Verkehr

Wenig Fortschritte beim Lärmschutz in Hamburg

Die Tarpenbekstraße, Höhe Geschwister-Scholl-Straße. 2018 soll hier nachts Tempo 30 gelten

Die Tarpenbekstraße, Höhe Geschwister-Scholl-Straße. 2018 soll hier nachts Tempo 30 gelten

Foto: Michael Rauhe / HA

465.000 Hamburger sind belastendem oder krank machendem Lärm ausgesetzt. Kaum Besserung seit Erhebung von 2012.

Hamburg. Rund 465.000 Hamburger sind regelmäßig Lärm von mehr als 55 Dezibel (dbA) ausgesetzt, den das Umweltbundesamt als „erhebliche Belästigung“ definiert. Bei rund 124.000 ist die Belastung mit mehr als 65 Dezibel nach diesen Kriterien sogar gesundheitsgefährdend. Das geht aus den von der Umweltbehörde jetzt im Internet veröffentlichten neuen Hamburger Lärmkarten hervor.

Danach sind auch 291 Schulen und 37 Krankenhäuser an Hauptstraßen täglich einem Verkehrslärm von mehr als 55 Dezibel ausgesetzt. Weil der Mensch in den nächtlichen Ruhezeiten lärmempfindlicher ist, gilt nachts schon ein Pegel von 50 Dezibel als Belastung. In Hamburg sind nach den neuen Daten 251.000 Menschen auch nachts einer Lärmbelastung von mehr als 50 Dezibel durch Straßenverkehr ausgesetzt.

Kommentar: Stadt geht auch ein wenig leiser

Zu den möglichen Langzeitfolgen chronischer Lärmbelastung gehören laut Umweltbundesamt „neben den Gehörschäden auch Änderungen bei biologischen Risikofaktoren (zum Beispiel Blutfette, Blutzucker, Gerinnungsfaktoren) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Arterienverkalkung, Bluthochdruck und Herzkrankheiten einschließlich Herzinfarkt“.

Bürger können Vorschläge machen

Die größte Lärmquelle ist der Straßenverkehr, dessen Lautstärke 362.000 Hamburger mindestens „erheblich belastet“. Danach folgen Flug- und Schienenverkehr und mit Abstand die Lärmbelastungen, die von Industrie und Hafen ausgehen. Gegenüber der letzten Erhebung von 2012/13 ist die Belastung mit Lärm zwar laut Umweltbehörde minimal zurückgegangen.

Die Erhebungsmethode sei allerdings auch nicht vollständig vergleichbar, so die Umwelt­behörde. Beim Straßenverkehr sei die Belastung trotz des Wachstums der Stadt in etwa gleich geblieben, heißt es aus der Behörde. Von Fluglärm sind jetzt allerdings, wie berichtet, mehr Menschen betroffen. Der Schienenverkehr sei noch nicht vollständig ausgewertet, da noch nicht alle Daten der Deutschen Bahn AG vorlägen.

Kerstan: „Große Herausforderung“

„Das Thema Lärm ist für alle wachsenden Metropolen eine große Herausforderung“, sagte Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne). „Wenn wir wie geplant mehr an den Verkehrsachsen bauen, muss das mit kluger Stadtentwicklung, Grünplanung und Lärmschutzkonzepten verknüpft werden.“ Das werde nur „parallel zur Verkehrswende mit deutlich mehr E-Autos und schadstoffarmen Antrieben gelingen“, so Kerstan. „Wir müssen uns jetzt fragen, wie wir das Wachstum unserer Stadt so gestalten, dass Grün und Lebensqualität gesichert bleiben. Lebensqualität bedeutet auch, Verkehrslärm auf ein vertretbares Maß zu begrenzen.“

Um den Lärm zu mindern, habe der Senat zahlreiche Maßnahmen ergriffen, so die Umweltbehörde. So sei an der Harburger Chaussee, der Winsener Straße und der Moorstraße ein nächtliches Tempolimit auf 30 Kilometer pro Stunde eingeführt worden. Weitere zehn Straßen sollen folgen, sechs davon noch dieses Jahr. Außerdem werde bei Straßensanierungen nur lärmarmer Asphalt eingesetzt. Der Senat habe zudem ein 6,4 Millionen Euro umfassendes Schallschutzprogramm für Sanierungsmaßnahmen wie etwa Schallschutz-fenster oder verglaste Balkone aufgelegt, das noch nicht ausgeschöpft sei.

Lärmaktionsplan mit weiteren Maßnahmen

Mithilfe der Daten erarbeitet die Behörde jetzt den neuen Lärmaktionsplan mit weiteren Maßnahmen. Er soll 2018 beschlossen werden. Im Frühjahr bekommen die Hamburger die Möglichkeit, sich an der Planung zu beteiligen. Dafür soll unter dem Titel „ruhig mobil“ eine Online-Plattform entstehen. Umweltschützer kritisieren das Vorgehen als nicht ausreichend. „Der Senat hat in den letzten fünf Jahren viel zu wenig getan, um den Lärm spürbar zu senken“, sagte der Landesgeschäftsführer des Bunds für Umwelt- und Naturschutz (BUND), Manfred Braasch.

„Der sehr belastende Straßenlärm betrifft knapp eine halbe Million Hamburger, mehr als 100.000 Menschen leben sogar in Stadtteilen, die eindeutig gesundheitsschädlich verlärmt sind. Die Senatspolitik – hier mal Tempo 30 nachts, dort ein bisschen Flüsterasphalt – reicht bei Weitem nicht aus. 2018 wird der Lärmaktionsplan fortgeschrieben. Dem müssen dringend Taten folgen.“

Zu finden sind die Lärmkarten unter hamburg.de/laermkarten. Sie sollen bald so ergänzt werden, dass auch nach Straßen gesucht werden kann.