Prozess

Todesschüsse vor McFit: Angeklagter legt Geständnis ab

Der 23-Jährige hatte einen Bekannten wegen Geldschulden vor dem Fitnessstudio in Steilshoop erschossen. Ihm droht lebenslange Haft.

Hamburg. Die Szenen im Gerichtssaal erinnern an die Milieu-Serie 4 Blocks. Zur Sicherheit hat das Gericht eine Schleuse vor dem Eingang zu Saal 337 eingerichtet. Die Männer tragen Vollbärte und Goldkettchen, die Haare mit Gel zurückgelegt. Zwischendurch knacken sie mit den Fingerknöcheln oder lassen ihre Halsmuskeln knirschen. Die meisten Zuschauer, die erkennbar mit dem Angeklagten noch eine Rechnung offen haben, dürften der Hamburger Rockergang „die Bruderschaft“ angehören. So deutet es zumindest Wais O. an.

Er verstehe, dass alle auf ihn wütend seien, sagt der Angeklagte. Denn er hat ein Mitglied der Gang getötet, wie Wais O. vor dem Landgericht am Donnerstag einräumt: Nehmatollah H. (26), erst sein Kumpel, dann sein Feind. Im Streit um Geld gab der 23-Jährige auf Nehmatollah H. am 13. Juli 2018 vor einem McFit-Fitnessstudio an der Steilshooper Allee mindestens drei Schüsse ab.

Angeklagter gesteht die Tat

Durch einen Schuss zerbarst eine Autoscheibe, umherfliegende Splitter verletzten einen unbeteiligten Zeugen am Arm. Sein Opfer, getroffen in die Lunge und das Herz, verstarb noch am Tatort. Die Staatsanwaltschaft hat Wais O., der nach eigenen Angaben ein Bordell betreibt, wegen Mordes aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen angeklagt. Ihm droht eine lebenslange Haftstrafe.

Am Donnerstag gesteht der 23-Jährige die Tat. „Es tut mir wahnsinnig leid“, sagt Wais O. „Niemand hat den Tod verdient“. Um Mitglied der Rockergang „Bruderschaft“ zu werden, habe sich Nehmatollah H. ein Motorrad zulegen müssen. Er habe ihm Anfang 2018 deshalb 8000 Euro geliehen, das Geld habe ihm Nehmatollah H. jedoch nicht zurückgezahlt, sagt der Angeklagte. Zudem sei er mit dem jüngeren Bruder des späteren Opfers wegen einer Wohnungsübernahme in Streit geraten. Im weiteren Verlauf sei er bedroht worden, 15 Leute seien auf ihn losgegangen. Deshalb habe er Anzeige bei der Polizei erstattet.

Angeklagter hatte sich zum Schutz eine Waffe zugelegt

Auch der Konflikt mit Nehmatollah H. habe sich verschärft. Weil er herumerzählt habe, dass Nehmatollah H. seine Schulden nicht begleichen wollte, habe sich der 26-Jährige über ihn geärgert. „Zum Schutz“ habe er sich eine Schusswaffe besorgt – und jene Orte gemieden, wo er auf seinen Widersacher hätte treffen können. Das glückte ihm am 13. Juli nicht. An jenem Tag habe er bei McFit trainiert, dabei sei er Nehmatollah H. und seinem Begleiter Hakan begegnet.

„Beide sind sofort auf mich losgestürmt und haben mich in die Ecke gedrängt.“ Sie hätten ihn beschimpft und gedroht, ihn „platt zu machen“. „Ich hatte Angst, habe am ganzen Körper gezittert“, sagt der Angeklagte. Er sei dann nach Hause gefahren. „ Mir wurde aber bewusst, dass ich das so nicht stehen lassen konnte. Ich musste da wieder hin und das Geld zurückfordern. Wenn man so will, war es eine Art Kriegserklärung.“

Auf dem Parkplatz des Fitnessstudios habe er sodann Nehmatollah H. und Hakan getroffen, zuvor habe er die Waffe aus dem Auto geholt. „Ich wusste, dass beide Waffen besitzen, Hakan sogar eine vergoldete“, sagt der Angeklagte. Als Nehmatollah H. „das Gesicht verzogen“ und die Fäuste geballt habe, habe er „reflexartig“ zur Waffe gegriffen und auf ihn geschossen.

Angeklagter bereut die Tat

Nehmatollah H. habe sich dann „blitzschnell umgedreht“ und in den Kofferraum seines Autos gegriffen. Da habe er weitergeschossen. „Theoretisch war es keine Notwehr, ich hatte, ja die Möglichkeit wegzulaufen“, sagt Wais O. „Aber in dem Moment war ich wie angewurzelt, ich hatte Angst, dass er mich schlägt“, sagt Wais O.

Nur 45 Minuten nach den tödlichen Schüssen fasste die Polizei den 23-Jährigen am Jahnring. Er bereue die Tat zutiefst, sagt der Angeklagte. „Ich hoffe, dass die Angehörigen mir irgendwann vergeben können.“ Der Prozess wird fortgesetzt, ein Urteil nicht vor dem 28. Februar erwartet.