Abendblatt-Serie

Action, bitte! Fallschirmsprung aus 4000 Metern

Abendblatt-Redakteur ganz cool beim Fallschirmsprung
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Siebter Teil: Ein Abendblatt-Reporter stürzt sich zusammen mit einem Profi aus dem Flugzeug – obwohl beide an Höhenangst leiden.

Hamburg. Was haben sie geguckt in der Redaktion, als ich für unsere Sommer-Serie einen Fallschirmsprung angeboten habe. „Echt mutig“ oder „Da kriegen mich keine zehn Pferde rauf“, meinten die Kollegen. Und das klang fast so, als würde ich zum Mars aufbrechen oder den Mount Everest ohne Sauerstoff erklimmen wollen.

Doch was soll schon passieren, wenn man sich aus 4000 Meter Höhe aus einem Flugzeug stürzt, gehalten nur von einem Schirm, ein paar Seilen und einem muskulösen Tandempiloten? Die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Unfalls liegt bei 0,0013 Prozent. Vermutlich kommen mehr Menschen beim Ausfüllen des Lottozettels ums Leben.

6000 Sprünge bisher absolviert

6000 Sprünge hat Torsten bisher absolviert, 4500 davon in Begleitung von Passagieren, als Tandempilot. Passiert ist bisher: nichts. Nur einmal wurde es ein bisschen brenzlig, und Torsten musste den Reserveschirm benutzen. „Davon hat der Passagier aber gar nichts mitbekommen“, sagt Torsten.

Dennoch ist sie da: diese diffuse Mischung aus Angst und Neugier vor dem freien Fall. Statistik hin, Strahlemann Torsten her. Der Flugplatz Hartenholm bei Hasenmoor im Kreis Segeberg mit seinen zwei von Rost zerfressenen Hangars erinnert an diesem sonnigen Tag an einen Picknicktreff. 28 Grad ist es warm, die Sicht klar, der Wind lau – ideale Bedingungen für einen Fallschirmsprung.

An den Tischen neben dem Bürohäuschen der Albatros Fallschirmsport GmbH sitzen Frauen und Männer. Brotdosen werden ausgepackt, Bierkorken ploppen, Kinder toben herum. Mein Fotograf ist vollkommen entspannt und futtert erst mal ein Eis. Kurz vor meinem ersten Absprung schwebt eine Enddreißigerin ein. Am Boden reckt sie zwei Finger zum Siegeszeichen in die Höhe. „Ich lebe noch!“, brüllt sie. Ich in einer halben Stunde hoffentlich auch noch, denke ich.

Drei Kinder, laufender Auto-Kredit, erlaubte E-Zigaretten-Nutzung im Büro – da steht schon was auf dem Spiel. Dabei weiß der Kopf: Da kann nichts schief gehen. Die Fallschirme sind mit Reserveschirmen ausgerüstet; selbst wenn der Pilot ohnmächtig werden sollte, würde ein automatisches System den Hauptschirm öffnen, sofern man mit mehr als 36 Metern pro Sekunde unterhalb von 750 Metern gen Erde stürzt. Doch der Bauch ist ein mieser Dämon und raunt: Echt jetzt? Gaaanz sicher?

„Im freien Fall machst du die Banane“

Ich schlüpfe in einen weiß-blauen Overall, jemand legt mir Gurtzeug an. Torsten gibt an die Vernunftssektion in meinem Kopf ein paar Instruktionen durch: „Hände am Gurt, bis ich auf den Rücken klopfe. Verstanden?“ „Okay!“ „Wenn wir uns im freien Fall befinden, machst du die Banane, du machst ein Hohlkreuz und ziehst die Beine hoch? Klar?“ „Klar!“ „Bei der Landung Hände unter die Knie, Beine hoch. Check?“ „Check!“ Das war’s. Los geht’s.

Fünf Minuten später befinden wir uns an Bord einer grauen Cessna 208, die bis zu 20 Insassen Platz bietet. Sieben Passagiere hocken im Schoß ihrer Tandempiloten, ein junger Airbus-Azubi neben mir hat den Sprung von seinen Eltern geschenkt bekommen. Angst? „Nöööö!“, sagt er.

Spezielle Form der Höhenangst

Ich sitze vor Torsten. Der Motor dröhnt, der Druck auf die Ohren steigt, während die grüne, dörfliche Landschaft unter uns immer kleiner wird. „Ey, ganz schön hoch, jetzt springen wir, oder?“ Tandempilot Torsten zeigt auf den Höhenmesser an seinem Arm, der aussieht wie eine übergroße Uhr. „Nö, wir sind erst bei 1000 Metern.“ Bei etwa 2500 Metern hakt er sich hinten bei mir ein, die Gurte sitzen jetzt so stramm, dass mir das Atmen schwerfällt. „Geht nicht anders“, sagt Torsten. „Wir müssen zum Paket werden.“

Ich habe eine spezielle Form der Höhenangst. Sie kommt nicht im Flugzeug zum Vorschein, sondern auf hohen Gebäuden. Ich wage es kaum, über die Dachkante nach unten zu schauen, da schlägt mir das Herz bis zum Hals. Torsten, der im wahren Leben Vertriebsangestellter und für mich in diesem Moment eine Art wunderwirkender Chuck Norris ist, geht es genauso. Ausgerechnet ihm, diesem passionierten Vielspringer, der seit 27 Jahren aus dem Himmel fällt, der 1995 nach dem Aufstieg von Hansa Rostock in die erste Fußball-Bundesliga spektakulär ins Ostseestadion mit dem Fallschirm geschwebt ist und praktisch alle Wochenenden auf dem Flugplatz verbringt.

Ich schreie, ich kann nichts dagegen tun

Nach einem Schlenker in Richtung Neumünster haben wir unsere Sprungmarke erreicht. 4000 Meter. Plötzlich fühlt es sich doch so an, wie es sich anfühlen sollte: Ich stürze mich – freiwillig! – aus einem Flugzeug in vier Kilometer Höhe. Geht etwas schief, sieht der Rest von mir aus wie ein Gemälde des Action-Painters Jackson Pollock. Leichte Panik. Was mache ich hier bloß? Doch weil ich lieber Held als Hasenfuß bin, setze ich die Ledermütze auf und schütze meine Augen mit einer Brille. Ein Signal ertönt, ein gelbes Licht leuchtet auf. Los geht’s.

Ich bin der Letzte, der fällt, die anderen sind wie die Lemminge schon gesprungen. Torsten und ich robben bis zur geöffneten Kabinentür. Ich presse die Waden an die Unterseite des Flugzeugs und lege den Kopf in den Nacken. „Du musst dabei grinsen“, hat er vorher gesagt und wohl gemeint: Siehst du den Sensenmann – keep smiling. Es ist irre windig, es pfeift, es faucht, es dröhnt. Ich will nicht! Ich will doch! Ich muss!

Torsten versetzt mir einen Stoß, dann dreht sich alles, die Welt steht kopf. Obwohl ich mir geschworen habe, es nicht zu tun, schreie ich, ich kann nichts dagegen tun. Hui! Das Torsten-Daniel-Paket rast mit 200 km/h dem Erdboden entgegen. Adrenalin pumpt durch meinen Körper, der Puls ist Techno, und der enorme Luftwiderstand dellt mein Gesicht ein wie beim Kneten. 45 Sekunden – die ersten 2500 der 4000 Meter – dauert dieser freie Fall, nach dem alle Fallschirmspringer süchtig sind. Es fühlt sich an wie zehn Sekunden, alle Sinne sind im freien Fall. Es ist der ultimative Kick.

Den ungeheuren Druck auf meine Ohren spüre ich erst, als Torsten den Schirm öffnet, der Rückstoß presst die Luft aus meiner Lunge, das Gurtzeug gräbt sich in mein Gesäß. Nach dem Taumel im freien Fall und der urgewaltigen Panik ist da nur Gleiten und Gucken, sanft über die Wäldchen und Äcker von Hartenholm hinweg. Zeit zum träumerischen Verweilen. Oder doch nicht. „Magst du Karussell-Fahren?“, fragt Torsten, zieht an den Strippen und dreht ein paar schwindelerregende Runden. Die Welt rückt näher, der Rausch weiter weg, unter uns landet gerade die Cessna, mittenmang und bis zum Horizont unzählige Windräder.

Für Torsten ist das Routine

Kurz vor der Landung stelle ich die Beine in die Horizontale, wir setzen butterweich auf. Handshake mit Torsten. Ich bin wahnsinnig erleichtert. Down to earth sozusagen. „Alles gut gemacht“, sagt Torsten. Später fragt er noch, wie es sich angefühlt hat. Ja, wie eigentlich? Es fühlt sich an wie als Kind im Freibad, wenn man zum ersten Mal den inneren Schweinehund überwindet und vom Zehn-Meter-Turm springt. Nach dem ersten Nervenkitzel willst du dich nur kurz anstellen und gleich wieder runter.

Für Torsten ist das Fallschirmspringen Routine – auch wenn er beteuert, dass jeder Sprung für ihn etwas Einmaliges ist. In 20 Minuten rast er mit dem nächsten Passagier und der Geschwindigkeit eines Sportwagens vier Kilometer in die Tiefe. Und nur der Himmel ist das Limit.