Neues Konzerthaus

So erlebten Abendblatt-Redakteure die Elbphilharmonie

Hamburgs neues Wahrzeichen: Die Elbphilharmonie

Hamburgs neues Wahrzeichen: Die Elbphilharmonie

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Die unglaublichste Stimme oder der lustigste Irrtum: Autorinnen und Autoren des Abendblatts schildern ihre denkwürdigsten Momente.

Hamburg. Von den Socken oder von der Rolle sein; die Engel singen hören; der Zeit beim Stillstehen zusehen; in der Musik versinken; die Welt zunächst nicht mehr verstehen und dann erst recht – nur ganz anders als vorher? Man kann auf viele Umschreibungen zurückgreifen, um den einen, wirklich besonderen, diesen unwiederbringlich sensationellen Moment zu beschreiben, in dem die Elbphilharmonie das eigene Herz dramatisch aus dem Takt brachte. So sehr, dass jener eine kleine Moment unvergesslich und riesig wurde.

Am 11. Januar 2017 wurde in Hamburgs neuem Wahrzeichen das erste der beiden feierlichen Eröffnungskonzerte gespielt. In den zwölf Monaten seit dieser weltweit beachteten Premiere haben Hunderttausende am eigenen Leib, in der eigenen Seele die Macht von Musik ­erlebt. Vor allem im Großen Saal, doch auch der Kleine Saal besitzt diese ­lebensverändernde Fähigkeit. Nicht alle im Publikum waren auf diese Gefühls­dosis vorbereitet, viele hat es glühend heiß erwischt: Liebe auf den ersten Ton. Als Rückblick auf das vergangene Musik-Jahr ­haben Abendblatt-Autorinnen und -Autoren ihre persönlichen Oha-Momente aufgeschrieben. Die meisten haben mit Musik und der Wirkung der Architektur zu tun, manche beziehen sich auch auf Begegnungen mit ihnen bislang unbekannten Künstlern. Doch was auch ­immer es ­war – es wird nachklingen. Joachim Mischke

Die Erlebnisse der Abendblatt-Redakteure:

Richard Strauss’ „Rosenkavalier“, strengstens geheim

Knapp 100 Konzertbesuche in der Elbphilharmonie später ist es jetzt, im Januar 2018. Etliche dieser Konzerte waren sensationell – allerdings nicht immer dann, wenn es der Papierform nach von ihnen zu erwarten war. Doch so richtig los mit uns beiden ging es nicht erst am 11. Januar 2017 bei der Eröffnung. Das war vier Monate früher, am 7. Oktober 2016: Probenbesuch bei einer NDR-Probe mit Thomas Hengelbrock, strengstens geheim mit Unterschriftenzwang. NICHTS verraten! Keinen Piep!! Nein, auch kein kleines Augenrollen!!! Und erst recht GAR NICHTS vor dem 11. Januar veröffentlichen!!!! Mit einem Satz: Nordkorea Streichelzoo dagegen. Anderthalb Jahrzehnte abenteuerlicher Wartezeit auf die Wahrwerdung dieses Konzerthauses hatten ein Ende. In den Rängen verteilt saßen stumm staunend einige Mitarbeiter des Jahrhundertprojekts. Andere wandelten durch die Ränge, prüfend, wie es wo klingt. Ich war – Block K Mitte – ganz allein mit der Musik. Auf den NDR-Pulten lag Strauss’ „Rosenkavalier“-Suite, Herzschmerz vom Allerfeinsten. Und schon weit vor dem Schlussakkord war es um mich geschehen. Joachim Mischke

Rock ’n’ Roll am Ort der Hochkultur

Jenseits allen Konzerthaus-Sightseeings, das manchmal auch für ärgerliche Effekte sorgte, fielen mir bei allen Popkonzerten, die ich in der großen Ehrwürdigen an der Elbe besuchte, die im Zuge des Elbphilharmonie-Hypes selbstverständlich wirkenden Gesichtszüge aller Besucher ins Auge. Sie changierten zwischen fiebrig und gespannt, zwischen erwartungsvoll und, auch das, standesbewusst. Wer eines der begehrten Tickets für das für den Moment aufregendste Konzerthaus der Welt ergattern konnte, sei es durch Glück oder finanzielle Anstrengungen, der gehörte dazu. Zwei Dinge sind es, die mir in Erinnerung blieben: die zwei Stunden vor dem Konzert von The National an der Konzertkasse immer noch hoffnungsfroh (und dennoch vergeblich) herumlungernden Ultra-Fans der amerikanischen Band. Sie glaubten wirklich, noch reinzukommen in das Konzert, aber das Warten an diesem besonderen Ort kam ihnen augenscheinlich doch weihevoller vor als das vor der, sagen wir, Großen Freiheit. Zum anderen das Schwingen der Bierdosen vorm Eingang, es besagte: Hier sind wir, und wir sind Rock ’n’ Roll, an diesem Ort der Hochkultur. Thomas Andre

Als der Dirigent den Komponisten in die Arme schloss

Tag zwei nach der Eröffnung. Gerade hatte Kent Nagano das eigens für diesen Anlass von Jörg Widmann geschriebene Oratorium „Arche“ dirigiert, jetzt standen wir dicht gedrängt beim Künstlerempfang im Foyer des Kleinen Saals, stießen an auf das Gehörte, sahen den Dirigenten, wie er den Komponisten in die Arme schloss. Wenig später hielt Nagano eine Stegreif-Rede. Ich weiß nicht mehr genau, was er sagte, aber ich weiß noch, dass ich inmitten all dieser beseelten, glücklichen Menschen eine Gänsehaut bekam und zu einer Kollegin sagte: „Wir erleben hier gerade den Beginn von etwas ganz Großem.“ Sie nickte stumm. Sagen musste sie auch nichts, in diesen ersten Elbphilharmonie-Tagen wurde vor allem gefühlt. Und immer schon dem nächsten Konzert entgegengefiebert. Dass ein indischer Musiker 550 Besucher in den Kleinen Saal ziehen würde – bis dahin undenkbar. Dass Menschen Urlaub nehmen würden, um stundenlang an einer Vorverkaufskasse für Konzertkarten anzustehen – wer hätte das für möglich gehalten? Auf den einen großen Elbphilharmonie-Moment sind bis heute viele gefolgt. Und es geht, welch Glück!, immer so weiter. Holger True

Antonio El Pipas Kampf mit der Liebe und dem Schmerz

Man muss auch mal Glück haben. Die Verlosung („Abo für Einsteiger“) ergab bei meiner Frau und mir diesen Gewinncode: Etage 12, Bereich B, Reihe 5, Plätze 1 und 2. Möglich, dass sich so dicht an der Bühne die Klänge der Instrumente noch nicht in Vollendung vereint haben. Aber das spielt für uns gar keine Rolle. Wir können das Strahlen der Künstler beim Eintreten erkennen – und von einem einzigen Blick gefesselt werden. Antonio El Pipa tanzte schon als kleiner Junge. Im Oktober zeigt der 47- Jährige Flamenco auf höchstem Niveau. Als der Spanier die Hacken seiner Schuhe auf den Holzboden hämmert, durchzuckt es den ganzen Körper wie nach Pistolenschüssen. Jede Bewegung wirkt so kontrolliert und dabei doch so kreativ. Was den vielen Besuchern weit oben aber verborgen bleibt, ist sein ausdrucksvollstes Organ – seine Augen. Ist das Magie? Mit einem Blick kann El Pipa den Kampf zwischen Liebe und Schmerz austragen. An diesem Abend gewinnt die Liebe. Er scheint mich anzulächeln beim Schlussapplaus. Doch hinter mir höre ich Bravo-Bekundungen auf Spanisch. Ich drehe mich um und sehe – El Pipas Tochter. Alexander Laux

Der Traum, der durch eine falsche Tür kam

Es hat Zeiten gegeben, da kannten wir die Elbphilharmonie in ihrer jetzigen Gestalt noch nicht von innen. Je näher der Eröffnungstermin rückte, desto strenger wurde der Zugang reglementiert. Der Große Saal wurde in der Fantasie zum Schwarzen Loch, in dem Erinnerungsfetzen von Baustellenbesichtigungen rückstandslos verschwanden. Zur raffiniert ersonnenen Spannungsdramaturgie gehörte eine Backstage-Führung für den berühmten wie ersehnten Blick hinter die Kulissen. Aber keinen Meter weiter! Da unterlief es einer Mitarbeiterin, dass sie sich in einem Durchgang irrte. Die Tür schwang auf und gab den Blick frei auf eine Art abstrakten Wald: Holzfußboden verlief sich duftend im Halbdunkel, schräge Wände schimmerten perlweiß, diagonale Stützpfeiler kreuzten die Sichtachsen. Irgendwo hatte jemand in zarter grauer Schrift Buchstaben hingepinselt: A, C – wie ein unbekannter Code, um diesen weißen Dschungel zu entziffern. Noch ehe sich die Augen orientieren konnten, war die Tür schon wieder zugefallen. Das stille Foyer aber blieb auf der Netzhaut wie ein Traum. Verena Fischer-Zernin

Zu schön! Meine Auftritte im Großen Saal

Stellen Sie sich vor, Sie hätten den Großen Saal eine halbe Stunde für sich allein. Was würden Sie machen? Ich habe mich zusammen mit dem Musiker Jan Melzer von der A-cappella-Gruppe Lalelu mitten auf die Bühne gestellt und gesungen. „Can’t Help Falling in Love“ von Elvis Presley, immer wieder und mit zunehmender Begeisterung. Denn in der Elbphilharmonie klingt wirklich alles gut, selbst meine Stimme. Glauben Sie nicht? Es gibt ein Video davon, das auch der Grund für den Auftritt war: www.abendblatt.de/hamburg/article210101065/Chefvisite-64-Verliebt-indie-Elbphilharmonie.html Und das war zum Glück nicht alles: Im Oktober durfte ich die Gala zum 500. Geburtstag der Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns moderieren. Wieder mitten auf der Bühne des Großen Saals, diesmal vor ausverkauften Rängen und mit einer eigenen Garderobe, die spektakulärer war als die meisten Hotelzimmer, in denen ich geschlafen habe. Und gesungen habe ich auch wieder, zusammen mit den Söhnen Hamburgs und allen versammelten Kaufleuten: „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“. Zu schön. Lars Haider

Chefvisite #62: In der Elbphilharmonie klingt alles gut
Video: abendblatt.tv

Eine junge Geigerin brachte die Erhellung

Lass die anderen doch (meist vergeblich) nach Karten klicken oder aber – bei Erfolg – gut hören, sagte ich mir. Irgendwann wird’s schon klappen mit dem Besuch des Großen Saals. Mein innerer Gerhard Schröder („Ich will da rein!“) meldete sich kaum. Als es dann – dank familiären Engagements – an einem trü- ben Montagabend Ende Oktober beim Preisträger-Konzert „55 Jahre Deutsche Stiftung Musikleben“ doch so weit war und die Plätze in der 15. Etage gefunden waren, hieß es: Augen und Lauscher auf. Sicht von weit oben auf die Bühne sehr gut, Akustik ohnehin (auch bei der überlangen Begrüßungsrede und beim Orgelwerk Sebastian Küchler-Blessings mit ungewohnt schrägen Klängen). Umso faszinierender der Auftritt von Veriko Tchumburidze: Allein im Lichtkegel stehend, spielte die Geigerin Jacques Thibauds Solo-Sonate derart rasant, dass sie mit Ende der Musik abtrat. Erst der minutenlange Applaus lockte die schüchterne 21-Jährige wieder auf die große Bühne – zurück ins Licht. Ihr Lä- cheln übertrug sich bis in die 15. Etage. Das Konzert-Motto hieß „So klingt die Zukunft“ , die Elbphilharmonie aber war fortan Gegenwart. Stefan Reckziegel

Götterfunken gegen Anarchie

Drinnen die Ode an die Freude, draußen der Orkan der Wut: Kanzlerin Angela Merkel hatte die Regierungschefs des G-20-Gipfel in die Elbphilharmonie geladen, während auf Hamburgs Straßen die Gewalt und in der Schanze die Anarchie regierte. Mit Entsetzen und Empö- rung verfolgten die Ehrengäste auf den Balkonen die Demonstranten am Baumwall. Ich stand mit da oben und wähnte mich in einem bizarren Film, einem absurden Theater. Was machte ich bloß da oben? War ich ein Ehrengast, eingeladen als Gipfel-Claqueur, als Statist der Weltpolitik, als Kopf für die Fototapete? Nein, ich war Reporter, überwältigt von der Wucht des Moments. Das Konzerthaus glich einem Hochsicherheitstrakt, einer Oase im Sturm. Selten war die Stadt so gespalten, nie wirkte Beethovens 9. Sinfonie so seltsam: harmonisch und dissonant zugleich. Immerhin: Donald Trump lauschte andächtig der Sinfonie – und Emmanuel Macron beugte sich im vierten Satz vor, als wolle er Schillers Ode genau verstehen. „Alle Menschen werden Brüder“ – selten musste man so an seinen Worten zweifeln wie an diesem schwülen Sommerabend, dem 7. Juli 2017. Matthias Iken

Wenn der Druck sich ein Ventil sucht

Ende März des vergangenen Jahres gehörte ich als Volontärin gerade ein paar Tage dem Kulturressort an, da bekam ich schon die Chance, die heiß begehrte Elbphilharmonie zu besuchen. Großartig! Was für ein cooler Job! Blöd nur, dass ich nicht hingeschickt wurde, um den Klang im Großen Saal zu bewundern. Stattdessen sollte ich über die langen Staus vor den Toiletten berichten. Na super! Vom 8. Philharmonischen Konzert mit dem jungen Dirigenten Lorenzo Viotti aus der Schweiz und dem preisgekrönten Julian Steckel am Violoncello habe ich herzlich wenig zu hören bekommen, während ich die Sanitäreinrichtungen im Gebäude zählte. Dafür wurde es in der Pause umso spannender für mich: Mit fast 40 auf und ab tippelnden Frauen wartete ich vor der Damentoilette in Etage 15 und fragte sie nach ihrer Meinung zum WC-Mangel in der Elbphilharmonie. Die Antworten fielen so aus, wie es vorherzusehen war. Mein persönliches Highlight: Als der Gong zum Ende der Pause ein zweites Mal ertönte, stürmten die wartenden Damen ungeniert die nahezu leeren Herrentoiletten. Annabell Behrmann

Irritierende Begegnung mit John Malkovich

Huch. Plötzlich steht er im Raum. Seine dunklen Sneaker schlucken jedes Geräusch, auf Gummisohlen ist er durch den Backstage-Bereich der Elbphilharmonie geschlichen. In seinen sehr weiten, unten aufgekrempelten Jeans und dem XXL-Hoodie verschwindet er fast. Was ist es mit diesen Hollywoodstars, dass sie in echt immer so viel kleiner sind als im Kino? „I’m John“, flüstert John Malkovich mit sanfter Stimme. Die MalkovichStimme. Blinzelt er gar nicht? Das Malkovich-Lächeln. Ist das süffisant? Diabolisch? Oder bloß: müde? Dabei ist er ziemlich nett. Schleicht für den Fotografen bereitwillig durchs noch leere Foyer, lässt sich Zeit für unser Gespräch. Trotzdem hat dieses Interview, wenige Wochen nach der Eröffnung, etwas Surreales. Kurz zuvor war Donald Trump ins Amt gekommen. Schulterzucken. Für Politik, sagt Malkovich, der in der Elbphilharmonie einen maliziösen Diktator spielen soll, interessiert er sich nicht. Null. Er wählt nicht. Wer regiert, ist ihm einerlei. Die Weltlage? Wurscht. Ein so charismatischer Mensch – dessen verblüffendes Desinteresse mich umso G­20­Konzert: Kanzlerin Angela Merkel und Ehemann Joachim Sauer, unter anderem mit den Präsidenten Xi Jingping (China), Macron (Frankreich) und Trump (USA). Derweil tobten draußen die G­20­Krawalle dpa nachhaltiger irritiert hat. Maike Schiller

Zur rechten Zeit – aber am falschen Ort

Die Macher der Elbphilharmonie-Seite gerieten ins Schwärmen: „Ein phänomenaler Pianist, ein unbändiger Entertainer und ein kreativer Weltmusikkomponist“, zitierten sie den „Guardian“, als sie die Tickets für das Konzert Mitte April anboten. Weiterhin hieß es: „ Der Pianist Tigran Hamasyan zählt zu den smartesten Jazzern der jungen Generation.“ Ein Traum im Kleinen Saal. Und zugleich der erste Besuch in der kleinen Schwester der phänomenalen Philharmonie. Das Eingangsbrimborium kannten wir: Der Barcode auf den Tickets öffnet die Schranke, dann nichts wie hoch mit der Tube. Komisch, wie wenig Besucher auf der Rolltreppe waren – und das bei ausverkauftem Konzert. Komisch, dass Leute mit Tickets in der Hand nach unten hetzten. Komisch, dass der Aufgang zum Kleinen Saal geschlossen war. Sie ahnen es längst: Das Konzert war im Kleinen Saal – der Laeiszhalle. Der Taxifahrer, der mit uns hinhetzte, lachte herzhaft (über uns) – genau wie wir selbst, nachdem wir Punkt 20 Uhr im Kleinen Saal saßen. Und das Konzert? Elbphilharmonie und „Guardian“ haben nicht übertrieben: „Ein phä- nomenaler Pianist.“ Stephan Steinlein

Kleine Pause für 2000 Polizisten im Großen Saal

Der Hinweg ist fast so verstörend wie die Tage zuvor. Vier junge Polizisten lassen in der U 3 den Sekt kreisen. Sieht man nicht so oft, sind halt auch Menschen. Am 13. Juli, fünf Tage nach G 20, ist Alkoholkonsum im öffentlichen Nahverkehr aber das geringste Problem der Stadt. Man kam ja mit dem Denken und Fühlen kaum noch hinterher, Diagnose: kollektive posttraumatische Belastungsstörung. Ob das „Respekt“ -Benefizkonzert für 2000 Polizisten im Großen Saal der Elbphilharmonie der richtige Ort ist, emotionalen Ballast loszuwerden, wage ich zunächst zu bezweifeln. Vielmehr raunt mir Hajo Friedrichs sein Journalisten-Credo ins Ohr: Mach dich mit keiner Sache gemein und so weiter und so fort ... Am Ende, nach dem Konzert, war die (zweifellos exzellente) Qualität der musikalischen Darbietung vielleicht nie so egal wie an diesem Abend. Denn das Setting–Streicher statt Hubschrauberlärm, erste Reihe Klassik statt Frontlinie Demo, Freizeitdress statt Uniform – blies ungefähr sämtliche Beteiligte weg. Im Kokon der Elbphilharmonie hatten 2000 Leute einfach mal Pause von Gefechtsgeschrei und Deutungskampf. Kultur als Auszeit war selten so wohltuend . Nico Binde

Heilige Johanna, das ging unter die Haut!

Ich bekenne, ein Klassiker zu sein (Beethoven, Schubert, Haydn) und eine besondere Neigung zur Romantik zu haben (Chopin, Mendelssohn Bartholdy, Berlioz). Aber meine Frau sagt immer: „Lass uns doch auch mal was Neues ausprobieren.“ Und weil wir nicht auf die von Intendant Christoph Lieben-Seutter erwähnten Putzfrauen warten wollten, die auf Kämmen blasen und trotzdem den Großen Saal füllen würden, buchten wir etwas anderes Ausgefallenes: Arthur Honeggers Oratorium „Johanna auf dem Scheiterhaufen“. Es war unser viertes Konzert in der Elbphilharmonie, die „Ahs“ und „Ohs“ der Begeisterung über das tollste Musikhaus der Welt hatten wir schon abgearbeitet. Was wir nun geboten bekamen, war eine doppelte Johanna: jene von Orléans, die 1431 ihrer Hinrichtung entgegensah, und jene mit Nachnamen Wokalek, die die Rolle der todgeweihten Heldin übernahm. Ein erschütternder Stoff, eine der aufregendsten deutschen Schauspielerinnen („Die Päpstin“), von Orchester und Gesang mit Wucht und Wonne begleitet: Das war großes Theater und großes Konzert in einem. Heilige Johanna, was für ein Abend! Hans-Joachim Nöh

Der ganze Saal sang „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“

Dass Gäste der Elbphilharmonie ein Konzert vorzeitig verlassen, kommt gelegentlich vor. Dass die Musiker ihr Programm mit den Worten „ Wollen Sie etwa schon gehen?“ unterbrechen, habe ich aber erst einmal erlebt. Es war bei der festlichen Gala zum 500-jährigen Bestehen der Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg (VEEK) am 12. Oktober. Die Söhne Hamburgs waren als Schlussakt mitten in ihrem Programm, als ein älteres Ehepaar aus der ersten Reihe an der Bühne vorbei den Saal verließ. Pianist Joja Wendt stoppte irritiert sein Spiel – seine Frage blieb aber unbeantwortet. Vielleicht hatten die beiden Flüchtigen etwas anderes erwartet. Die VEEK ist ja eher für feierlich getragene Veranstaltungen bekannt. Aber der Vorsitzende der Wirtschaftsvereinigung, Gunter Mengers, wollte es angesichts des Jubilä- ums richtig krachen lassen. So gab es eben nicht nur Auftritte des Ensembles Resonanz und des Bundesjugendballetts, sondern auch Soul und die Söhne Hamburgs mit ihren mitreißenden Liedern. Der Stimmung tat das gut. Am Ende sang der ganze Saal „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins.“ Martin Kopp

Miu ließ die Leute tanzen – und keiner durfte es erfahren

Seit gefühlt Jahrmillionen bereitet sich das Kulturressort des Abendblatts auf die Eröffnung der Elbphilharmonie vor. Der Klassik-Kollege ist kurz davor, sich den Starttermin auf den Oberarm tätowieren zu lassen. Und dann erreicht mich Anfang November 2016, zwei Monate vor der Premiere, völlig unverhofft die Nachricht von Popmusikerin Miu: „Wir spielen am 25.11. ein geheimes Konzert in der Elbphilharmonie im Großen Saal. Hast Du Lust und Zeit, dabei zu sein?“ Wie bitte, was? Aber ja doch! Ironie des Schicksals: Die Redakteurin, die sich am liebsten in Rock- und Pop-Clubs auf St. Pauli herumtreibt, darf nun also als Erste ein Konzert in der Prestige-Welle am Hafen erleben. Allerdings unter 1001 Siegeln der Verschwiegenheit. Intendant Christoph LiebenSeutter tritt vor dem Auftritt vors Publikum, das staunend nach allen Regeln der Kunst die Köpfe verdreht, um ja alle Details des Bauwerks wahrzunehmen. Der Chef mahnt: keine Handyaufnahmen, keine Berichterstattung. Dies sei ein Test. Aber was für einer. Miu lädt den Saal samt Orchester mit Soul und Swing auf. Die Leute tanzen, singen, klatschen – ganz geheim. Birgit Reuther

Plötzlich sprang einer im Publikum auf und mischte sich ein

Nach dem Eröffnungskonzert gab es für mich noch mindestens zehn weitere sehr persönliche Elbphilharmonie-Momente. Das Glücksgefühl, sich von den Bläsern des Chicago Symphony Orchestra eine Gänsehaut föhnen zu lassen. Das Staunen über die kristallinen PianoKlänge beim Pärt-Programm des Lettischen Rundfunkchors. Oder auch Christian Gerhahers umwerfender „Don Giovanni“. Aber kaum ein Moment hat mich so erwischt wie der Spontanauftritt von Ibrahim Keivo im Abschlusskonzert des Festivals „Salam Syria“. Als der syrische Barde von seinem Sitzplatz aufsprang, sich aus dem Publikum heraus mit einer Gesangsimprovisation in die Aufführung seiner Kollegen einmischte und alle Besucher in seine vokale Umarmung einschloss, war für eine knappe Minute zu erleben, was Musik möglich machen kann: dass wildfremde Menschen plötzlich durch die Schwingungen im Raum miteinander verbunden sind, sich davon berühren lassen und über alle kulturellen Grenzen hinweg eine tiefe Gemeinschaft spüren. Für solche unvergesslichen Begegnungen ist der Große Saal mit seiner kommunikativen Transparenz ein idealer Ort. Marcus Stäbler

Wie man ein ausverkauftes Haus fast leer spielt

Es war als Marathon angekündigt, und es wurde einer: Zwölf Formationen spielten am 30. März „Bagatelles“ des New Yorker Avantgarde-Musikers John Zorn. Der Saxofonist war als Instrumentalist nur bei seinem Masada Quartet dabei, ansonsten dirigierte er und freute sich mit einem Dauergrinsen darüber, mit welcher Leidenschaft die von ihm eingeladenen Musiker seine rasanten Stücke interpretierten. An diesem Abend bestand die Elbphilharmonie auch den Test, dass brachial laute Musik wie etwa vom Metal-Trio Trigger im Großen Saal funktioniert. Fast fünf Stunden dauerte der Marathon, doch nur noch ein gutes Drittel der 2000 Zuhörer erlebte den Auftritt von Marc Ribots „Asmodeus“ um 0.45 Uhr. Zorn und seine Musikanten hatten den ausverkauften Saal fast leer gespielt, was angesichts der Komplexität seiner Kompositionen zwischen Klezmer, Hardcore Metal und Free Jazz nicht überrascht. Doch der „Bagatelles Marathon“ muss zu den aufregendsten Hörerlebnissen im ersten Jahr der Elbphilharmonie gezählt werden. Einziges Manko mitten in der Nacht: Kein Taxi stand vor dem Konzerthaus, U-Bahnen fuhren nicht mehr. Heinrich Oehmsen

Die unglaublichste Stimme, die ich je hörte

Youn Sun Nah – der Name sagte mir nichts, als ich die Tickets für das Elbjazz Festival am 2. Juni 2017 in der Abendblatt-Geschäftsstelle kaufte. Das Konzert der koreanischen Sängerin in der Elbphilharmonie war im Ticketpreis enthalten, also buchte ich die mir Unbekannte eben mal mit. Die zarte Person mit ihrem kleinen Ensemble trat schüchtern auf, begrüßte das Publikum mit gehauchten Worten und wirkte fast verloren in dem großen Saal – bis sie loslegte. Ich habe noch nie eine so unglaubliche Stimme erlebt. Mal engelsgleich, mal rauchig, mal brummend, trillernd, lockend – gibt es eine Tonlage, die diese Sängerin nicht beherrscht? Zuvor hatte ich Orchester und Chöre im Großen Saal erlebt, aber erst durch Youn Sun Nah habe ich wirklich verstanden, warum die Akustik so sehr gelobt wird. Ihre Stimme ging mir durch Mark und Bein, es vibrierte bis hoch in meine Reihe. Die Band spielte nur eine Stunde, doch für mich war es das klangvollste Konzert meines Lebens. Im April kommt Youn Sun Nah wieder nach Hamburg – und ich habe Karten ergattert. Gleicher Platz, gleicher Ort. Ich kann’s kaum erwarten. Sabine Tesche