Meinung
Hamburger Kritiken

Ein Jahr nach G 20: Gewalt lohnt sich doch!

Ein Jahr nach dem G-20-Gipfel ist die Geschichte umgeschrieben – und der Senat hilft mit

Es ist sieben Monate her, da stand an dieser Stelle eine überspitzte Kolumne zur seltsamen ­G-20-Aufarbeitung: „Mit jeder Woche, die die Gewaltexzesse von Hamburg länger zurückliegen, verschieben sich die Maßstäbe. Auch kleinste Fehler der Polizei werden ausgeleuchtet. Der Gewaltrausch mancher De­mons­tran­ten aber verschwimmt im Nebel wie die katastrophalen Fehler der Sympathisantenszene. Wenn das so weitergeht, werden bald die Ersten glauben, Polizisten hätten die Elbchaussee verwüstet, Autos angezündet und einen Linienbus angegriffen.“

Bald ist es wohl so weit. NDR Info kommt ein Jahr danach schon zu einem Unentschieden: „Nicht nur die Gewalt einiger Protestierender, auch die einiger Polizisten empfanden viele als unangemessen.“ Wie war das noch mit dem Gewaltmonopol? Und in der geschätzten „taz“ ist zu lesen: „Einerseits fühlen sich Hamburger Bürger von der Polizei verlassen; schutzlos einem plündernden Mob ausgesetzt. Andererseits haben Bürger die Polizei tagelang als willkürliche agierende, durch Wohnviertel marodierende Besatzungsmacht erlebt, die nichts und niemand Rechenschaft schuldig schien, agierte sie doch unter dem Schutz der Anonymität – und der regierenden SPD.“ Bei aller berechtigten Kritik an der Polizei: „Marodierende“ – also als Nachzügler einer Truppe plündernde – Beamte hatte bis jetzt niemand gesehen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Geschichte ist stets ein zu füllender Rahmen. Und die radikale Linke beherrscht Selbstsuggestion perfekt. Wenn man nur ganz fest daran glaubt, wird es eines Tages stimmen.

Zwölf Monate nach dem Gipfel, der noch immer viele Fragen aufwirft, gilt es eines festzuhalten: Die Deutungsmacht über die Ereignisse hat längst die radikale Linke erobert. Zu diesem Coup kann man ihr gratulieren. Für den demokratischen Rechtsstaat ist das keine gute Nachricht. Denn viele Akteure lassen sich von den bunten Erzählungen blenden und beteiligen sich an der Geschichtsklitterung. Nachträglich lautet die gefährliche Botschaft: Gewalt lohnt sich doch. Sie fällt nämlich nicht auf ihre Urheber zurück, sondern auf den Staat: Dann hat eben der ehemalige Bürgermeister versagt – Militante haben sein Sicherheitsversprechen zertrümmert; die Polizei hat versagt, weil sie dem Mob die Schanze und die Elbchaussee überlassen hat. Es war ein asymme­trischer Konflikt: Der Staat konnte nur scheitern, die Militanten fast nur gewinnen. Sie haben den Staat, dieses „Schweinesystem“, vorgeführt.

Deshalb sucht man Selbstkritik bei radikalen linken Gruppen inzwischen vergeblich. Zweifel kennt man dort nur vom Hörensagen, denn Zweifel, das wusste schon Descartes, ist der Weisheit Anfang. Selbstkritik, am Anfang auch in der Roten Flora geäußert, passt nicht mehr in die neue Geschichtsschreibung. Schuld sind immer die anderen: Emily Laquer von der Interventionistischen Linken aus dem Graubereich der Militanz verschickte dieser Tage eine Pressemeldung: „Die grenzenlose Polizeigewalt bei G 20 lässt sich nicht unter den Teppich kehren. Wir fordern die Köpfe von Einsatzleiter Hartmut Dudde, der diese Einsätze angeordnet hat, und Innensenator Andy Grote, der die Verantwortung für die repressive Verbotspolitik trägt.“ Wie hätte sie die Köpfe denn gern? Auf dem Silbertablett? Oder wie einst bei Hannibal?

Ein Jahr nach dem Gipfel fragen auch Gemäßigte kaum noch, was 2017 aus dem Ruder lief. Warum auch? Alle Scheinwerfer sind längst auf die Polizei gerichtet. Und die Grünen spielen ihre Rolle, die sie zur Perfektion entwickelt haben: Sie sind mittendrin, aber nie dabei. Bis zum Gipfel nickten die Grünen G 20 ab, um sich dann im rechten Moment in die Büsche zu schlagen. Nun haben sie der SPD abgerungen, dass die Polizei in Zukunft kennzeichnende Nummern trägt. In der Sache ist das richtig, denn eine Uniform darf kein Freibrief für überzogene Gewalt sein. In der politischen Symbolik aber ist der Beschluss eine Eselei: Wenn die Konsequenz aus G 20 lautet, Polizisten zu kennzeichnen, kommt dies einem Eingeständnis schweren Fehlverhaltens gleich. Geschichtsklitterung sollte der rot-grüne Senat nicht den linken Gruppen vorwerfen – die betreibt er selbst.