Hamburg

Elbphilharmonie: Das war die Hitparade des ersten Jahres

Werke von Ludwig van Beethoven erfüllten bislang am häufigsten den Großen Saal der Elbphilharmonie

Werke von Ludwig van Beethoven erfüllten bislang am häufigsten den Großen Saal der Elbphilharmonie

Foto: Christian Charisius / dpa

Vor einem Jahr begann der Spielbetrieb im neuen Konzerthaus. Bei den dort meistgespielten Komponisten gibt es auch Überraschungen.

Hamburg.  Ludwig van Beethoven, eindeutig. Man könnte spontan enttäuscht sein, dass er nach den ersten zwölf Monaten Spielbetrieb mit funktionierender Elbphilharmonie der größte gemeinsame Nenner im Publikumsgeschmack, der meistgespielte Komponist dort sein soll, mit 78 Stücken.

Wie war das noch gleich, was wurde seit der Jahrtausendwende immer wieder von der jeweiligen Kulturbehördenspitze aus versprochen? Es sollte alles toll werden, anders, aufregend, horizonterweiternd. Und dann ausgerechnet dieser Wiener Klassiker, der immer ging und immer geht?

Elbphilharmonie – Beethoven Sinfonie Nr 9 d Moll op 125, 4. Satz

Revolution ist das nicht, nicht mal Evolution, eher mittelalter Wein in den teuersten Schläuchen, die man für Steuergeld kaufen kann, könnte man argwöhnen. Andererseits: Wer neben Mozart hätte es mehr verdient, wieder und wieder gespielt zu werden?

Bach folgt mit 55 Nennungen

Komplett sicher ist sich die zuständige Abteilung von Hamburg Musik aber nur beim sehr klassischen Konsens-Genie aus Bonn. Und dass Johann Sebastian Bach folgt, mit eindeutigem Abstand ­allerdings: 55 Nennungen (Schuld sind u. a. die vier Aufführungen von John Malkovichs „Just Call Me God“ mit vielen Bach-Portionen).

Gefühlter Spitzenreiter in der Beethoven-Kategorie dürfte der Publikumsliebling Neunte sein: Es gab ihr Finale, von Thomas Hengelbrock dirigiert, in den Eröffnungskonzerten, sie war Schlussstein in einem Zyklus, den Gustavo Dudamel dirigierte. Murray Perahia spielte die Klavierkonzerte.

Elbphilharmonie Dudamel Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125 - 4th

Größter Beethoven-Schlager war die Siebente

Und dann war da ja noch das ­G20-Konzert der Philharmoniker mit Kent Nagano, das mit „Freude schöner Götterfunken“ endete, als es im Schanzenviertel zu brennen begann. Tatsächlich größter Beethoven-Schlager, wegen vieler „Konzerte für Hamburg“ des NDR, war jedoch die Siebente mit neun Aufführungen.

Schon ab Platz drei der Konzerthausneubau-Hitliste wird es allerdings eng auf dem Siegertreppchen: Nach einer Sichtung der Programm-Listen kurz vor dem Jahreswechsel ballen sich hinter Bach neben Brahms, Mozart, Mendelssohn, Bartók und Haydn auch Gershwin, Schubert, Dvorak, Strawin­sky, Mahler und Schostakowitsch, es fallen Namen wie Ravel (40), Strauss (37) und sogar der Opern-Gigant Wagner (36, wegen guter Buchung kürzerer ­Orchesterstücke in den „Konzerten für Hamburg“).

G20 Elbphilharmonie Konzert unter Nagano

Bei der nächsten Inventur allerdings dürfte ein Name in den oberen Rängen zu finden sein, der Seltenheitswert hat: Karlheinz Stockhausen, Schwerpunkt des nächsten Musikfests. Ein schillernder Solitär des 20. Jahrhunderts, in jeder Hinsicht. Theoretisch reinstes Kassengift, normalerweise. Doch beim Thema Elbphilharmonie ist praktisch ja nur wenig normal.

Verkompliziert und vernebelt wird das Abwiegen der Publikumslieblinge durch Besonderheiten klassischer ­Musik: Setzt man eine flächendeckende Sinfonie – später Mahler, später Bruckner, so etwas – aufs Programm, verdrängen diese Kolosse alles andere aus dem Zeitrahmen von etwa zwei Stunden.

Chamayou beschert Ravel vorderen Tabellenplatz

Insbesondere Mahlers dennoch gutes Abschneiden erklärt sich auch durch die Spektakelhaftigkeit seiner Orchesterkompositionen: Viele sind übergroß besetzt, überlang, manche verlangen Spezialeffekte wie räumlich getrennte Blechbläser oder Glocken, Solisten oder Chöre – unhandliche, kostspielige Komplikationen also für konventionellere, kleinere Aufführungsräume als der Große Saal, die dort gut machbar sind und auch noch viel fürs Auge bieten. Strauss’ Sinfonische Dichtungen sind kürzer, aber ähnlich lohnend.

Andererseits: Es muss nur ein einziges Konzert passieren wie das des Pianisten Bertrand Chamayou, der das komplette Klavierwerk von Ravel in ein Abendprogramm stellte, schon zählt ­jedes einzelne Opus und beschert dem hierzulande kaum gespielten „Boléro“-Franzosen einen vorderen Tabellenplatz.

Bei Fremdveranstaltern würde nicht alles ständig penibel mitgeteilt, heißt es weiter. Die Charts-Klarheit nach einem Jahr ist also arg relativ. Klar scheint nur: Gute alte Bekannte aus dem Kernrepertoire liegen weiter vorn.

Branche kann nicht so schnell aus ihrer Haut

Schnell stellt sich die Frage: Muss man diese vermeintliche Eintönigkeit ohne Wenns und Abers schlecht finden? Kommt sehr auf den Blickwinkel an. Standardrepertoire wird nicht schlechter, weniger wichtig oder weniger lohnend dadurch, dass es Standardrepertoire ist. B-Ware würde diesen Status nicht erreichen.

Es leidet in seiner Sub­stanz erst dann (und das durch frühere Begegnungen vorgebildete Publikum mit ihm), wenn es halbherzig, mittelprächtig und uninspiriert abgearbeitet wird. Und gerade für jenen Teil des Publikums, der nicht mit einem Erb-Abo zur Welt kam, gibt es ungleich mehr zu entdecken; Routiniers sind schwerer zu überraschen.

Wären oft aber auch dankbarer für die Unmengen toller Musik, die in den Nischen schlummert: der Amerikaner Ives, der Russe Weinberg, der Däne Nielsen, der Brite Vaughan Williams, der Wahlhamburger Ligeti? Nur einige von unzähligen Namen.

Der Große Saal ist auch für moderne Klassik gemacht

Umso sonderbarer kann einem der Punktsieg von Beethoven & Konsorten aber auch vorkommen, weil die Säle der Elbphilharmonie, stets deutlich betont, als Räume für das Kulturformat Konzert im 21. Jahrhundert gedacht wurden. Für andere, insbesondere auch für neuere Musik.

Auch die Klangcharakteristik – extrem trennscharf, weniger mischklangliefernd als das Schuhschachtelmodell Laeiszhalle – zielt mitsamt ihrer Ästhetik in Richtung Gegenwart. Doch die Klassikbranche kann, vielen Modernisierungs- und Diversifizierungsversprechen zum Trotz, offenbar nun mal nicht so schnell aus ihrer Haut.

Vor der Elbphilharmonie galt für viele Anbieter im gemächlichen Musikleben die gusseiserne Regel: Bloß keine Abonnenten vergrätzen, keine Experimente, die sich an der Kasse ­rächen könnten. Den Kunden bot sich damals kaum die Gelegenheit, Repertoire zu mögen (oder gar zu vermissen), das sie nicht kannten, da diese Stücke ja kaum eine Chance erhielten.

Und obwohl man jetzt in jedem Elbphilharmonie-Konzert obskure Kleinmeister vor vollem Haus anbieten könnte – es braucht offenkundig viel Zeit, um Hörgewohnheiten und Erwartungshaltungen sanft, aber bestimmend in andere Bahnen zu lenken. Das Gute daran: Das Programm­angebot ist kein Saisonartikel, die Zahl möglicher Repertoire-Kombinationen ist endlos. Die Dosis macht die Sucht.

Die Eröffnung der Elbphilharmonie in Bildern