Abendblatt-Serie

Action, bitte! Einfach mal losbaggern

Abendblatt-Redakteur
Jens Meyer-Odewald
durfte sich in der
Kabine eines
Baggermonstrums auf
dem Männer-Spielplatz
austoben und drückte
mit der Schaufel den
22-Tonnen-Koloss
in die Höhe

Abendblatt-Redakteur Jens Meyer-Odewald durfte sich in der Kabine eines Baggermonstrums auf dem Männer-Spielplatz austoben und drückte mit der Schaufel den 22-Tonnen-Koloss in die Höhe

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Fünfter Teil der Serie: In der Kabine eines 22-Tonnen-Kolosses zu sitzen und Kiesberge zu bewegen – für viele ein Riesenspaß.

Hamburg. Das grüne Monstrum grunzt kraftvoll, verändert dann die Tonlage in ein starkes Röhren. Nach einem viel zu zaghaften Zug des Schalthebels setzt sich der 22 Tonnen schwere Koloss zentimeterweise in Bewegung. Da geht noch mehr, viel mehr. Wer ansonsten mit seinem unscheinbaren Mittelklassewagen durch Hamburg schnurrt, verharrt jetzt in Respekt vor der Gewalt dieses Kettenbaggers. Als Spielzeugminiatur sind die Viecher viel possierlicher.

Welch Segen, dass Wolfgang Brockmöller aus Stellingen vor Ort ist und dem Novizen in der Fahrerkabine zur Seite steht. Im wahrsten Sinn des Wortes. Wolfgang, ein professioneller Maschinist, ist ein feiner Kerl. Weil er die Ruhe im Blut hat, weil er bei meinem tollpatschigen Entern dieses hydraulischen Raupenbaggers nicht lauthals lachte und weil er nach Hilfe flehende Blicke mit ausgetreckter Hand quittierte. Irgendwie sind wir automatisch per Du. Eine Trittleiter für unsportliche Säcke gibt’s hier nicht.

Männerspielplatz

Und nun sitzt du – absolut unentspannt – im gepolsterten Führersitz. Durch die Frontscheibe blickst du auf zwei riesengroße Kiesberge. Diesen gilt es in der kommenden Stunde zu Leibe zu rücken. „Zieh vorsichtig, aber nicht ängstlich“, sagt Wolfgang mit Fingerzeig auf die beiden Joysticks links und rechts vom Sitz. Vorne befinden sich zwei Fußpedale, rechts ein Monitor mit Anweisungen. Das Bulldozer-Spiel auf dem Dom ist unkomplizierter zu bedienen. Und die Automatikschaltung des Privatautos erst recht.

Herzlich willkommen auf dem Baggerplatz, einem Spielplatz für jedermann. An der Hovestraße auf der Veddel werden Kindheitsträume wahr. Von Ostern bis November, immer sonnabends und sonntags, können zwei riesige Kettenbagger, aber auch kleinere Mobilbagger in Betrieb genommen werden. Höchst praktisch. Wenn das Alltagsgeschäft der Firma Wilko Wagner am Wochenende ruht, geht es auf dem Gelände nahe der Peute rund. Dann können sich Amateure nach Herzenslust austoben und die Kraft der Maschinen erbeben lassen.

Kunden aus Europa, USA und Asien

„Das Ganze erwuchs aus einem Spaß“, hat Juniorchef Björn Wagner zuvor bei einem Kaffee im Büro berichtet. Mit am Tisch sitzt Koordinator Jörg Ludwig aus der Verwaltung. Auf einer Landkarte zeigen rote Pins die Herkunftsorte der baggernden Kundschaft: sehr viel Hamburg, eine Menge Norddeutschland, aber auch Europa, die USA und Asien.

Im September 2005 lud das zwei Jahrzehnte zuvor gegründete Unternehmen zu einem Sommerfest. Die Wagner-Gruppe, die von Gründer Wilko Wagner, Ehefrau Kirsten sowie den Söhnen Björn und Torben gemanagt wird, kümmert sich um Abbruch, Erdbau, Schadstoffbeseitigung und Recycling. Insgesamt werden mehr als 200 Mitarbeiter beschäftigt. Zuletzt wurde beispielsweise das Allianz-Gebäude am Großen Burstah in der Innenstadt fachgerecht plattgemacht. Die Familie hat einen guten Namen in der Hansestadt. Von jeher. Björn Wagners Großvater Georg führte früher in Altona ein Fuhrunternehmen.

Ungewöhnliches Ereignis

Und beim Sommerfest der Wagners vor 13 Jahren wurde Besuchern erstmals ein ungewöhnliches Ereignis geboten: Wer wollte, durfte sich auf einen speziell präparierten Riesenbagger setzen und loslegen. „Das machte den Leuten so viel Freude, dass die Idee des ,Eventparks Baggerplatz‘ geboren war. Gewinn erwirtschaften wir damit nicht“, sagt Björn Wagner.

Der 34 Jahre alte Betriebswirt sieht das Magnum-Vergnügen als Marketinginstrument, um die Firma bekannter zu machen. Die Rechnung scheint aufzugeben. 2008 fand ein Wettstreit bei „Wetten, dass..?“ in Zusammenhang mit der Firma Wagner auf der Veddel statt. Die Kindersendung „Sesamstraße“ berichtete von dort. 2013 zerlegte Olaf Scholz als Bürgermeister medienwirksam ein-en Zollzaun – auf einem Wagner-Bagger. Eine Hundestaffel aus Hamburg trainiert vor Ort die Suche nach Verschütteten.

Etwa 1000 Kunden pro Jahr

Pro Jahr kommen etwa 1000 Kunden zum Freizeitbaggern. Rund ein Drittel sind Frauen, die Mehrheit Männer und Kinder – in der Regel beides in einem. Eine Viertelstunde auf einem Minibagger kostet 24 Euro, eine halbe 44 und eine ganze Stunde 80 Euro. Die entsprechenden Tarife für einen der 22 Tonnen schweren Raupenbagger: 42, 72 und 120 Euro.

Die meisten Gutscheine sind Geschenke. Oft nutzen Freunde einen Junggesellenabschied, um ihren Kumpel mit einem kraftvollen Freudenspender zu beglücken. Dass ein Mann das Auto seiner Ex per Baggerschaufel professionell zusammenfaltete, kam erst einmal vor. Hausverbote für zu übermütige und waghalsige Kundschaft sind selten.

„Nur noch im Kreis gegrinst“

„Mein Marcus war ganz aus dem Häuschen“, sagt Tanja Brink aus Remscheid nach einem geschenkten Baggererlebnis auf der Veddel. „Er hat nur noch im Kreis gegrinst.“ Ein bisschen „Bammel“ habe er anfangs durchaus verspürt, schildert Marcus seine Gefühle im Fahrerhaus: „Ich war vorsichtig, um nicht als derjenige Vollpfosten in die Firmengeschichte einzugehen, der einen Bagger umgestürzt hat.“

Robert Charles Morell aus Winterhude, als Metallbauermeister mit Technik durchaus vertraut, erhielt den Gutschein zu seinem 51. Geburtstag im vergangenen Jahr. Das Geschenk von „Radlader-Ralli“ & Co. von Sylt kam exzellent an. „Ein grandioses Ereignis“, weiß Robert rückblickend.

Stephan Helms aus Schleswig, Fluglotse bei der Luftwaffe, bekam eine unvergessliche Stunde von Schwester Sabine zum 30. Geburtstag. „Ein besseres Männerspielzeug kann es nicht geben“, verrät Herr Helms. Das Team des Baggerplatzes mit Niki, Matze, Kristof alias Uschi sowie Lukas habe ihn ebenso locker wie kompetent betreut – und letztlich lange Leine beim Austoben gelassen. Braucht man Hilfe, kann an Bord eine Hupe betätigt werden.

Ramien war früher Baggerfahrer

Diese brauchte Michael Ramien aus Ohlsdorf. Seine Tochter Susan Reddmann und fünf weitere Familienangehörige machten ihren „Mike“ zum 75. Geburtstag mit einem Baggertag glücklich. „Für meinen Vater war es wie ein Kindergeburtstag“, sagt sie. „Er hatte einen Riesenspaß.“ Kein Wunder: Michael Ramien war früher Baggerfahrer im Hamburger Hafen. Der Beruf war seine Leidenschaft. Nun durfte er noch mal richtig aufdrehen – mit Tränen in den Augen. Klar, was er sich zum 76. wünscht.

Nach so viel Hintergrundinformation soll’s nun selbst zur Sache gehen. Im grün angestrichenen Doppelcontainer im Windschatten der Elbbrücken erläutert Wolfgang Brockmöller die Aufgabe an einer Miniatur. Komatsu PC 210 heißt der Hightech-Koloss aus Fernost. Die Schaufel fasst im Original 1,5 Kubikmeter Geröll, Kies oder Sand, bis zu drei Tonnen sind das. Auf einen Schlag. Nicht schlecht.

Rauf auf den Bock

Genug geredet. Rauf auf den Bock. Siehe oben. Ganz bewusst lässt Wolfgang mich schalten und walten. Schneller als gedacht weicht die anfängliche Unsicherheit. Funktioniert gar nicht so schlecht. Alles eine Frage der Koordination. Mit dem rechten Joystick werden der Hauptarm des Baggers sowie die Schaufel dirigiert. Der linke Hebel hebt und lenkt den „Löffelstiel“ mit der Schaufel vorne und schwenkt den Bagger – wenn man will um 180 Grad. Und wer die Fußpedale nicht nutzen mag, bewegt das schwerstgewichtige Gerät mit zwei Handgriffen vorwärts.

Der Job macht zunehmend Spaß. „Junge, komm bald wieder“, sagt die innere Stimme. Das Motto des Baggerplatzes ist Programm: „In jedem von uns ist ein Kind versteckt – und das will spielen.“ Von Minute zu Minute sitzen die Handbewegungen besser. „Dann man los“, kommandiert Wolfgang Brockmöller aufmunternd. „Notfalls habe ich das hier“, fügt er abschließend hinzu und zieht eine kleine Fernbedienung aus der Tasche. Wenn der Novize floppt, kann er aus der Ferne eingreifen. Glücklicherweise kommt es so weit nicht.