Serie

Wie man kopfüber ein Hamburger Hochhaus hinabläuft

Gehen Sie bitte weiter! Es gibt hier nichts zu sehen. Fokussiert, konzentriert und einen Tick zu angespannt läuft unser Autor Nico Binde die Hochhauswand des Holiday Inn, Blickrichtung Osten hinab

Gehen Sie bitte weiter! Es gibt hier nichts zu sehen. Fokussiert, konzentriert und einen Tick zu angespannt läuft unser Autor Nico Binde die Hochhauswand des Holiday Inn, Blickrichtung Osten hinab

Foto: (FREELENS Pool) Malzkorn / www.malzkornfoto.de

In unserer neuen Sommer-Serie haben wir erlebnisreiche Aktivitäten in Hamburg ausprobiert. Teil 1: Hausfassaden-Rennen

Hamburg. Konzentrier dich! Da unten ist das Ziel, da ist das Seil. Greif zu! Und dann einfach laufen lassen, schön locker bleiben. Hände auf, dann wirst du schneller, haben sie gesagt. Hände zu, dann bremst du. Dabei immer mit den Füßen von der Wand abstoßen. Dann müsste es mindestens gazellengleich aussehen.

Jetzt, sicher in den Seilen hängend und das Schlimmste hinter sich habend, klappt sogar das Denken wieder. Endlich kann ich diesen konfrontativen Ausflug zur menschlichen Urangst genießen. Wurde auch Zeit. Denn begonnen hatte dieses Experiment mit einer Reihe von Peinlichkeiten.

Helm? So ein Quatsch!

„Haben Sie auch Helmkameras?“, hatte ich etwa bei der Anbahnung des Termins am Telefon gefragt, woraufhin sich Torsten Fischer am anderen Ende der Leitung kaputtlachen wollte. Als Sicherheitschef einer Firma, die Action-Erlebnisse anbietet, hat er wahrscheinlich schon viele Quatschfragen gehört. Aber Helmkameras? „Sie können gern eine Kamera mitbringen“, sagte er. „Aber wir haben nicht mal Helme.“

Nicht mal Helme. Auf dem Dach des Holiday Inn an den Elbbrücken verunsichern mich Teile dieser Information. Hier, 50 Meter über dem Erdboden, würde ein Helm Sicherheit geben oder wenigstens etwas sein, an dem man nervositätsmindernd herumspielen kann. Doch hier ist kein Helm. Nur Wind, Sonnenschein und die Aussicht, gleich vorwärts über eine Dachkante kippen zu müssen, um senkrecht eine Hauswand hinabzulaufen. House-Running am Sonnabendmorgen lautet der Plan. Oder: Wie blöd kann man sein?

Das Grauen hat viele Namen

House-Running, Rock-Running, Sky-Running – das Grauen hat viele Namen. Der Trendsport gewordene Adrenalinkick macht inzwischen in einigen deutschen Städten Schule. In Hamburg organisiert die Firma Vertical Sports Events aus München das Erlebnis, an Spezialgurten vom Hoteldach nach unten zu rennen. Am Empfang hieß es: „Mit dem Fahrstuhl in den 17. Stock, dann rechts und raus aufs Dach.“

Meine Vorbereitung auf dieses Treffen mit der Höhenangst kann man nur vorbildlich nennen. Sie bestand darin, bei einer Geburtstagsfeier am Vorabend ambitioniert Alkohol zu konsumieren, danach wenig zu schlafen und auf das Frühstück zu verzichten. Profisportler machen das vor wichtigen Spielen auch so, habe ich gelesen. Oder waren das nur die Dart-Profis?

Unser Redakteur beim Houserunning
Unser Redakteur beim Houserunning

Die House-Runner kommen im Zehn-Minuten-Takt

Zum Glück stehe ich nicht allein auf dem Hochhausdach. Tim, René und Giancarlo, drei starke Männer in schwarzen T-Shirts, machen den ganzen Vormittag nichts anderes, als am Abgrund zu warten, Rohkost gegen die Nervosität zu verteilen und immer wieder die gleichen Geschichten zu hören, bevor sie Menschen abseilen. Leute wie ich kommen im Zehn-Minuten-Takt. Mal euphorisch, mal still, immer erwartungsfroh. Kurz muss ich an das lebensmüde Schicksalsquartett denken, das sich im Roman „A long way down“ zufällig auf einem Hochhaus trifft. Aber da erzählen die Teamer, wie sich die Sicherheitsmänner nennen, schon von den drei Prototypen des House-Runnings.

Erstens: Die Macher, die Spaß haben wollen und sich ohne Federlesen über die Kante stürzen. Zweitens: Die Theoretiker, die vorher alles wissen müssen, um dann verkrampft gen Abgrund zu rutschen. Und drittens: Die Abbrecher, die irgendwann gar nichts mehr wollen, außer mit dem Fahrstuhl wieder nach unten. Einer von 100 Kandidaten verweigert den Abstieg, sagt Tim. Aber der war heute schon da. René reicht mir ein Möhrchen.

Das Warten auf den Moment ist das Schlimmste

Kauen beruhigt. Doch der Hinweis, wenn ich richtig Spaß haben wolle, sollte ich mal Bungee-Jumping ausprobieren, holt mich zurück ins Abenteuerland. Ich simuliere ein Rückenleiden, aber da hat die mündliche Einweisung schon begonnen. Inhaltsangabe? Keine Ahnung.

Das Warten auf den Moment ist das Schlimmste, denke ich, bevor mir eine Art Bauchweg-Gürtel umgelegt wird. Dann steige ich in einen Klettergurt, der nach Sadomaso-Geschirr aussieht, aber behaglich sitzt. Tim zurrt unter dem Geklöter von Karabinern und Haken die Gurte fest. Schöner Blick übrigens: der Hamburger Osten, die Elbbrücken, toll. Warum sollte man das Dach noch gleich auf so widernatürlich Weise verlassen?

Mit Extremaktivitäten der Langeweile entfliehen

Mit extremen Aktivitäten wie dem House-Running, meinen Psychologen, fliehen Menschen aus ihrem oft langweiligen Alltag. Ein Mix aus Dopamin und Adrenalin lässt Atemfrequenz und Puls anschwellen, ruft den Körper in Alarmbereitschaft. Das „Glückshormon“ Dopamin belohnt dann Bergsteiger oder Bungee-Jumper, die einen Moment erleben, der über den Augenblick hinausreicht. Ein Häppchen Euphorie für den tristen Alltag.

Als ich zur Plattform gebeten werde, um endlich an die Kante zu treten, bin ich ungefähr so euphorisch wie ein Rind beim Schlachter. Im Winter. Bei Regen. „Das ist wie Flirten“, hatte René vorher über den Moment am Abgrund gesagt. „Es kribbelt in den Beinen, im Bauch fangen die Schmetterlinge an zu fliegen.“ Flirten, ich mochte es noch nie.

Hinter mir macht es „Schnick“ und „Schnack“

Beim Erklimmen der Absprungplattform sage ich einen der drei populärsten Sätze beim letzten Schritt an die Dachkante (ja, sie sind große Top-Drei-Listen-Fans auf dem Dach): „Ach du Scheiße!“ Die beiden anderen sind übrigens „Leck mich am Arsch!“ und „Oh mein Gott!“. Ob ich – bitte, bitte – gestoßen werden kann, hatte ich vorher gefragt. Die Antwort war: ähm, nein.

Hinter mir macht es „Schnick“ und „Schnack“. René und Giancarlo sind längst in der Safety-Check-Routine und hängen mich ein. Mit Worten, die ich nicht verstehe, versichern sie sich, dass alle Seile und Gurte am richtigen Platz sind. „Hab Spaß!“, sagen sie noch und reichen mir Schweißhandschuhe. Beine schulterbreit! Dann soll ich nach vorn kippen. Als wäre das hier ein Köpper vom 50-Meter-Turm.

Nur noch Augen für das Ziel 50 Meter weiter unten

Der Blick: stier. Die Angst: da. Das Kribbeln: nicht wegzudiskutieren. Ein gefühlt unendlich langer Kippvorgang endet nach schmerzhaften 20 Zentimetern mit einem abrupten, aber wohltuenden Gegendruck im Rücken. Der zarte Film aus kaltem Schweiß legt sich. Das Seil, es hält. Fokussiert wie die Tauzieh-Nationalmannschaft bringe ich mich mit Hilfe des Stricks in die vorgeschriebene waagerechte Laufposition. „Mach mal einen Schritt von der Kante in die Wand“, ruft jemand. Ich gehorche.

Langsam sackt mein komplettes Gewicht in den Gurt, das Sadomaso-Geschirr verleiht beruhigenden Halt (wer hätte gedacht, dass ich das mal schreibe?). Es funktioniert, ich funktioniere. Der Blick ist längst egal, ich habe nur noch Augen für das Ziel 50 Meter unter mir . Gefühlt war ich lange nicht so konzentriert. Gazellengleich federe ich an der Hauswand Stück für Stück nach unten, ein Video wird später das Gegenteil beweisen. „Es heißt House-Running“, ruft René. „Nicht House-Krieching.“

Wieder am Boden stellt sich tatsächlich ein diffus gutes Gefühl ein. Wie nach einem langen Seetag an Land. Mal sehen, wie lange ich im Alltag davon zehre.

Wo? Wie? Wann?

House-Running wird in Hamburg zwischen April und Oktober am Holiday Inn an den Elbbrücken (Billwerder Neuer Deich 14) angeboten. Die Kosten pro Lauf betragen 79,90 Euro. Buchbar auch als Gutschein bei www.jochen-schweitzer.de. Freie Termine und Fragen unter Tel: 089 / 70 80 90 90 bei Vertical Sports Events.

Lesen Sie am Montag: Mit dem Hotrod durch Hamburg