Hamburger KRITIken

Wer ständig schreit, dem hört niemand zu

Matthias Iken beleuchtet in seiner Kolumne jedes Wochenende Hamburg und die Welt.

Matthias Iken beleuchtet in seiner Kolumne jedes Wochenende Hamburg und die Welt.

Foto: Andreas Laible / Hamburger Abendblatt / Andreas L

Die Themen ändern sich nur wenig, aber die Lautstärke nimmt zu. Eine Herausforderung für alle Medien.

Hamburg. Augen auf bei der Berufswahl: Wer Freunde sucht, sollte besser kein Kolumnist werden. Seit sieben Jahren betrachte ich wöchentlich am Fuß dieser Seite Grundsätzliches aus Hamburg und der Welt. Was am 28. November 2011 mit einer Kolumne über die Fan­anleihe des FC St. Pauli begann („St. Pauli – du hast es besser“), setzte sich fort mit Olaf Scholz („So viel Bürgermeister war selten“), dem Thema Stadtentwicklung („Wohnungsbau gern, aber nicht bei mir“) und der Debattenkultur („Die intolerante Gesellschaft“). Der schnelle Blick ins digitale Archiv zeigt: So viel hat sich im Lande gar nicht geändert.

Interessanter als die Kolumnen von vorgestern sind indes die Reaktionen auf die Texte. Und da hat sich seit 2013 doch so einiges getan: Als hätte die ganze Gesellschaft am Lautstärkeregler gedreht, wird nicht mehr gesprochen, es wird gekeift; es wird nicht mehr miteinander diskutiert, sondern gegeneinander agitiert, es wird nicht mehr zugehört, es wird niedergebrüllt. Jeder fühlt sich im Recht und hält die anderen für verrückt. Da kommen schon mal Morddrohungen für volksverräterische Kommentare oder bitterböse Häme der Konkurrenz. Die souveräne Republik ist Geschichte, die hysterische Republik Gegenwart. Und was erwartet uns in Zukunft?

Fake News machen im Netz ihre Runde

Die sozialen Medien mögen ihre Anteilseigner reich gemacht haben, die Gesellschaft aber haben sie verarmen lassen. Was 2013 noch wie eine wirre Verschwörungstheorie von Maschinenstürmern klang, ist inzwischen Fakt. Social-Bots, clevere Internetroboter, verbreiten in den Netzwerken Propaganda oder täuschen echten Menschen vermeintliche Mehrheiten vor, wo es gar keine gibt. Trump etwa setzte fünfmal mehr Bots ein als seine Mitbewerberin Hillary Clinton.

Fake News, erfundene Meldungen, machen im Netz ihre Runde – die Ohio State University hat berechnet, dass deshalb vier Prozent der Obama-Wähler von 2012 vier Jahre später ins Trump-Lager gewechselt sind. Die zwielichtige Datensammelfirma Cambridge Analytica hat sich illegal Millionen Facebook-Profile beschafft und mit psychologischer Kriegsführung in den umkämpften Staaten für Trump getrommelt. Vor der Insolvenz des Daten-Kraken 2018 feierte sich das Unternehmen für seine „entscheidende Rolle“ beim Wahlsieg Trumps. Die Brexiteers arbeiteten später dann eng mit einer Ausgründung von Cambridge Analytica zusammen.

Jeder Streit wird zur Re­gierungskrise

Neben dieser direkten technischen Einflussnahme verfällt zugleich, was wir „politische Kultur“ nennen. Der Stammtisch, der für Intellektuelle noch immer Synonym für rustikal-rüde Sichtweisen war, scheint heute eher als Kaffeekränzchen von Betschwestern. Denn am Stammtisch hört man gewöhnlich noch zu und trinkt auch mit Andersdenkenden weiter ein Bier. „Soziale Medien“ aber haben die Republik in einen ideologischen Reinraum verwandelt – wir sind umgeben von Menschen, die gleich ticken, gleich denken, gleich argumentieren.

Auch nicht der Bruchteil einer Verunreinigung des eigenen Denkens durch anderslautende Zahlen, Daten und Fakten wird toleriert. Das macht die eigene Sicht zur unfehlbaren Wahrheit und den Andersdenkenden mindestens zum Idioten, wenn nicht zum Unmenschen. Medien und Politik haben sich dieser Radi­kalisierung nicht entziehen können, sondern sie möglicherweise noch verstärkt. Jeder Streit wird zur Re­gierungskrise aufgeblasen, jede Re­gierungskrise zur Staatskrise hochgejazzt. Wer aber permanent erregt ist, den erregt am Ende gar nichts mehr. Wer sich pausenlos empört, den empört am Ende gar nichts mehr. Wer ständig schreit, dem hört niemand mehr zu.

Verharmloser oder Schönredner

Wer die Betriebstemperatur nur etwas herunterregeln will, gilt schnell als Verharmloser oder Schönredner. Wer an Glaubenssätzen zweifelt, ist wieder ein Ketzer. Wer kritisch bleibt, ist nicht konstruktiv. Journalisten aber müssen unbequem sein – für ihre Leser wie die Politiker. Und sie müssen ihrer Rolle treu bleiben: nicht aus der Rolle fallen und niemals Akteur, Claqueur oder Provokateur werden. Beobachter bleiben.

Kürzlich rief mich eine Leserin an: „Sie sind in Ihren Kolumnen immer anderer Meinung als ich. Immer wenn ich Sie lese, rege ich mich auf“, sagte sie. Aufregen? Streichen Sie das „auf“ und machen daraus ein „an“ – etwas Schöneres kann man einem Kolumnisten eigentlich nicht sagen.