Mobilitätsstudie

Fast die Hälfte der Hamburger Haushalte braucht kein Auto

Immer mehr Hamburger sind mit dem Fahrrad unterwegs.

Immer mehr Hamburger sind mit dem Fahrrad unterwegs.

Foto: Andreas Laible

In zwei Bezirken liegt der Pkw-Anteil schon unter 50 Prozent. Auch Pendler aus dem Umland belasten die Straßen stark.

Hamburg.  Immer mehr Hamburger Haushalte verzichten auf ein eigenes Auto. Lag der Anteil der autofreien Haushalte in der Hansestadt 2008 noch bei 32 Prozent, so kommen jetzt bereits 43 Prozent ohne eigenen Pkw aus. Das ist eines der zentralen Ergebnisse der aktuellen Studie „Mobilität in Deutschland“ und des dazu gehörigen Kurzreports zu Hamburg, der dem Abendblatt vorliegt.

Für diese Studie im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums wurden laut Bundesregierung zwischen Mai 2016 und September 2017 bundesweit etwa 155.000 Haushalte zu ihrer Mobilität befragt, so viele wie noch nie zuvor. Bereits 2002 und 2008 hatte es solche Untersuchungen gegeben.

In Nord und Mitte ist Zahl der Haushalte ohne Auto am größten

48 Prozent der Hamburger besitzen demnach derzeit ein, acht Prozent zwei Autos, ein Prozent mehr als zwei. Dabei unterscheiden sich die Daten auch stark innerhalb der Stadt. So verzichten in den Bezirken Nord und Mitte sogar 52 Prozent der Haushalte auf ein eigenes Auto. Den höchsten Anteil von Autobesitzern gibt es demnach in Wandsbek, wo 68 Prozent der Haushalte ein, zwei oder mehr Autos besitzen.

Die Nutzung des motorisierten Individualverkehrs (MIV) ist bei den Hamburgern nach der Untersuchung zurückgegangen. „2017 beträgt der Hamburger Anteil der MIV-Fahrer 26 Prozent und der der MIV-Mitfahrer zehn Prozent“, heißt es in der Studie. „Insgesamt legten die Bürger und Bürgerinnen der Hansestadt 2017 also ein gutes Drittel ihrer Wege mit Auto, Motorrad oder Lkw zurück. 2002 und 2008 lag dieser Anteil noch bei über 40 Prozent.“

Die Zahl der in Hamburg gemeldeten Kraftfahrzeuge ist gleichwohl in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, zuletzt waren mehr als 924.000 in Hamburg gemeldet, davon mehr als 783.000 Pkw. Auch eigene Hamburger Zählungen hatten belegt, dass die Hamburger zwar mehr Autos besitzen, diese aber seltener in der Stadt nutzen.

Pendler nutzen nach wie vor den eigenen PKW

Im Umland dagegen änderte sich nach der neuen Erhebung kaum etwas an den Nutzungsgewohnheiten. Da die Umlandbewohner mit ihren Autos oft nach Hamburg einpendeln, gehen die Autoren der Studie auch für die Zukunft nicht von einer Entspannung auf den Straßen aus. Zwar würden in Hamburg weniger Wege mit dem Auto zurückgelegt, dafür führen diejenigen, die den PKW nutzen, aber längere Strecken, heißt es in der Studie.

Das könnte heißen: Auch Pendler aus dem Umland fahren längere Wege durch Hamburg, während die Hamburger selbst weniger mit dem Auto unterwegs sind. „Unter dem Strich bleibt die hohe Belastung durch den MIV bestehen“, schreiben die Autoren jedenfalls. „Vermutlich wird sie sogar wachsen, wenn Einpendler aus beruflichen oder anderen Anlässen mit berücksichtigt werden.“

Die im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums dabei erhobenen Zahlen zeigen auch, dass das Auto offenbar noch immer ein Statussymbol ist. Nur 29 Prozent der Hamburger Haushalte mit hohem ökonomischen Status verzichten auf ein eigenes Auto, bei den Haushalten mit niedrigem ökonomischen Status liegt der Anteil ohne eigenen Pkw dagegen bei 65 Prozent. Das heißt: Wer es sich leisten kann, der besitzt in der Regel auch meist ein Auto.

Bus und Bahn werden mehr genutzt

Zugenommen hat gegenüber der vorherigen Untersuchung aus dem Jahr 2008 auch die Nutzung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Im sogenannten „Modal Split“, der den Anteil der Verkehrsmittel am gesamten Verkehrsaufkommen darstellt, stieg die Nutzung des ÖPNV von 18 Prozent im Jahr 2008 auf jetzt 22 Prozent. Auch der Anteil des Radverkehrs wuchs: von zwölf auf 15 Prozent.

In einzelnen Bezirken liegt er deutlich darüber, in Altona etwa machen Fahrten mit dem Rad mittlerweile sogar 22 Prozent des Gesamtverkehrs aus, in Eimsbüttel 19 Prozent. Der Anteil des Zufußgehens sank dagegen hamburgweit leicht von 28 auf 27 Prozent. ÖPNV, Radverkehr und Zufußgehen werden zusammen als „Umweltverbund“ bezeichnet, weil sie als umweltschonende Verkehrsformen gelten. Dessen Anteil ist insgesamt ebenfalls angestiegen: von 58 Prozent im Jahr 2008 auf jetzt 64 Prozent.

HVV bekommt von den Hamburger gute Noten

Einen großen Anteil daran hat vermutlich die Beliebtheit des HVV. Mehr als 70 Prozent der Befragten bewerteten sein Angebot mit der Note eins oder zwei. Das Auto erzielt dagegen bei nur 50 Prozent der Hamburger Befragten eine gute Bewertung. Das Fahrrad liegt mit gut 40 Prozent noch darunter.

Wenig überraschend hat der Verkehr in Hamburg insgesamt zugenommen. Statt 5,5 Millionen Wege pro Tag bei früheren Erhebungen 2002 und 2008 legten die Hamburger nun etwa sechs Millionen Wege am Tag zurück. „Dieser Anstieg ist vor allem auf die wachsende Stadtbevölkerung zurückzuführen“, heißt es in dem Bericht. Die Ergebnisse der Studie wurden den Mitgliedern der Hamburger Bürgerschaft am Donnerstagabend im Verkehrsausschuss präsentiert.

Grüne sehen sich bestätigt

„Die Daten belegen die Richtigkeit grüner Verkehrspolitik“, sagte Grünen-Verkehrspolitiker Martin Bill. „Wenn immer mehr Haushalte auf den eigenen Pkw verzichten, muss der Umweltverbund gestärkt werden. Das machen wir und werden auch in Zukunft an diesem Thema dran bleiben.“ Erfreulich sei der Anstieg des Radverkehrs, so Bill. „Dabei ist zum Zeitpunkt der Untersuchung der Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur ja erst richtig ins Rollen gekommen.“

Die Untersuchung habe auch deutlich gemacht, wie wichtig die Mobilitätsform ‚Zufußgehen‘ ist, da rund drei von zehn Wegen ausschließlich zu Fuß zurückgelegt würden und fast die Hälfte der Hamburger „täglich oder fast täglich zumindest einzelne ihrer Wege komplett zu Fuß zurück“. Mit dem Bau neuer U- und S-Bahn-Linien, der „Angebotsoffensive für den ÖPNV, mit unseren Fußverkehrsstrategien sowie unserer Radverkehrsförderung betreiben wir moderne Verkehrspolitik wie sie die Bürgerinnen und Bürger erwarten“, so Bill. „Grüne Verkehrspolitik trifft auf das Lebensgefühl der Stadt.“