Drama bei Zwangseinweisung

Beamter nach Brandanschlag außer Lebensgefahr

Sanitäter und Notärzte behandeln die Verletzten auf einer Grünfläche vor dem Mehrfamilienhaus in Eißendorf. Ein Mann starb, zwei weitere erlitten schwerste Verbrennungen

Sanitäter und Notärzte behandeln die Verletzten auf einer Grünfläche vor dem Mehrfamilienhaus in Eißendorf. Ein Mann starb, zwei weitere erlitten schwerste Verbrennungen

Foto: André Zand-Vakili

Psychisch Gestörter (28) setzt sich und zwei Mitarbeiter des Bezirksamtes in Brand. Ein Beamter stirbt. Täter sollte in Psychiatrie.

Hamburg.  Der Anblick ist auch für die anrückenden Feuerwehrleute schwer zu ertragen, überall Leid und Feuer. Auf der Grünfläche an der Weusthoffstraße beugen sich Notärzte über drei Menschen mit schwarz verbrannter Haut, einem können sie nicht mehr helfen. Kleidungsstücke liegen verstreut herum, Helikopter dröhnen über der Szenerie. Die Wohnung im dritten Obergeschoss des Mehrfamilienhauses in Eißendorf spuckt noch immer Qualm in den Himmel.

Es ist 11.30 Uhr am Montagmorgen und das Ende dessen, was kaum 30 Minuten vorher als Routineeinsatz des Bezirksamtes begann. Weil der psychisch kranke Tim D. nicht in eine geschlossene Einrichtung eingewiesen werden wollte, setzte er zwei Mitarbeiter des sogenannten Zuführungsdienstes, seinen 58 Jahre alten Betreuer und sich selbst in Brand. Ein 50 Jahre alter Beamter starb; die Ärzte kämpfen weiter um das Leben seines Kollegen und des 28-jährigen Tim D. Die Schockwelle der Tat reichte am Montagnachmittag bis in das Hamburger Rathaus. „Den Angehörigen des getöteten Mitarbeiters des Bezirksamtes Altona spreche ich mein tiefes Mitgefühl und Beileid aus“, sagte Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD).

Richter ordnet Einweisung in Psychiatrie an

Der 50-Jährige und sein 59 Jahre alter Kollege können nichts von der Bedrohung ahnen, als sie sich am Montagmorgen auf den Weg zur Weusthoffstraße machen. Sie sind alte Hasen, seit zehn und 20 Jahren beim Zuführungsdienst, der beim Bezirksamt Altona angesiedelt ist. Es ist kein leichter Job, die Betroffenen sind irrational, manche werden handgreiflich. „Es hat aber in den vergangenen Jahren keine Fälle von exzessiver Gewalt gegeben“, sagt ein Sprecher des Bezirksamtes in Altona. Der 50-Jährige durchläuft regelmäßig Fortbildungen, ist eine Fachkraft darin, in Konfliktsituationen die Ruhe zu bewahren und deeskalierend zu wirken.

Der 58 Jahre alte Betreuer von Tim D. soll die Beamten begleiten. Er ist vom Gericht bestellt worden, hat den psychisch Kranken beobachtet. Tim D. wohnt seit Längerem in dem Mehrfamilienhaus der Saga zur Miete. Weil sich sein Zustand immer weiter verschlechterte, wurde die Einweisung in eine geschlossene Einrichtung von einem Richter angeordnet. Eine Risikoanalyse und die Befragung des Betreuers ergibt jedoch, dass er nicht zur Gewalt gegen andere neige und offenbar auch nicht akut suizidgefährdet sei. Er ist der Polizei nie wegen Straftaten aufgefallen.

Die drei Männer klingeln an der Tür von Tim D., er lässt sie ins Treppenhaus und erwartet sie an seiner Wohnung im dritten Stock bereits. Zunächst schüttet er eine brennbare Flüssigkeit über die beiden Beamten. Dann kommt es zu einer Verpuffung, eine Stichflamme setzt die Einrichtung seiner Wohnung und die Opfer in Brand.

Abteilung trauert gemeinsam um verstorbenen Kollegen

"Die Kleidung des 50-Jährigen brannte sofort. Dem Mann gelang es noch, seine Jacke auszuziehen und über das Treppenhaus ins Freie zu flüchten", teilte die Polizei am Dienstag mit. Er läuft noch knapp 30 Meter, ehe er auf der Grünfläche vor dem Haus zusammenbricht. Dort erliegt er kurze Zeit später seinen schweren Verletzungen.

Auch die Kleidung seines 59-jährigen Kollegens gerät sofort in Brand. "Ihm gelang es mutmaßlich noch, sich unter der Dusche im angrenzenden Bad selbst zu löschen, bevor er ebenfalls über das Treppenhaus aus der Wohnung flüchtete", sagte Polizeisprecherin Heike Uhde am Dienstag. "Er wurde mit schwersten Verbrennungen, einer Rauchgas-Intoxikation und Inhalationstrauma per Hubschrauber in eine Spezialklinik geflogen." Er befinde sich aktuell außerhalb akuter Lebensgefahr. Der 59-Jährige und Tim D. erleiden ein Inhalationstrauma und Verbrennungen zweiten und dritten Grades an bis zu 15 Prozent ihres Körpers, wie die Feuerwehr später notiert.

Die Flammen schlagen kurzzeitig auch auf die Dachgeschosswohnung des Gebäudes über; in der Folge kämpfen vor Ort zwei Löschzüge der Berufsfeuerwehr und eine freiwillige Feuerwehr gegen die Flammen. Sie bekommen den Brand in der Wohnung schnell unter Kontrolle. Rettungshubschrauber landen am Ort des Brandanschlags, bringen den schwer verletzten Mitarbeiter des Bezirksamts und Tim D. später zu Spezialisten im Unfallkrankenhaus Boberg und einer weiteren Klinik in Lübeck. Der 58 Jahre alte Betreuer wird bei der Verpuffung körperlich nur leicht verletzt, erleidet jedoch einen schweren Schock und kann am Montag noch nicht vernommen werden. Ihm gelang ebenfalls die Flucht durch das Treppenhaus.

Tim D. schloss sich in die Küche ein

Im Bezirksamt Altona informiert die Leitung des sogenannten Zuführungsdienstes alle etwa 20 Mitarbeiter des Verstorbenen, will sie zusammenrufen, um gemeinsam über die entsetzliche Tat zu sprechen, um ihren verstorbenen Kollegen zu trauern und um das Leben des Schwerverletzten zu bangen. „Bei Bedarf wird seelsorgerische Hilfe zur Verfügung stehen“, sagt ein Sprecher des Bezirksamts Altona. Dessen Leiterin Liane Melzer drückt ihre Bestürzung und ihr Beileid aus. „Auch bei dem schwer verletzten Mitarbeiter sind meine Gedanken, und ich wünsche ihm alles Gute“, so Melzer.

Beamte der Mordkommission der Polizei haben die Ermittlungen am Tatort aufgenommen. Dabei wird es auch darum gehen, ob es möglicherweise Anzeichen dafür gab, dass Tim D. gefährlich sein könnte. Nach Angaben der Polizei begab sich Tim D. nach der Tat in die Küche und schloss sich dort ein. Er sprang später aus der brennenden Wohnung im dritten Obergeschoss. "Er erlitt neben Verbrennungen schwere Trümmerbrüche sowie eine Lungenquetschung", so Polizeisprecherin Uhde. Auch der 28-Jährige befindet sich außerhalb akuter Lebensgefahr.

Heute wird der Erlass eines Unterbringungsbefehls durch das zuständige Amtsgericht gegen den Mann geprüft.