Obdachlose

Das Leben rumänischer Bettler in Hamburg

Der Rumäne Nelu aus  Namaesti bettelt häufig an den Alsterarkaden in der Innenstadt

Der Rumäne Nelu aus Namaesti bettelt häufig an den Alsterarkaden in der Innenstadt

Foto: Andrei Schwartz

Dokumentarfilmer Andrei Schwartz porträtiert Roma, die mit dem Geld von hier ihren Kindern in der Heimat helfen.

Hamburg.  Sie sind ganz unten. Sie sitzen auf der Straße, unter Brücken und vor Kaufhäusern. Sie halten einen Pappbecher in der Hand, manche haben sich in Decken gehüllt und ein Schild umgehängt. Sie bitten um Spenden. Sie betteln. Sie sagen nichts. Wenn ihnen jemand im Vorbeigehen eine Münze schenkt, nicken sie stumm.

Viele von den Bettlern, die auch in diesem Sommer auf Hamburgs Straßen nicht zu übersehen sind, kommen aus Rumänien. Es sind Roma. „Sie selbst nennen sich Zigeuner“, sagt Andrei Schwartz. Nach seiner Einschätzung leben seit einigen Jahren im Sommer 80 bis 100 Roma in Hamburg vom Betteln. Der preisgekrönte Dokumentarfilmer will den Menschen jetzt eine Stimme geben.

Die Roma führen ein Pendelleben

„Mich hat ihre Doppel-Existenz interessiert“, sagt Andrei Schwartz. Er spricht von einem „Pendelleben“, das die Roma führen. Immer am Rande der Gesellschaften. „Hier als Saison-Obdachlose, dort als Emigranten auf Heimaturlaub.“ Das mache die Schicksale dieser Leute, ihre Wandlung und Wanderung zwischen so unterschiedlichen Kulturen, einzigartig. „Namaesti–Hamburg und zurück“ heißt das Filmprojekt des gebürtigen Rumänen, der 1955 in Bukarest geboren wurde und als 17-Jähriger mit seinen Eltern und seinem Zwillingsbruder nach Deutschland gekommen ist.

Leitartikel: Die Bettler und wir

Seit 30 Jahren lebt Andrei Schwartz in Hamburg. Sein Vater war Bildhauer, seine Mutter Malerin. Er hat Kunstgeschichte und visuelle Kommunikation studiert. Sein Film „Auf der Kippe“ über Roma, die auf einer Müllkippe leben, gewann auf dem weltweit größten Dokumentarfilm-Festival 1997 in Amsterdam den 1. Preis.

Andrei Schwartz hat die Hansestadt als weltoffen kennen- und lieben gelernt. „Ich war immer ein Hamburg-Fan.“ Als er jetzt einige Roma bei Behördengängen begleitet hat, habe dieses Bild von Hamburg Risse bekommen. „Einen rumänischen Bettler hatte ich mühevoll dazu überredet, sich für 103 Euro eine Monatskarte zu kaufen.“ Kontrolleure hätten dem Mann die Monatskarte mit fadenscheinigen Begründungen einfach abgenommen. Erst nach langem Hin und Her, persönlichen Besuchen und viel Schriftverkehr bekam der Roma die Karte zurück. „Eine Entschuldigung der Hochbahn hat es nicht gegeben“, sagt Schwartz. Bis heute wartet er auf eine Antwort auf seinen letzten Beschwerde-brief vom 14. April.

Viele Rumänen bleiben misstrauisch

Deshalb sei der neue Film auch ein Dokument über diese Stadt. „Es geht auch darum, wie diese Gesellschaft mit Menschen umgeht, die den normalen Abläufen im Wege stehen.“

Einfach ist es auch für Andrei Schwartz nicht, an die Roma heranzukommen. Obwohl er deren Sprache spricht. „Viele bleiben misstrauisch.“ Andere seien offener. „Das ist auch für mich ein Drahtseilakt.“

Seit 2010 beraten die Hoffnungsorte Hamburg in Kooperation mit der Stadt wohnungslose EU-Migranten. „Ein wichtiger Teil dieser Arbeit waren von Beginn an die transnationale Zusammenarbeit und Studienreisen in die Herkunftsländer der Betroffenen“, sagt Ulrich Hermannes, Geschäftsführer der Hoffnungsorte. Im Juni haben sie sich gemeinsam mit Andrei Schwartz auf den Weg nach Namaesti gemacht. „Aus diesem Ort kommt die Mehrzahl der auf Hamburgs Straßen bettelnden Roma.“

Namaesti liegt rund 100 Kilometer östlich von Bukarest. Früher, sagt Andrei Schwartz, hätte es dort mehrere große Industrieansiedlungen gegeben. Möbel-, Auto- und Zementfabriken boten Tausenden Menschen Arbeit. „Morgens fuhren Busse ins Dorf, um die Arbeiter abzuholen“, sagt Schwartz. Nach und nach verschwanden die Fabriken. Heute gebe es in der Region keine Arbeit mehr.

In Namaesti gibt es kein sauberes Trinkwasser

Aus der Siedlung „La Ursari“, dem Roma-Ortsteil von Namaesti, stammt ein Großteil der Rumänen, die in Hamburg betteln. Ulrich Hermannes benutzt den Begriff Extremarmut: „Es gibt dort keine Gemeindestrukturen. Es gibt weder Kindergarten noch sauberes Wasser. Es fehlt jede Art von Infrastruktur. Es gibt keine stabilen Brücken und keine Kanalisation. 95 Prozent der Häuser haben weder Bad noch Küche. Es gibt ein paar Müllcontainer und einige Straßenlampen, die nachts leuchten.“

Das Betteln in Hamburg bedeute für die Betroffenen eine große Investition. Die Fahrkarte koste mehr als ein Monatseinkommen. „In vier bis sechs Wochen Betteln in Hamburg kann man ungefähr 200 Euro Reingewinn erzielen.“ Die Roma hätten in Hamburg keinen Wohnsitz. „Sie schlafen im Freien unter Brücken oder in Parkanlagen. Dort stellt sich bald das Problem der körperlichen Hygiene und der geregelten Ernährung.“ Regulär arbeiten würden sie nicht, weil ihnen die Sprache, die Ausbildung oder der feste Wohnsitz fehlt – den sie sich aber ohne Arbeit nicht leisten können.

Wenn die Bewohner tagsüber ihre improvisierten Matratzenlager zum Betteln verließen, bestehe die Gefahr, dass diese nach Beschwerden von Anwohnern von Ordnungskräften geräumt werden, sagt Hermannes. „Ihr Hab und Gut wird als Müll deklariert und entsorgt.“

Andrei Schwartz wird in seinem Film auch Ramona und Florin vorstellen, die in Hamburg betteln, um ihren Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen. Ramona ist Analphabetin. Nach dem Tod ihrer Eltern musste sie als Achtjährige auf ihre Geschwister aufpassen. „Da gab es weder Zeit noch Geld für einen Schulbesuch“, hat sie Andrei erzählt. Sie will jetzt an einem Alphabetisierungskurs teilnehmen. „Ich ärgere mich bis heute schwarz, dass ich weder schreiben noch lesen kann, und fühle mich wie gelähmt“, sagt sie. „Nicht mal die Zeugnisse meiner Kinder kann ich entziffern.“ Aber sie ist stolz darauf, dass sie mit dem bisschen Geld, das sie und ihr Mann in Hamburg einnehmen, ihrem Sohn Salmin den Besuch des Gymnasiums ermöglichen können. „Und auch unsere Kleine hat gerade die zweite Klasse beendet.“