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Das Ende des Sommermärchens droht

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Foto: Andreas Laible / HA

Nicht nur Fans sollten heute den Deutschen die Daumen drücken. Denn es geht um mehr als um Fußball.

Eigentlich würde ich heute gern den Schweden die Daumen drücken. Sie stellen eine sympathische Truppe, sie sind Außenseiter und mir seit meiner Studienzeit in Småland ans Herz gewachsen. Aber dieses Mal können wir Deutschen uns eine Niederlage leider nicht leisten – und das liegt nicht nur an der selbst verschuldeten Ausgangslage nach dem 0:1 gegen Mexiko. Das liegt auch an der Lage der Nation.

Nun haben die Deutschen seit jeher etwas Manisch-Depressives, wie schon Winston Churchill feststellte: „Man hat sie entweder an der Gurgel oder zu Füßen“, wunderte sich der Brite einst. Entweder wir halten uns für die Größten – oder für die größten Schurken. Wir sind Dichter und Denker, Richter und Henker. Das Mittelmaß, es liegt uns nicht.

Kampfzone ist heute der Bolzplatz

Gott sei Dank haben die Deutschen den Schlachtfeldern den Rücken gekehrt – ihre Kampfzone ist heute der Bolzplatz. Und deshalb geht es heute in Sotschi um mehr als um Fußball. Es geht um Identität. Nationalstolz fühlen wir hierzulande – erst recht nach dem Untergang der Deutschen Mark und dem Schlingerkurs von Ikonen wie Volkswagen und Deutscher Bank – rund um den Fußball und die Mannschaft.

Alle zwei Jahre stecken sich die Deutschen Fähnchen an Polo und Porsche, streifen sich Jugendliche wie Rentner das Trikot mit dem Adler über, drücken Heimatverbundende und Flüchtlinge gleichermaßen der Nationalelf die Daumen. Seit dem Sommermärchen 2006 haben die Bundesbürger eine Leichtigkeit gelernt, den Patriotismus aus der müffelnden rechtsnationalen Ecke gezerrt und gelassen aufgefrischt. Deutschland war plötzlich modern und fröhlich – wir konnten uns mal gern haben. Es war ja auch leicht: Das Siegen war uns fast zur Gewohnheit geworden, seit dem Sommermärchen hat die Nationalelf bei allen Turnieren das Halbfinale erreicht. Ja, wir haben das Verlieren verlernt. Das macht alles noch schlimmer.

Niederlage würde Krisengeheul weiter steigern

Ein Ausscheiden würde das aktuelle Krisengeheul weiter steigern. Schon jetzt wird Jogi Löw mit der Kanzlerin, die Mannschaft mit dem ganzen Land verglichen. Das alles sind natürlich groteske Überzeichnungen, sie bergen aber einen wahren Kern: Wir zehren vom Ruhm vergangener Tage, wir erscheinen zu starrsinnig, zu alt, zu zerstritten, zu satt. Das Gefährliche daran: Wir konstruieren ein Narrativ, das eine sich selbst erfüllende Prophezeiung wird. Schon jetzt sind wir ungeachtet einer seit Jahren andauernden Hochkonjunktur die Weltmeister der schlechten Laune. Wir leben in einem vorbildlichen Sozial- und Rechtsstaat und sind – so zeigt es eine Umfrage von „Spiegel Online“ – samt und sonders mit allen Mitgliedern der Bundesregierung unzufrieden.

Wir sind im Entwicklungsvergleich (Human Development Index) der Vereinten Nationen Vierter, im World Happiness Report aber nur 16. Und mit einem Aus in Russland wird die Laune der Deutschen noch weiter in den Keller rauschen. Dabei geht es um viel mehr als um Rankings. Die Nationalelf ist eines der leuchtenden Beispiele für den Zugewinn durch Migration – gerade in einer Zeit, in der viele alles negativ sehen wollen. Ohne Özil, Khedira, Klose oder Podolski wären die Deutschen 2014 niemals Weltmeister geworden. Und die Mannschaft 2018 wäre ohne Fußballer mit Wurzeln im Ausland garantiert nicht besser. Dieser Erfolgsgeschichte droht ein Ende.

Trikot-Affäre ist deutsches Drama

Deshalb ist die Trikot-Affäre um Mesut Özil und Ilkay Gündogan auch keine persönliche Tragödie, sondern ein deutsches Drama. Der türkische Staatschef Erdogan hat es geschafft, mit seiner Einladung nicht nur das deutsche Team zu schwächen, sondern auch das Land zu spalten und das längst überwunden geglaubte Trennende in den Vordergrund zu rücken. „Die Mannschaft“ zerfällt für viele in zwei Teile, Vertrauen weicht Misstrauen. Die Pfiffe gegen Gündogan werden manche als Pfiffe gegen alle Migranten verstehen.

Ein mögliches Ausscheiden wird die ohnehin überbewertete Debatte weiter anheizen. Wir verlören nicht nur ein identitätsstiftendes Symbol eines multikulturellen Deutschlands, sondern verkehrten es ins Gegenteil.

Deutschland hat heute mehr zu verlieren als ein Fußballspiel. Das Sommermärchen, das uns seit 2006 durch die Zeit trägt, fände ein jähes Ende.