Medizin

Wo Ärzte den Ärmsten helfen – mitten in Hamburg

Prof. Dr. Peter Ostendorf ist Gründer der „Praxis ohne Grenzen“ in Horn

Prof. Dr. Peter Ostendorf ist Gründer der „Praxis ohne Grenzen“ in Horn

Foto: Andreas Laible / HA

In der „Praxis ohne Grenzen“ werden Menschen kostenlos behandelt – weil sie keine Krankenversicherung haben.

Hamburg. Es ist gerade einmal zwölf Uhr mittags, und die Gänge füllen sich bereits Stück für Stück mit Menschen. Junge Mütter mit kleinen Kindern stehen etwas schüchtern im Gang. Andere sitzen bereits in den großen Warte­räumen. Oder füllen die Aufnahmebögen aus. Im Labor wird einem ersten Patienten bereits Blut abgenommen. „Ja, die Menschen kommen immer früher“, sagt Peter Ostendorf fast ein bisschen stolz, als er durch die großen Räume der „Praxis ohne Grenzen“ führt. „Eigentlich beginnen wir erst um 15 Uhr.“ Das scheint die Hilfe suchenden Menschen allerdings nicht zu stören. Geduldig warten sie im Zweifel auch stundenlang, bis sie an der Reihe sind.

Ostendorf hat die Einrichtung 2014 in Hamburg gegründet. Der engagierte Mediziner mit dem dichten weißen Haar war vorher Chefarzt der inneren Medizin im Marienkrankenhaus. Seit vier Jahren werden am Bauerberg in Horn jetzt Menschen ohne Versicherungsschutz medizinisch betreut. „Egal, wer hier durch die Tür kommt, wir helfen jedem“, sagt Ostendorf. Und es kommen immer mehr. „Auch deshalb werden wir unsere Sprechzeiten anpassen.“ Das Ziel: Möglichst lange für die Hilfe suchenden Menschen da zu sein. „In Zukunft wollen wir schon um 13 Uhr beginnen.“

50 Ärzte helfen

Die Initiative ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Halfen zu Beginn eine Hand voll Ärzte den bedürftigen Menschen, erscheinen mittlerweile rund 50 Mediziner aus neun verschiedenen Fachrichtungen regelmäßig, um die Sprechstunden abzuhalten. Da gibt es Internisten, Zahnärzte, Kinderärzte, Augenärzte, HNO-Ärzte, Orthopäden, Hautärzte oder Gynäkologen. „Wir haben keine Warteliste für Patienten, aber eine regelrechte Warteliste für Mediziner“, so Ostendorf. „Zumindest für die Internisten.“

Hier können Sie spenden

Rund 15 Schwestern nehmen die Patientendaten auf, helfen bei den Behandlungen oder nehmen Blut ab. Dazu gibt es Dolmetscher, die besonders bei den rumänischen oder bulgarischen Patienten helfen. Und, worauf er stolz ist, eine Sozialberaterin. „Die Menschen erhalten gleich Hilfe, wie sie wieder einen Versicherungsschutz bekommen können“, sagt er. Alle zusammen seien sie ein wirklich tolles Team, sagt Ostendorf ehrlich begeistert.

Viele schämen sich

Rund 100 Männer, Frauen und Kinder werden hier mittlerweile jeden Mittwoch in der Sprechstunde behandelt. Hatten Ostendorf und seine Mitstreiter im Jahr 2015 noch rund 1500 Menschen geholfen, waren es 2017 schon knapp 4500. Tendenz weiter steigend. Ein Großteil mit rund 50 Prozent sind nach Aussage von Ostendorf Hilfesuchende aus Afrika, gefolgt von Osteuropäern und Deutschen. Das seien vor allem diejenigen, die durch eine Firmenpleite auch ihre Versicherung nicht mehr bezahlen könnten. Und dann aus der Versicherung rausgeschmissen würden. Ohne eine Alternative zu haben.

„Bei den Deutschen ist die Hemmschwelle allerdings sehr hoch. Sie schämen sich, zu uns zu kommen“, sagt Ostendorf. Viele trauen sich erst, wenn es wirklich ernst ist. Und nicht selten, zumindest bei schweren Erkrankungen, dann zu spät. Hier beginnt auch das Problem der „Praxis ohne Grenzen“. Denn für teure Weiterbehandlungen oder Operationen müssen die Patienten in Krankenhäuser überwiesen werden. „Und die machen nur etwas, wenn wir sie entsprechend bezahlen. So manches Mal läuft es sogar nur gegen Vorkasse“, sagt der engagierte Mediziner. Das Geld dafür muss die Initiative dann aufbringen. „Und für eine teure Operation mit anschließender Chemotherapie sind wir dann schnell mal bei über 30.000 Euro.“

Warum bleiben Kinder unversichert?

Nur zweimal hätten Hamburger Kliniken eine Ausnahme gemacht. Seltene, aber für ihn wichtige Erlebnisse: „Einmal hat die Endoklinik ein neues Kniegelenk eingesetzt und sich nur die Materialkosten erstatten lassen. Ein anderes Mal hat das Albertinen-Krankenhaus eine Hüftoperation zur Hälfte kostenfrei vorgenommen. Und mit der eigenen Stiftung dann noch einen Großteil vom Rest der Rechnung bezahlt.“

Diese schweren Fälle sind es, für die Ostendorf unermüdlich versucht, Spenden einzusammeln. Denn alle Helfer arbeiten ehrenamtlich. Die Räume bekommt die Initiative kostenfrei gestellt, inklusive Wasser und Strom. Auch die aufwendigen Ultraschallgeräte oder Behandlungsstühle und die ganze Praxiseinrichtung wurden dem Team durch Stiftungen zur Verfügung gestellt. So ließ der frühere Bauunternehmer Reimund C. Reich für 450.000 Euro die Räume renovieren und ausstatten. Geräte hat unter anderem das Hamburger Spendenparlament finanziert. Eine Form der Unterstützung, für die Ostendorf und sein Team dankbar sind.

Finanzieller Engpass

„Aber wenn wir schwer kranken Menschen wirklich helfen wollen, brauchen wir immer wieder Geld“, so Ostendorf. „Wir leben ein bisschen von der Hand in den Mund. Wir brauchen eigentlich viel mehr.“ Die Stadt engagiere sich nicht finanziell. Einzig die Impfkosten für die Kinder werden seit einiger Zeit von der Gesundheitsbehörde übernommen. „Mehr aber auch leider nicht“, so Ostendorf.

Mit dem finanziellen Engpass kann der Mediziner leben. Muss er. Immer wieder schafft er kleinere oder größere Beträge heran. Womit er allerdings nicht leben könne, so sagt er, seien die Kinder, die in die Praxis kämen und die auf diese Hilfe angewiesen seien. „Ich kann einfach­ nicht verstehen, dass ein so wohlhabendes Land wie Deutschland wirklich zulässt, dass Kinder keine entsprechende medizinische Behandlung bekommen. Das ist wirklich ein Skandal!“

Eindringliche Forderung

Seine eindringliche Forderung: Alle Kinder müssen von ihrer Geburt bis zum mindestens 16. Lebensjahr versichert werden. Und er geht noch weiter: „Wenn wir schon hier in der Praxis eine kostenlose Erstversorgung machen, sollte der Staat zumindest bei den teilweise notwendigen Weiterbehandlungen helfen.“ Deutschland gebe jedes Jahr 360 Milliarden Euro für die Gesundheit seiner Bürger aus. „Da wäre ein anderer Umgang mit den bedürftigen Menschen angemessen.“