Drama bei Zwangseinweisung

Der tödliche Brandanschlag: Warum war keine Polizei dabei?

Sanitäter und Notärzte behandeln die Verletzten auf einer Grünfläche vor dem Mehrfamilienhaus in Eißendorf. Ein Mann starb

Sanitäter und Notärzte behandeln die Verletzten auf einer Grünfläche vor dem Mehrfamilienhaus in Eißendorf. Ein Mann starb

Foto: André Zand-Vakili

50-jähriger Bezirksmitarbeiter starb bei Einweisung von psychisch Gestörtem (28). Bezirk prüft Abläufe. Zweites Opfer überlebt.

Hamburg.  Es ist eine kleine Erleichterung nach der entsetzlichen Tat eines psychisch Gestörten: Der zweite Mitarbeiter des Bezirksamtes, der am Montag von dem 28-jährigen Tim D. bei einer Zwangseinweisung in Eißendorf plötzlich in Brand gesetzt wurde, ist ebenso wie der Täter außer Lebensgefahr. Ein 50-jähriger Beamter war dagegen bei der Tat gestorben. Unterdessen beginnt die Aufarbeitung des Brandanschlages – zentral ist dabei die Frage, ob die Gefahr durch Tim D. unterschätzt wurde.

Es würden nun alle Abläufe bei Zwangseinweisungen überprüft, sagte ein Sprecher des hamburgweit zuständigen Bezirksamtes Altona dem Abendblatt. „Dabei geht es generell um die Frage, wie die Mitarbeiter des Zuführungsdienstes im Einsatz geschützt sind. Und auch darum, ob die Risikoanalyse in diesem Fall richtig war.“

In anderen Bundesländern ist polizeiliche Begleitung Standard

Bislang bewerten die Beamten etwa anhand der Einschätzung der Betreuer und möglicher vorheriger Zwischenfälle, ob ein psychisch Gestörter bei der Zwangseinweisung eine Gefahr für sich selbst oder die Beamten darstellen könnte – und entsprechend Polizisten für den Transport in eine geschlossene Einrichtung angefordert werden. In anderen Bundesländern ist eine polizeiliche Begleitung dagegen Standard.

Im Fall von Tim D. wurde bei dieser Analyse fälschlicherweise angenommen, von dem 28-Jährigen ginge keine Gefahr aus. Der Mann war nicht polizeibekannt und wird seit vier Jahren von einem gerichtlich bestellten Betreuer beobachtet.

Tim D. schloss sich in der Küche ein, ehe er vom Balkon sprang

Tim D. erwartete die Beamten des sogenannten Zuführungsdienstes bereits an der Wohnungstür, übergoss oder bespritzte sie mit einer brennbaren Flüssigkeit. „Es kam sofort zu einer Verpuffung“, so Polizeisprecher Timo Zill. Während der 50-jährige in Panik durch das Treppenhaus ins Freie lief und dort seinen Verletzungen erlag, konnte sich sein 59-jähriger Kollege noch selbst in der Dusche der Wohnung von Tim D. löschen. Dies hat ihm rückblickend womöglich sein Leben gerettet. Der 28-jährige Täter schloss sich in der Küche ein, ehe er vom Balkon seiner Wohnung im dritten Obergeschoss sprang.

Tim D. soll mit seinem Vater gemeinsam in dem Mehrfamilienhaus an der Wuesthoffstraße gelebt haben. Nachbarn zeigten sich schockiert von der Tat.

Die Beamtengewerkschaft Komba erklärte, die Tat müsse Konsequenzen haben. Möglicherweise müssten derartige Einsätze von Beschäftigten des Bezirksamtes künftig von der Polizei unterstützt werden, erklärte die Komba-Landesvorsitzende Ines Kirchhoff.