Meinung
Leitartikel

Sind wir sensibel genug mit Bettlern?

Wie geht Hamburg mit Menschen um, die jeden Tag ihre Würde aufs Spiel setzen?

Viele von ihnen haben früher in einer Fabrik gearbeitet und damit so viel Geld verdient, dass sie ihre Familie ernähren und ihre Kinder in die Schule schicken konnten. Heute fahren sie nach Hamburg, betteln auf der Straße und vor Geschäften, schlafen unter Brücken und in Parkanlagen, wenn im Sommer das Winternotquartier der Stadt seine Türen schließt.

Rund 100 Roma aus dem rumänischen Namaesti sichern seit einigen Jahren durch ihre Bettelei in Hamburg ihr bescheidenes Familieneinkommen und ihren Kindern eine Schulbildung in Rumänien. Dort, so berichten Mitarbeiter der Hoffnungsorte Hamburg und der Filmemacher Andrei Schwartz, herrsche extreme Armut, seit die großen Fabriken verschwunden sind.

Seit 1974 ist das Betteln in Deutschland grundsätzlich nicht mehr strafbar, aufdringliches Betteln kann als Ordnungswidrigkeit geahndet werden. Die Sprecher von S- und U-Bahn in Hamburg berichteten jetzt von vermehrten Beschwerden, ohne wirklich Zahlen vorlegen zu können. Und verweisen auf die Hausordnung, die das Betteln in Bussen, Bahnen und an Haltestellen verbietet.

Die Gründe für einen Menschen zu betteln sind vielfältig. Selten sind Armut oder Krankheit selbst verschuldet. Der Weg auf die Straße hat in den meisten Fällen mit Ausgrenzung und Chancenlosigkeit, Scheitern und Verlusten zu tun. Es ist deshalb schlicht unzulässig und gehört sich auch nicht, Bettler pauschal zu kriminalisieren.

Diese Gefahr besteht, wenn die oppositionelle CDU mit dem reflexartigen Ruf nach mehr Sicherheitspersonal in den Zügen auf die „deutliche Zunahme der organisierten Bettelbanden in Hamburg“ reagiert. Die Polizei ließ gestern verlauten: „Wir haben keine konkreten Erkenntnisse auf organisierte Bettelbanden in Hamburg, die belegbar wären.“

Beim Umgang mit den Schwächsten zeigt sich der Zustand einer Gesellschaft. Es hilft enorm, wenn der Filmemacher Andrei Schwartz diesen Menschen jetzt durch sein Filmprojekt ein Gesicht und eine Stimme geben wird. Nur dann kann man vielleicht verstehen, warum sich jemand auf den langen Weg macht, sich in einer fremden Stadt auf den Boden kauert und seine Würde Tag für Tag aufs Spiel setzt.

In Namaesti hat Andrei Schwartz auch vier Jugendliche getroffen, die ihn eines Abends zur Seite genommen und angesprochen haben: „Bitte helfen Sie uns, Don Andrei. Wir wollen später nicht so leben müssen wie unsere Eltern.“ Vielleicht haben sie Glück und sind, anders als ihre Eltern, zur rechten Zeit am richtigen Ort.

Zur Bekämpfung der größten Not hat das rumänische Arbeitsministerium jetzt 1500 Gemeinden und 1100 Stadtbezirke als von extremer Armut besonders betroffene Gebiete identifiziert. Mithilfe der Europäischen Union soll in einer Pilotphase zunächst in 100 Gemeinden die Umsetzung von drei vorrangigen Zielen in Angriff genommen werden: Verbesserung von Bildung, Gesundheit und Wohnen.

Denn das eine ist die Bekämpfung der Ursachen. Das braucht Zeit und Kraft und Geld. Ist aber alternativlos, soll sich wirklich etwas ändern.

Das andere ist der respektvolle Umgang mit den Fremden. Letztlich muss sich jeder fragen, wie er mit den Menschen umgeht, die ganz unten angekommen sind. Die meisten Hamburger, so scheint es, sind sensibel genug, um zwischen echter Hilfsbedürftigkeit und organisierter Bettelei, die natürlich strafrechtlich verfolgt werden muss, unterscheiden zu können.