Expansion

Gabelstaplerbauer Jungheinrich erweitert Hamburger Zentrale

Jungheinrich-Chef
Hans-Georg
Frey freut sich über die hohe Nachfrage nach seinen Gabelstaplern

Jungheinrich-Chef Hans-Georg Frey freut sich über die hohe Nachfrage nach seinen Gabelstaplern

Foto: Roland Magunia / HA

Unternehmen wächst kräftig und braucht Platz für neue Mitarbeiter. Vorstandschef übt Kritik an Bundespolitik der vergangenen Jahre.

Hamburg.  Es ist noch keine zwei Jahre her, dass die gut 600 Mitarbeiter in der Hamburger Jungheinrich-Zentrale ein neues Verwaltungsgebäude bezogen haben. Vom Konzern selbst finanziert, errichtet auf dem Grundstück in Wandsbek, auf dem der Gabelstaplerbauer und Logistiksystemanbieter früher seine sogenannten Flurförderzeuge fertigte. Wenn das Unternehmen von 2007 an nicht einige Jahre an den Folgen der Finanzkrise zu knabbern gehabt hätte, wäre der Neubau wohl schon einige Jahre früher realisiert worden.

Nun sind auf dem Grundstück am Friedrich-Ebert-Damm erneut Bauarbeiter angerückt: Denn die neue Zen­trale wird bereits erweitert. „Jungheinrich wächst weltweit, und dafür brauchen wir auch hier in Hamburg, in der Zentrale, einfach mehr Raum und Platz“, sagte der Vorstandsvorsitzende Hans-Georg Frey dem Abendblatt. Das zweite Gebäude mit einer Bruttofläche von 16.000 Quadratmetern soll 2019 fertiggestellt sein und Raum für weitere 500 Arbeitsplätze schaffen. Zwar werden auch die Mitarbeiter von Zentral­abteilungen dort einziehen, die jetzt noch in der Nähe in gemieteten Räumen sitzen, doch klar ist, dass darüber hinaus Hunderte Arbeitsplätze für weitere Angestellte entstehen.

Kräftiges Wachstum

Die Expansion am Friedrich-Ebert-Damm geht einher mit einem seit Jahren kräftigen Wachstum des 1953 von Friedrich Jungheinrich gegründeten Unternehmens. Alle wichtigen Kennzahlen wie Umsatz, Gewinn, Auftragseingang, ausgelieferte Fahrzeuge steigen in schöner Regelmäßigkeit zumeist im zweistelligen Prozentbereich. „Jungheinrich hat im Jahr 2010 etwa 60.000 Stapler hergestellt, in diesem Jahr werden es voraussichtlich etwa 120.000 sein. Der Gewinn ist in dieser Zeit von 80 Millionen auf voraussichtlich 170 Millionen Euro in diesem Jahr gestiegen“, sagt Björn Voss, der beim Analysehaus Warburg Research den im MDAX notierten Konzern beobachtet. Derzeit rät Voss Anlegern, Jungheinrich-Aktien zu kaufen.

Erst Ende Juli hatte der Konzern den bislang größten Auftrag in der Firmengeschichte bekannt gegeben: Ein einzelner Kunde orderte auf einen Schlag mehr als 1000 Stapler mit Elek­troantrieb und Lithium-Ionen-Akkus. Sämtliche Fahrzeuge werden in den deutschen Jungheinrich-Werken hergestellt, die Lithium-Ionen-Akkus im Stammwerk in Norderstedt. „Die Auftragsbücher sind gefüllt, die Werke sind ausgelastet, und 2017 wird wieder ein gutes Jahr für Jungheinrich“, sagte Vorstandschef Frey über die aktuelle Lage. Die „Millioneninvestition“ in Wandsbek sei „ein weiteres Mal unser klares Bekenntnis zum Standort Hamburg. Hier liegen weiterhin unsere Wurzeln, auch wenn wir heute schon fast 16.000 Mitarbeiter in 36 Ländern sind“.

Die Zahl der Beschäftigten wird absehbar weiter steigen. Unlängst gab der Vorstandschef Pläne bekannt, ein weiteres Produktionswerk zu errichten – in Osteuropa. Nach Abendblatt-Informationen sind mögliche Standorte in Rumänien oder in Polen im Gespräch. Das Nachbarland ist Jungheinrichs größter Markt in Osteuropa. Der Aufsichtsrat, heißt es im Umfeld des Unternehmens, werde voraussichtlich noch in diesem Jahr das Thema abschließend behandeln. „Unser Produktionsschwerpunkt ist und bleibt Deutschland, aber wir müssen uns für weiteres Wachstum aufgrund der Rahmenbedingungen breiter und internationaler aufstellen“, sagte Frey zur Standortthematik.

Er würzte die Bekanntgabe der Pläne für ein weiteres Werk mit ungewöhnlich deutlicher Kritik an den Bedingungen in Deutschland. Gegenüber dem Abendblatt legte Frey nach: „Die Politik war zuletzt nicht sehr wirtschaftsfreundlich, ganz im Gegenteil. Man hatte zuweilen das Gefühl, das Motto des Arbeitsministeriums sei: immer mehr Bürokratisierung und immer weniger Flexibilisierung. Verschiedene Kräfte arbeiten daran, die Errungenschaften der Agenda 2010 zurückzudrehen. Das schafft keine Arbeitsplätze.“ Die kommende Bundesregierung, so der Vorstandschef, sollte nun schnell neue Impulse für die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Deutschland setzen, statt wie in den letzten Jahren „Unternehmen immer mehr aufzubürden“.

Wachsende Nachfrage nach Staplern

Jungheinrich selbst lieferte Anlegern dagegen in den vergangenen Monaten hinreichend viele Impulse, Aktien des Konzerns ins Depot zu nehmen, sodass der Kurs seit Jahresbeginn um etwa 40 Prozent gestiegen ist und zuletzt knapp unterhalb der 40-Euro-Marke notierte. „Der MDAX hat in dieser Zeit um zehn bis 15 Prozent zugelegt. Das ist schon Outperformance“, sagt Analyst Voss. Allerdings: Der deutsche Mitbewerber Kion, zu dem auch der Hamburger Jungheinrich-Konkurrent Still gehört, legte an der Börse seit Jahres­beginn sogar um 50 Prozent zu.

Profitieren die Wandsbeker also hauptsächlich von der weltweit kräftig wachsenden Nachfrage nach Staplern und Logistiksystemen, also der Innenausstattung weitgehend automatisierter Lager – oder liefern sie den Anlegern tatsächlich besonders gute Gründe Jungheinrich-Aktien zu erwerben? Analyst Voss sieht neben dem kräftigen Ausbau und dem „Zukunftshype um die Logistiksysteme“ das solide laufende Staplergeschäft als wichtigste Treiber des Aktienkurses.

Analysten sind begeistert

Im Staplergeschäft setzt Jungheinrich schon seit Langem auf Elektroantrieb statt auf Verbrennungsmotoren. Und die Nachfrage nach abgasfreien, batteriebetriebenen Fahrzeugen steigt kontinuierlich. Man sei weltweit Technologieführer beim Einsatz von Lithium-Ionen-Akkus in Flurförderzeugen, lautet die Selbsteinschätzung des Unternehmens. Diese Stromspeicher haben gegenüber herkömmlichen Blei-Säure-Batterien erhebliche Vorteile, sagt Voss.

„Jungheinrich verkauft bislang zwar nur etwa zehn Prozent seiner Flurförderzeuge mit Lithium-Ionen-Akkus, aber die haben eine höhere Speicherkapazität.“ Während ein Stapler mit Blei-Säure-Batterie nach einer Arbeitsschicht stundenlang aufgeladen werden müsse, reichten Lithium-Ionen-Akkus für zwei Schichten. Zwar sei ein Fahrzeug mit solchen Stromspeichern etwa 20 bis 50 Prozent teurer – aber die Anschaffung rechne sich trotzdem. „Der Kunde muss statt zwei nur einen Stapler kaufen“, sagt der Analyst.

Gute Zahlen geben Planungssicherheit

Ihm gefallen die aktuell besonders hohen Absatzzahlen auch deshalb gut, weil sie dem Unternehmen und seinen Anlegern eine Planungssicherheit geben: „Verkauft wird ein Stapler mit einer geringen Marge. Bei Service und Wartung macht das Unternehmen mehr Gewinn. Wenn jetzt viele Stapler abgesetzt werden, bedeutet das zugleich, dass in zwei Jahren die Einnahmen durch Instandhaltung spürbar steigen.“

Mit seiner Einschätzung des Papiers steht Voss nicht allein da: Vier von 13 Analysten, die Jungheinrich regelmäßig beobachten, raten zum Kauf, die anderen empfehlen, die Aktie zu halten. Nach Ansicht vieler der Anlage­experten bewegt sich der Kurs der Jungheinrich-Aktie derzeit nahe des fairen Werts. Für Neueinsteiger, so die überwiegende Einschätzung, sei das Papier mittlerweile schon fast zu teuer.