Prozess

Giftwolke über Hamburg – Angeklagte erneut vor Gericht

Einsatzkräfte der Feuerwehr und Polizei stehen am 6. August 2015 in Billbrook vor einer Chemiefirma. Aus einem Tank der Firma in einem Industriegebiet war ein zunächst unbekanntes Gas ausgetreten. Mehr als 100 Gäste eines Hotels und weitere Menschen in der Nähe der Firma mussten in Sicherheit gebracht werden.

Einsatzkräfte der Feuerwehr und Polizei stehen am 6. August 2015 in Billbrook vor einer Chemiefirma. Aus einem Tank der Firma in einem Industriegebiet war ein zunächst unbekanntes Gas ausgetreten. Mehr als 100 Gäste eines Hotels und weitere Menschen in der Nähe der Firma mussten in Sicherheit gebracht werden.

Foto: dpa Picture-Alliance / Daniel Bockwoldt / picture alliance / dpa

Ätzende Stoffe hatten 40 Hotelgäste in Billbrook verletzt. Jetzt stehen erneut drei Chemie-Arbeiter wegen Fahrlässigkeit vor Gericht.

Neustadt.  Als der Polizeibeamte auf dem Gelände der US-Firma Lubrizol am Billbrookdeich seinen Streifenwagen verlässt, stößt er auf eine „massive Nebelwand“. Am Abend des 6. August 2015 sind aus einem Chemie-Reaktor der Firma ätzende Gase entwichen. Ein „beißender, stechender“ Geruch liegt in der Luft, dazu ertönt ein lautes „Zischen und Fiepen“, erinnert sich der Polizist als Zeuge vor Gericht – er habe noch gesehen, wie die Wolke gen Westen zog.

Sie erreicht das einen Kilometer entfernte Hotel Böttcherhof. Durch die Lüftung gelangen Formaldehyd-Gase ins Gebäudeinnere. Gäste und Mitarbeiter erleiden Atemwegsreizungen und Hautrötungen, sie klagen über tränende Augen, Kopfschmerzen und Übelkeit. Mehr als 40 Menschen werden verletzt, vier kommen ins Krankenhaus. Auch einigen Polizisten fällt das Atmen schwer.

Drei Produktionsmitarbeiter sollen Panne verschuldet haben

Die aus Sicht der Staatsanwaltschaft Verantwortlichen für den Chemie-Unfall, drei Produktionsmitarbeiter, stehen seit dreieinhalb Jahren im Mittelpunkt des Verfahrens – schon allein wegen dieser „überlangen Dauer“ üben die Verteidiger massiv Kritik an der Justiz. Eine erste Verhandlung hatte das Amtsgericht Barmbek vor 14 Monaten ausgesetzt, weil ein Gutachten neu erstellt werden sollte. Seit Dienstag stehen die Angeklagten erneut vor Gericht. Die Anklage wirft Produktionsmeister Saban S. (54) und den zwei Chemie-Facharbeitern Mohamad I. (26) und Marco P. (21) vor, „absehbar und vermeidbar“ die Panne verschuldet und sich somit der fahrlässigen Körperverletzung strafbar gemacht zu haben.

Im später betroffenen Kessel RB 209 in Halle 1 produzierte die Firma Contram MBO, einen Konservierungsstoff, der verhindert, dass sich Pilze in Schmiermitteln bilden. Die Lauge besteht aus mehreren Rohstoffen, darunter Paraformaldehyd. Verrührt man die Substanzen, entsteht eine Reaktion: Der Sud wird sehr heiß und muss gekühlt werden. Tags darauf wird das Reaktionswasser „abdestilliert“. Bei der Mischung dieser Rohstoffe, so der Vorwurf, sollen die Angeklagten weder das korrekte Mischungsverhältnis eingehalten, noch für eine ausreichende Kühlung des Reaktors gesorgt haben.

Gaswolke bedroht eine Million Menschen in 20 Stadtteilen

Als die Angeklagten längst Feierabend haben, passiert es: Am 6. August 2015, gegen 20.45 Uhr, steht der Kessel dermaßen unter Druck, dass Formaldehyd und ein „explosives Luft-Gas-Gemisch“ aus dem Sicherheitsventil schießen. Während die Polizei den Unfallort abriegelt, rückt die Feuerwehr mit einem Großaufgebot aus – ABC-Alarm in der Stadt. Über den Katastrophendienst Katwarn gibt die Feuerwehr eine Warnung für 20 Stadtteile heraus, potenziell betroffen: rund eine Million Menschen. Derweil wird der Böttcherhof evakuiert – 100 Gäste und Mitarbeiter kommen in einer nahen Feuerwache unter.

Ermittlungsleiter Wolfgang H. trifft gegen 21.15 Uhr am Billbrookdeich ein. Der Geruch habe ihn an Thunfisch erinnert, sagt der Kriminalbeamte. Ihm sei bei Durchsicht der Protokolle aufgefallen, dass die Temperatur im Kessel am 6. August im Vergleich zu früheren Contram-Produktionen deutlich höher lag. Zudem seien an diesem Tag die Rohstoffe in nur vier statt wie üblich in fünf „Schüttungen“ in den Kessel gelangt. „Warum das so war, hat man mir nicht gesagt“, so der Beamte.

Die drei Angeklagten weisen den Vorwurf zurück

„Alles wurde ordnungsgemäß durchgeführt“, sagt Vorarbeiter Saban S. Als er die Firma gegen 15 Uhr verlassen habe, habe die Temperatur im Behälter mit 75 Grad auf Normalniveau gelegen. Doch stieg sie in den Stunden danach – auf mehr als 100 Grad. Eine Putzfrau bemerkte den Rauch auf dem Parkplatz und alarmierte die Feuerwehr. Er sei gegen 21 Uhr zur Firma gefahren, habe den Reaktor überprüft, aber „keine Auffälligkeiten“ festgestellt, sagt Saban S. Das Kühlsystem sei seit Inbetriebnahme der Anlage im Jahr davor permanent im Einsatz gewesen und stets gewartet worden. Er und seine zwei Untergebenen trügen keine Schuld an dem Vorfall – das hätten ihnen auch Studien der Uni Hamburg und ein Gutachten der Umweltbehörde attestiert. Etwas anders sieht es die Sachverständige in ihrem vorläufigen Gutachten: Demnach hätten die Angeklagten die chemische Reaktion zur Unfallverhütung weiter überwachen müssen. Zudem bestehe der Verdacht, dass die Grundstoffe an jenem Tag zu schnell miteinander vermischt worden seien.

Die Anlage RB 209 wurde nach dem Unfall vorübergehend stillgelegt. Wie aus einem Gutachten des TÜV Nord hervorgeht, arbeitete das Sicherheitsventil einwandfrei – es ließ Gas ab, als der Druck zu hoch wurde. Jedoch entdeckten die Prüfer im Kühlsystem ein geborstenes Rohr, wodurch der Abfluss von Kondenswasser gestört gewesen sein könnte. Zur Frage, ob dieser Defekt den Druckanstieg verursacht hat, sollen am nächsten Prozesstag Experten des TÜV Nord vernommen werden.