Verkehr

„Gegen Lärm in Hamburg hilft nur Tempo 30 schnell“

Die Tarpenbekstraße, Höhe Geschwister-Scholl-Straße. 2018 soll hier nachts Tempo 30 gelten

Die Tarpenbekstraße, Höhe Geschwister-Scholl-Straße. 2018 soll hier nachts Tempo 30 gelten

Foto: Michael Rauhe / HA

Was der renommierte Gutachter Christian Popp fordert – und wie Hamburg von London lernen könne. Erste Bürger verklagen die Stadt.

Hamburg.  Opposition und Naturschützer haben den rot-grünen Senat aufgefordert, mehr für den Schutz der Hamburger vor Lärm zu tun. Der Senat versage seit Jahren beim Lärmschutz, sagt FDP-Stadtentwicklungsexperte Jens P. Meyer. „Viele der im Lärm­aktionsplan 2013 vorgeschlagenen Maßnahmen sind noch immer nicht umgesetzt.“ Wenn der Senat nun verstärkt Wohnungen an Ausfallstraßen (Magis­tralen) bauen wolle, müsse er auch mit intelligenten Ampelschaltungen für einen ruhigeren Verkehrsfluss sorgen und stärker auf Flüsterasphalt setzen.

Hamburger Senat „versagt beim Fluglärm völlig“

Linken-Umweltpolitiker Stephan Jersch wirft dem Senat vor, beim Lärm nach dem Motto „Ohren zu und durch“ zu agieren. Er habe immer noch nicht die beschlossenen Tempo-30-Beschränkungen umgesetzt, und „beim Fluglärm versagt er völlig“. CDU-Umweltpolitiker Stephan Gamm betont, wie wichtig Lärmminderung sei, „denn mehr als die Hälfte der Bevölkerung stört oder belästigt Lärm“. Wie der Senat setzt auch die CDU auf die Elektromobilität und die „Vermeidung unnötiger Verkehre“.

SPD-Umweltpolitikerin Monika Schaal betont die Bedeutung der Elek­tromobilität, aber auch die Stärkung des öffentlichen Personennahverkehrs, des geplanten Schnellbahnausbaus und der Förderung des Radverkehrs. Der Grünen-Stadtentwicklungsexperte Olaf Duge geht davon aus, dass „die Verkehrswende in zehn bis 15 Jahren vollzogen“ sein werde. Kurzfristig könnten Geschwindigkeitsbegrenzungen helfen. Schallmindernder Asphalt und eine neue Reifentechnik seien ebenfalls hilfreich bei der Lärmreduktion.

Gutachter fordert Tempolimit auf Autobahnen

Auf die Bedeutung der Reifen weist auch der Hamburger Lärmexperte und Gutachter Christian Popp von der Firma Lärmkontor hin. Ab 30 km/h seien Reifen lauter als die Motoren. „Das hat damit zu tun, dass heute selbst Kleinwagen mit Reifen ausgestattet sind, die Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 250 km/h aushalten. Die sorgen dann in den Städten für mehr Lärm“, so Popp.

„Ich sage immer: Wenn ihr etwas ändern wollt, führt auf den 6000 Kilometern deutscher Autobahn ohne Tempolimit auch endlich eine Begrenzung ein. Das sind die letzten Strecken der Welt ohne Tempolimit – und an denen richtet sich der gesamte Weltmarkt aus. Deswegen sind Reifen so hart und Autos so schwer.“

Die größten Lärmverursacher auf den Straßen sind laut Popp „Lkw, Motorräder – und die Idioten, die meinen, ständig extrem beschleunigen und wieder abbremsen und viel zu schnell fahren zu dürfen“. Um den Lärm von Motorrädern zu reduzieren, müsse man die Typprüfverfahren auf EU-Ebene verschärfen, so der Lärmkontor-Geschäftsführer.

Die Polizei müsse schärfer kontrollieren. Denn es werde sehr viel an den Motorrädern manipuliert. „Die einfachste und am schnellsten umzusetzende Maßnahme gegen die hohe Lärmbelastung ist die Geschwindigkeitsbeschränkung auf Tempo 30“, so Popp. „Damit wird die Lautstärke um etwa zweieinhalb Dezibel (A) reduziert. Das entspricht etwa einer Halbierung der Verkehrsmenge. Es wäre grundsätzlich sinnvoll, überall dort Tempo 30 einzuführen, wo Menschen wohnen – zumindest nachts.“

“Lärm kann Menschen krank machen“

Gute Verkehrspolitik habe auch etwas mit Mut zu tun, sagt Popp. „In London konnte durch die City-Maut eine Verkehrsreduktion von bis zu 40 Prozent in der City erreicht werden. Natürlich gab das Widerstand. Aber der damalige Bürgermeister Ken Livingstone hat das trotzdem durchgesetzt. ,Sollen sie schreien‘, hat er gesagt. ,Ich lasse es nicht zu, dass meine Stadt in Lärm, Abgasen und geparkten Autos ersäuft.‘“ Heute hätten sich die Londoner an die Maut gewöhnt, und viele fänden es gut, dass der Verkehr abgenommen habe.

„Lärm kann vor allem die Menschen krank machen, die das Gefühl haben, sie seien ihm ausgeliefert und könnten nicht ausweichen, zum Beispiel, weil sie es sich nicht leisten können, in eine weniger belastete Gegend zu ziehen“, so Popp. „Dann können Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Folge sein.“

Malte Siegert vom Naturschutzbund (Nabu) bezeichnet Lärm neben schlechter Luft als „Geißel städtischen Lebens“. Er fordert von der Politik einen „echten Bewusstseinswandel“. BUND-Chef Manfred Braasch hält „eine konsequente Einführung von Tempo 30 auch an Hauptverkehrsstraßen“ für „das Mittel der Wahl“.

Stadt verlangt 360 Euro von Bürgern – für Antrag

Mittlerweile gibt es auch Klagen gegen die Stadt wegen Untätigkeit beim Lärmschutz. So hat der Erziehungswissenschaftler Marcus Pietsch, Anwohner der Heimfelder Straße, bereits im Frühjahr geklagt. Grund: Die Stadt hat seinen bereits im Sommer 2015 eingereichten Antrag auf verkehrsbeschränkende Maßnahmen wegen zu viel Lärm und hoher Luftbelastung noch nicht beschieden.

Pietsch lässt sich von der renommierten Kanzlei Mohr vertreten und will ein Grundsatzurteil erstreiten, auf das sich andere Lärmgeplagte berufen können. Zuletzt hatte die Stadt von Antragstellern Gebühren in Höhe von 360 Euro gefordert – und zwar nur dafür, den Antrag auf Tempo 30 überhaupt zu prüfen (wir berichteten).

Das hat nicht nur bei den Grünen, sondern auch in der SPD für Kritik gesorgt. Zuletzt hatte Rot-Grün in Hamburg-Nord eine Abschaffung dieser Gebühr gefordert. Immerhin hat die Stadt angekündigt, nächtliche Tempo-30-Abschnitte an zehn weiteren Straßen einzuführen. Dies soll noch im Herbst auf folgenden Straßen der Fall sein: Mühlendamm, Bergedorfer Straße, Holtenklinker Straße, Eiffestraße, Horner Rampe und Vogt-Wells-Straße. 2018 sollen Holstenstraße, Braamkamp, Tarpenbekstraße und Bramfelder Chaussee folgen.