Hamburg-Konzert

Beth Ditto besticht mit Herz und einer Ketchup-Anekdote

Beth Ditto bei ihrem Konzert im Hamburger Stadtpark

Beth Ditto bei ihrem Konzert im Hamburger Stadtpark

Foto: dpa

Die ehemalige Gossip-Sängerin hat das Publikum bei ihrem ersten von drei Sommerauftritten in Deutschland vom Fleck weg im Griff.

Hamburg. Es hätten noch einige Menschen in das mit gut 2300 Menschen gefüllte Stadtparkrund gepasst. Beth Ditto hat trotzdem beste Laune bei ihrem Hamburger Konzert. "Moin Moin" ruft sie und "Hamburg. Wie geht’s?“ Überhaupt parliert die frühere Gossip-Sängerin sehr viel auf Deutsch. Oder sie versucht es zumindest. Süß findet sie den Stadtpark. Ach, so süß.

Ihr Publikum hat die US-amerikanische Sängerin von der ersten Sekunde an auf ihrer Seite. Man muss sie aber auch einfach mögen. Ditto strahlt Herzlichkeit, Güte und eine in diesen unwirtlichen Tagen so ersehnte Positivität aus. Das tut allen gut.

Austausch von Gossip war keine gute Idee

Zwar kann man ziemlich früh am Abend darüber streiten, ob es eine gute Idee war, ihre Band Gossip auszutauschen. Nein, das war es wohl nicht. Die Songs ihres Solodebüts „Fake Sugar“ sind schön tanzbare Ohrwürmer, mehr Elektro-Pop als Funk, aber zumindest musikalisch weniger komplex als noch zu Gossip-Zeiten. Dennoch, Beth Ditto ist noch immer Beth Ditto und ihr glasklarer Sopran, der von melodiösen Strophen bis zu feurigen Soul-Refrains alle Tonhöhen mühelos erreicht, ist immer noch zum Niederknien.

Mit ihrer neuen, vierköpfigen Band geht es gleich zackig los. „Oh My God“ heizt sie fröhlich der Menge ein, die gegen das leichte Frösteln dankbar zu tanzen beginnt. „Fake Sugar“ handelt von einer oberflächlichen Bling-Bling-Welt. Und „I Wrote The Book“ von ihrer hörenswerten ersten EP hat einen amtlichen Groove.

Beth Dito erzählt eine Imbiss-Anekdote

Wenn sie da von einem Bein auf das andere wippend auf der Bühne steht, ist sie im farbig glitzernden weiten Zeltkleid mit Bienenkorbfrisur auf dem Kopf und riesigen Creolen-Ohrringen eine stilvolle Erscheinung. Der Bienenkorb sei nicht echt, sagt sie. Könnte sein, dass er herunterfalle. Das ist der typische Ditto-Humor. Die ausführlichen Plaudereien zwischen den Songs gehören zum Programm und haben teilweise Kabarett-Charakter.

Etwa, wenn sie erzählt, dass sie in einem Hamburger Imbiss beim zart geäußerten Wunsch nach mehr Ketchup zu ihren Pommes Frites von der betagten Inhaberin brüllend des Ladens verwiesen wurde. Der Stadtpark solidarisiert sich sogleich mit der brüskierten Sängerin. Die Funk-Basslinien gründeln im Untergrund. Die Gitarre schwingt sich fein dazu. Und doch kommt die Menge so richtig erst in Schwung, wenn die Gossip-Hits „Love Long Distance“, das von einem atemberaubenden Schrei eingeleitete „Standing in the Way of Control“ und später als Zugabe „Heavy Cross“ erklingen.

Beth Ditto ist eine Hoffnungsträgerin

Ditto pflegt eine beneidenswerte Offenheit mit ihrer Musik, ihrer verzweigten Vita, ohne dabei jemals exhibitionistisch oder effekthascherisch zu wirken. Die Familiengeschichte ist bunt. Leben im Trailerpark. Missbrauch, Hunger, Armut. Aber dann Begegnung mit der musikalischen Queer-Familie, Aufstieg zur Musikerin, stilsicheren Lagerfeld-Ikone und bewunderten Feministin. 2012 schreibt die heute 37-Jährige ein Buch über ihr Leben.

Auch wenn ihre Musik derzeit zumindest nicht die Breitenwirkung wie zu Gossip-Zeiten hat, ist sie eine Hoffnungsträgerin, gerade in diesen Zeiten, die sich derzeit überall in der Welt weiter zu verfinstern drohen. Jahre der Freiheit könnten fast unmerklich, schleichend in solche der Intoleranz, der Empathielosigkeit und Kämpfe münden. Beth Ditto spricht nicht davon, aber für die letzte Zugabe, die furiose Funk-Hymne „Heavy Cross“ hüllt sie sich, inzwischen zu einem ein rot glänzenden Kleid gewechselt, in eine Regenbogenfahne, Symbol des Stolzes der schwul-lesbischen Bewegung. In diesen Tagen ist das mehr als eine fröhliche Pop-Geste.