prozessbeginn in einem Gerichtssaal im Landgericht neben seiner Anwältin Annette Voges. Der Mann ist wegen Mordes, versuchten Mordes und schwerer Brandstiftung angeklagt.

Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Beginn des Prozesses gegen den 29-Jährigen, der Angestellte des Zuführdienstes anzündete, als sie ihn in Psychiatrie bringen wollten.

Hamburg. Graues T-Shirt, Dreitagebart, die Haare kurz rasiert, die Schultern hängen schlapp nach unten, die Blicke des jungen Mannes sind stets nach vorn gerichtet, wirken fokussiert und doch ins Nichts gerichtet. Es heißt, später wolle sich Tim B. äußern zu den Geschehnissen im vergangenen September deretwegen er sich seit gestern wegen Mordes, versuchten Mordes, gefährlicher und schwerer Körperverletzung sowie schwerer Brandstiftung vor dem Landgericht verantworten muss.

Doch was er sagt, hören nur die Prozessbeteiligten: Auf Antrag der Verteidigung wird nach Verlesung der Anklage hinter verschlossenen Türen weiter verhandelt. Klar ist aber, um was es an den kommenden neun Verhandlungstagen vor allem gehen wird: um die psychische Verfassung des Angeklagten und um die Frage, warum Tim B. einen Amtsmitarbeiter mit einem Brandsatz ermordete.

Am 24. September sollte Tim B. abgeholt werden

Es ist der 24. September 2018, ein Montagvormittag, an dem sich die beiden 50 und 59 Jahre alten Mitarbeiter des Zuführdienstes vom Bezirksamt Altona auf den Weg in die Weusthoffstraße nach Eißendorf machen, um dort Tim B. abzuholen. Der damals 28-Jährige lebt bei seinem Vater, im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses. Er ist psychisch krank. Sein Betreuer (58) hatte damals eine Verschlechterung des Zustandes festgestellt und einen Gerichtsbeschluss erwirkt, wonach Tim B. dringend benötigte Hilfe in einer psychiatrische Einrichtung erhalten soll. Dass von Tim B. eine Gefährdung für andere ausgehen könnte, hat damals niemand vermutet. Für die beiden Mitarbeiter des Zuführdienstes, die den Einsatz begleiten sollen, ist es ein Routineeinsatz. Beide haben jahrelange Erfahrung im Umgang mit psychisch Kranken.

Der Vater hat den Beamten zuvor den Schlüssel zur Wohnung gegeben, er selbst ist nicht dort, als die Beamten die Wohnung betreten. Ein Zimmer ist verschlossen – es ist das Zimmer von Tim B., der sich dort zunächst verschanzt. Es riecht nach Benzin. Die beiden Mitarbeiter entschließen sich, die Tür einzutreten, der Betreuer steht etwas weiter entfernt. Kaum ist die Tür geöffnet, überschüttet Tim sich und die beiden Männer mit bereits brennendem Spiritus. Der 50-Jährige steht sofort in Flammen, reißt sich seine Jacke von Leib und rennt durch das Treppenhaus nach draußen. Auch sein 59-jähriger Kollege wird von den Flammen erfasst. Er schafft es ins Badezimmer und löscht sich selbst. Tim B. springt unterdessen aus dem Fenster – und fällt drei Stockwerke tief.

Der Behördenmitarbeiter hinterlässt eine Frau und drei Kinder

Als Polizei und Feuerwehr um etwa 11.30 Uhr mit einem Großaufgebot anrücken, erwartet die Beamten ein Bild des Grauens. Auf der Wiese vor dem Haus entdecken sie den 50-jährigen Beamten, er ist lebensgefährlich verletzt. Trotz sofortiger notärztlicher Versorgung erliegt er noch vor Ort seinen Verletzungen. Auch sein 59-jähriger Kollege und Tim B. sind lebensgefährlich verletzt.

Bei seinem Sturz aus dem Fenster hat er sich Knochenbrüche und eine Lungenquetschung zugezogen. Der Betreuer von Tim B. hat Glück gehabt – er ist nur leicht verletzt worden. Den Brand bringt die Feuerwehr schnell unter Kontrolle, die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer durch die Stadt, erreicht die Behörden und das Rathaus. Der Senat zeigt sich bestürzt über den Tod des Bezirksmitarbeiters, der eine Ehefrau und drei Kinder hinterlässt. Es handele sich um eine „entsetzliche Tragödie“.

Es geht vor allem um die Schuldfähigkeit von Tim B.

Was sich an jenem 24. September in Eißendorf abgespielt hat, ist auch Gegenstand der Anklage, die Staatsanwältin Lissa Ehmke am Mittwoch verliest. Sie spricht von einer Mordtat, heimtückisch und grausam zugleich. Tim B. hingegen schaut weiter starr geradeaus. Ob er die Worte verstehe, fragt der Vorsitzende Richter Joachim Bülter. Tim B. nickt wortlos.

Bei den Fragen, die das Gericht nun zu klären hat, wird es vor allem um die Schuldfähigkeit und die psychische Verfassung von Tim B. gehen. Details dazu sind vorerst nicht zu erwarten. Denn Tim B.’s Verteidigerin Annette Voges hat am Mittwoch erfolgreich beantragt, die Öffentlichkeit für die Dauer des Prozesses auszuschließen. Richter Bülter begründete den Beschluss damit, dass das Verfahren neben einer Freiheitsstrafe auch die Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung zum Gegenstand hat. Wesentliche Teile der Hauptverhandlung würden sich mit der psychologischen Verfassung des Angeklagten befassen, der nach vorläufiger Einschätzung des Sachverständigen zum Tatzeitpunkt nur vermindert schuldfähig war. Der Gutachter hat außerdem die Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung empfohlen.

Der 59-jährige Kollege vom Zuführdienst, der – wie auch die Ehefrau des Getöteten – als Nebenkläger auftritt, ist zum Prozessauftakt nicht im Gericht erschienen. Er habe schwerste Verbrennungen am Oberkörper und im Gesicht sowie ein lnhalationstrauma und eine Rauchgasintoxikation erlitten, so Staatsanwältin Ehmke: „Er dürfte dauerhaft entstellt bleiben.“