Börse

Gabelstaplerbauer Jungheinrich droht Abstieg aus MDAX

Der Vorstandsvorsitzende von Jungheinrich, Hans-Georg Frey, im Werk in Norderstedt. Der Hersteller von Gabelstaplern und Lagertechnik hat in Hamburg rund 2900 Beschäftigte

Der Vorstandsvorsitzende von Jungheinrich, Hans-Georg Frey, im Werk in Norderstedt. Der Hersteller von Gabelstaplern und Lagertechnik hat in Hamburg rund 2900 Beschäftigte

Foto: Michael Rauhe / HA

Börsenindizes werden umgebaut. Für viele Hamburger Firmen wird es Änderungen geben. Selbst Beiersdorf hat Platz nicht sicher.

Hamburg.  Bis zu viermal jährlich überprüft die Deutsche Börse die Zusammensetzung ihrer Marktbarometer und entscheidet, ob einer der Titel etwa aus dem Deutschen Aktienindex (DAX) oder dem MDAX absteigen muss und welcher andere Wert dafür nachrückt. Änderungen an der Struktur der „Indexlandschaft“ selbst aber kommen nur sehr selten vor, zuletzt im März 2003.

Im kommenden Monat jedoch ist es wieder einmal so weit: Im Jahr des 30. Geburtstages des DAX reformiert der Frankfurter Börsenbetreiber seine Indexfamilie grundlegend – und die anstehenden Veränderungen werden auch mehrere Hamburger Titel betreffen, positiv wie negativ.

Neue Methodik

Vorgesehen ist, dass die Zahl der Aktien im Börsenbarometer der mittelgroßen Werte, dem MDAX, von 50 auf 60 steigt. Der SDAX, der kleinere Titel enthält, verbreitert sich von 50 auf 70 Aktien. Der Technologiewerte-Index TecDAX wird zwar weiter 30 Unternehmen umfassen. Er fungiert künftig aber als Zweitindex. Das bedeutet: Börsenwerte zum Beispiel aus dem DAX oder dem MDAX können dann parallel auch dem TecDAX angehören. Bisher war eine Mitgliedschaft in mehr als einem Index ausgeschlossen.

Die neue Methodik wird am 24. September wirksam. Das „Flaggschiff“ der Deutschen Börse, der DAX, bleibt von strukturellen Neuerungen unberührt. Die 30 in ihm enthaltenen Standardtitel machen rund 80 Prozent des Börsenwerts des gesamten deutschen Aktienmarktes aus.

Schlechte Nachricht für Jungheinrich

Mit den Veränderungen stellt sich die Frage, welche Hamburger Unternehmen davon profitieren werden und wer voraussichtlich die Verlierer sind. Auf der Basis der für die Indexzugehörigkeit maßgeblichen Kriterien – Börsenwert bezogen auf den Streubesitz und Aktienhandelsvolumen – haben Analysten der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) eine Prognose erstellt, wie der DAX, der MDAX, der SDAX und der TecDAX künftig zusammengesetzt sein werden.

Für den Gabelstaplerbauer Jungheinrich haben die Experten eine schlechte Nachricht: Die Aktie dürfte aus dem MDAX herausfallen und in den SDAX absteigen. Dies hat den Hintergrund, dass der Studie zufolge 13 bisherige TecDAX-Werte in den MDAX einrücken werden, dieser aber nur um zehn Titel aufgestockt wird. Somit können nicht alle bisherigen MDAX-Aktien ihren Platz behalten.

Jungheinrich-Chef ist gelassen

Dabei ist es für ein Unternehmen generell ein Vorteil, in einem möglichst prominenten Börsenbarometer vertreten zu sein. „Wenn eine Aktie einem Index wie dem MDAX angehört, steht sie stärker im Blickfeld von Anlegern auch aus dem Ausland“, sagt Carsten Mumm, Leiter Kapitalmarktanalyse beim Privatbankhaus Donner & Reuschel in Hamburg: „Damit gibt es potenziell mehr interessierte Käufer, was kurssteigernd wirken kann.“ Zudem bildeten manche Fonds einen Index genau nach. „Wird also ein Titel neu in den Index aufgenommen, wird die Aktie gemäß ihrer Gewichtung im Index von solchen Fonds gekauft“, erklärt Mumm.

Jungheinrich-Chef Hans-Georg Frey sieht die Situation nach eigenen Worten „relativ gelassen“. Zunächst einmal sei der Abstieg noch nicht sicher; die Deutsche Börse will die Zusammensetzung der Indizes am 5. September verkünden, bis dahin können sich noch Verschiebungen ergeben. Käme es so wie von den LBBW-Analysten erwartet, wäre das für Jungheinrich „schade, aber kein Beinbruch“, sagt Frey: „Ich bin regelmäßig in Kontakt mit für uns wichtigen Investoren.

Nachhaltiges Wirtschaften

Sie wissen unser nachhaltiges Wirtschaften, unser solides Geschäftsmodell und auch unsere Positionierung in der hochattraktiven Logistikbranche zu schätzen.“ All dies hänge nicht von der Indexzugehörigkeit der Aktie ab. Zudem weise Jungheinrich eine sehr stabile Anteilseignerstruktur auf: Sämtliche Stammaktien liegen bei den Familien Wolf und Lange. Auf der anderen Seite ist damit der Streubesitz vergleichsweise gering, was die Chance auf einen Verbleib im MDAX schmälert.

Zwei Hamburger Börsenwerte werden nach Einschätzung der LBBW-Experten aus dem TecDAX in den MDAX aufsteigen. Es sind der Telekommunikationskonzern Freenet und der Biotechnologie-Spezialist Evotec. Aus dem SDAX dürfte zudem der Hamburger Immobilieninvestor Alstria Office in den Index der mittelgroßen Titel aufrücken. Aktien der Optiker-Kette Fielmann werden der Studie zufolge nach bisherigem Stand weiter im MDAX bleiben, gelten aber als Wackelkandidat. Neue SDAX-Mitglieder aus der Hansestadt sind voraussichtlich der Windkraftanlagenhersteller Nordex und das Online-Karrierenetzwerk Xing. Beide Titel werden dann weiterhin – wie auch bisher schon – dem TecDAX angehören.

Lage könnte sich noch ändern

Zwar wird der DAX unverändert 30 Aktienwerte umfassen, eine Änderung ergibt sich wohl aber auch hier: Der Zahlungsdienstleister Wirecard aus Aschheim bei München dürfte aus dem TecDAX in den Kreis der Standardwerte aufsteigen, nach den aktuellen Daten muss ihn die Commerzbank dafür verlassen. Bis zum 5. September kann sich die Lage allerdings noch ändern. „Das eine oder andere Unternehmen könnte zum Beispiel noch versuchen, über eine Erhöhung des Streubesitzes eine höhere Börsenkapitalisierung zu erlangen, um die Chancen auf den Verbleib im Index oder auf den Aufstieg dorthin zu vergrößern“, sagt LBBW-Analyst Frank Klumpp.

„Vor allem dürfte die Commerzbank versuchen, den Abstieg aus dem DAX noch abzuwenden.“ Dabei sei nicht auszuschließen, dass die Bank in einem Endspurt noch Beiersdorf, den einzigen Hamburger DAX-Titel, hinter sich lässt. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Beiersdorf aus dem DAX herausfällt, ist aber sehr gering“, so Klumpp.

Mehr Technologiewerte

Carsten Mumm sieht die Veränderungen in der Indexstruktur als einen „Schritt in die richtige Richtung“, denn: „Ein Index, der mehr Titel umfasst als bisher, bildet von der Branchenzusammensetzung her einen größeren Ausschnitt der deutschen Wirtschaft ab. Außerdem ermöglicht er Investoren, die ihr Aktienportfolio an dem Index ausrichten, eine breitere Risikostreuung.“

Darüber hinaus habe der Wandel des TecDAX zu einem Zweitindex zur Folge, dass tendenziell mehr Technologiewerte auch im MDAX oder im SDAX vertreten sein werden. „Gerade im Hinblick auf die fortschreitende Digitalisierung kann dadurch der Technologiestandort Deutschland besser repräsentiert werden als bisher“, sagt Mumm.

Die aktuelle Indexstruktur ergab sich im Jahr 2003, als die Deutsche Börse den MDAX von 70 auf 50 Titel und den SDAX von 100 auf ebenfalls 50 Werte reduzierte. Der Grund dafür waren die heftigen Börsenwertverluste der Jahre 2000 bis 2002.