Musicals

Hamburg braucht eine neue Konzerthalle – wegen Harry Potter

Harry Potter (Daniel Radcliffe) entdeckt in dem Kinofilm "Harry Potter und die Kammer des Schreckens" (Szenenfoto) einen geheimnisvollen Gang - wo mag er hinführen?

Harry Potter (Daniel Radcliffe) entdeckt in dem Kinofilm "Harry Potter und die Kammer des Schreckens" (Szenenfoto) einen geheimnisvollen Gang - wo mag er hinführen?

Foto: picture-alliance / dpa

Der New Yorker Erfolg kommt ins Mehr! Theater. Damit fehlt eine Mehrzweckbühne. Reaktionen aus der Hamburger Kulturszene.

Hamburg. Die Nachricht, dass die in New York und London bereits sehr erfolgreiche Theaterproduktion „Harry Potter und das verwunschene Kind“ im Frühjahr 2020 nach Hamburg kommen und hier viele Jahre laufen soll, hat bei Fans der magischen Geschichten von J.K. Rowling für große Begeisterung ­gesorgt. Dass allerdings das Mehr! Theater am Großmarkt für die notwendigen Umbaumaßnahmen den Betrieb im Mai 2019 einstellt, kommt bei Veranstaltern, die hier bislang einen erheblichen Teil ihrer Konzerte und Shows auf die Bühne bringen, weniger gut an.

An etwa 220 Tagen im Jahr finden bisher im Mehr! Theater mit seinen bis zu 3500 Plätzen Veranstaltungen statt, für die nun andere Orte gefunden werden müssen: Konzerte (wie von Fettes Brot, Joan Baez, Katie Melua) Tournee-Shows (wie die Produktionen „Billy Elliot“, „Dirty Dancing“, „Flashdance“), vereinzelt auch Sport-Events. Erschwerend kommt hinzu, dass auch das CCH, das bis 2020 modernisiert und umgebaut wird, 2019 nicht zur Verfügung steht.

"Harry Potter wird die Hamburger verzaubern"

Er gratuliere dem Mehr! Theater zu dem „sensationellen Coup“, sagt Folkert Koopmans, Geschäftsführer von Hamburgs größtem Konzertveranstalter FKP Scorpio. Er sei sicher, „dass Harry Potter die Hamburger verzaubern“ werde, fügt aber hinzu: „Natürlich betrachten wir die Situation als Veranstalter auch mit einem weinenden Auge: Es gibt in der Größenordnung des Mehr! Theaters in Hamburg keine wirklichen Alternativen.“ Hier, so wünscht sich ­Koopmans, sollte „schnellstmöglich ­Abhilfe geschaffen werden“.

Das sieht auch Karsten Jahnke so: „Aus Veranstaltersicht ist es natürlich unglücklich, dass für uns eine sehr flexibel bespielbare Konzerthalle wegfällt, sowohl für bestuhlte als auch für unbestuhlte Veranstaltungen. Wir haben wieder weniger Auswahl für Shows mit Kapazitäten zwischen 1500 und 3300 Besuchern, somit werden wir auf Spielstätten wie die Sporthalle, die Laeisz­halle und die Barclaycard Arena – im Sommer hoffentlich auch in den Stadtpark – ausweichen.“ Das Problem könne aus seiner Sicht allerdings schnell gelöst werden, „wenn für die schon lange ­geforderte 4000er-Halle ein geeignetes innerstädtisches Gelände zur Verfügung stünde“.

Kultursenator: CCH ab 2020 wieder zur Verfügung

Kultursenator Carsten Brosda, der die „Harry Potter“-Produktion grundsätzlich als „hervorragende Ergänzung“ zum lokalen Kulturangebot einordnet, verweist in diesem Zusammenhang einerseits darauf, dass das CCH ab 2020 voraussichtlich für Konzerte wieder zur Verfügung stehe, sagt aber auch: „Hamburg braucht eine zusätzliche 4000er- Halle; es gibt den festen Willen, einen geeigneten Platz hierfür zu finden. Vor dem Hintergrund der neuen Situation werden wir zeitnah erneut Gespräche mit potenziellen Betreibern führen.“

Das von der Stage Entertainment („König der Löwen“) betriebene Operettenhaus am Spielbudenplatz steht nicht als Zwischenlösung zur Verfügung. Diese Bühne für Fremdproduktionen zu öffnen, die kurzzeitig nach Hamburg kommen, sei keine Option, stellt Stage-Unternehmenssprecher Stephan Jaekel klar. Der Spielplan für die vier Hamburger Stage-Theater sei für die nächsten Jahre „bereits fest programmiert“. Angst vor der „Harry Potter“-Konkurrenz habe man bei der Stage übrigens nicht: „Gute Stücke beflügeln den Markt, wie wir bereits seit Eröffnung unseres vierten großen Hauses, dem Stage Theater an der Elbe, hier in Hamburg, feststellen können. Hamburg wächst als attraktiver Live-Entertainment-Standort weiter.“

Thalia-Intendant: "Je mehr Kultur, desto besser"

Andere Theatermacher der Stadt schauen zum Teil mit gemischten Gefühlen auf die neue Konkurrenz – eine Sprechtheaterproduktion dieser Dimensionen hat es hier bislang nicht gegeben. „Ob diese konkrete Aufführung nun ,Kultur‘ oder Unterhaltungsindustrie“ sei, könne er noch nicht beurteilen, sagt etwa Thalia-Intendant Joachim Lux. „Tatsache ist, dass solche Stoffe vom angloamerikanischen Markt für uns nicht erreichbar sind, weil sie weltweit und für viel Geld vermarktet werden.“ Grundsätzlich sei er allerdings der Meinung: „Je mehr Kultur, desto besser!“

Ähnlich sieht es Axel Schneider, ­Intendant der Kammerspiele und des Altonaer Theaters, das als Spielplan-Konzept „Wir spielen Bücher“ realisiert. Als Bühne von den Bestseller-Erfolgen des Literaturbetriebs zu profitieren ist ihm nicht fremd. „Man muss den Kollegen vom Mehr! Theater gratulieren – ich hätte die Rechte auch genommen!“

Tatsächlich habe es sogar einmal Gespräche zwischen dem ebenfalls in Hamburg ansässigen Carlsen Verlag, in dem alle „Harry Potter“-Bände erschienen sind, und einer seiner Dramaturginnen gegeben. „Aber im Nachhinein muss ich sagen: ohne Chance“, lächelt Schneider. Im Übrigen verbinde er mit dem möglichen Erfolg der neuen Produktion auch die „Hoffnung, dass die kulturell ohnehin attraktive Stadt noch attraktiver wird, vor allem für ein sprechtheateraffines Publikum“.

Die Sorge, dass die Show die etablierten Theatermacher der Stadt Zuschauer kosten könnte, hat er trotzdem: „Ich ­ahne, dass sich gerade am Anfang viele Hamburger dafür interessieren werden – und diesen Anfangszeiteffekt konnten wir ja schon einmal beobachten.“ Schneider hatte im vergangenen Jahr über Publikumsschwund berichtet und das auf die Eröffnung der Elbphilharmonie zurückgeführt.