Der rote Faden

Andreas Klitsch baut Brücken für Kinder in Not

Containerhändler Andreas Klitsch am Heinepark an der Elbe

Containerhändler Andreas Klitsch am Heinepark an der Elbe

Foto: Roland Magunia

Klitsch handelt mit Containern. Weil ihn das nicht mehr erfüllte, rief er ein Hilfe-Netzwerk für benachteiligte Kinder ins Leben.

Wenn der Vater stirbt, wird man nachdenklicher. Dieser Satz stammt von Andreas Klitsch, 56, Teilhaber am Container-Unternehmen Eucont Europa und Initiator des Netzwerks Brücken für Kinder. Damals war er 48 Jahre alt und hatte bis zu dem Zeitpunkt seinen Lebensweg nie ernsthaft infrage gestellt. Doch der Tod des Vaters im Jahr 2007 brachte etwas in ihm in Bewegung. Zwei Jahre später feierte er seinen 50. Geburtstag und beschloss, dass er tiefere Spuren hinterlassen wollte. Nicht nur durch die eigenen Kinder Jonas, 26, und Julia, 21, sondern auch durch Hilfsprojekte. Mit dem Namen Klitsch sollte sich eine Lebenshaltung verbinden lassen. „Ich wollte Zeit für Gemeinnützigkeit“, sagt er. „Das habe ich geschafft. Heute weiß ich: Ich bin ein Visionär.“

Zusammen mit seinen Brüdern Peter, 62, Wolfgang, 63, und dem inzwischen in Schweden lebenden Uwe, 57, war auch Andreas Klitsch in das Familienunternehmen von Vater Gerd eingebunden. Der hatte sich 1957 als Spediteur für Transport, Lagerei und Umschlag selbstständig gemacht und das Geschäft später mit den Söhnen an seiner Seite als Containerlogistiker, -recycler und -händler erweitert. Ex-Wirtschaftssenator Ian Karan, als Unternehmer ebenfalls im Containerhandel tätig, war einer der ersten Kunden. Ein Kontakt, der nie abreißen sollte.

An der Schwelle zur sogenannten dritten Lebenszeit genügte dem jüngsten Klitsch-Sohn Andreas die berufliche Selbstverwirklichung also nicht mehr. Er wollte sich sozial engagieren, der Gesellschaft etwas zurückgeben, wovon er und die Seinen profitierten. Im Familienverbund, aber auch mit Freunden und Geschäftspartnern tauschte er sich monatelang aus. Ideen wurden entwickelt, verworfen, neue auf Alltagstauglichkeit geprüft. Es dauerte, bis klar war, was funktionieren würde. Am Ende war es das erfolgreiche berufliche Netzwerken, das der Unternehmer seit Langem nutzte und das er nun auch als Grundlage für sein humanitäres Engagement sah: „Besonders Kinder liegen mir am Herzen. Sie sind die Schwächsten in unserer Gesellschaft. Sie brauchen unsere Hilfe.“

Entstanden ist nach intensiver Vorarbeit 2012 eine Charity-Plattform, auf der Menschen, die Kindern helfen wollen, mit privaten Förderprojekten zusammengebracht werden. Klitsch und seine Vorstandskollegen Thomas Weichert, Jörg Paura und Schatzmeister Marco Domröse sowie viele ehrenamtliche Mitstreiter knüpfen Kontakte, helfen bei der Realisierung und der Sicherung der möglichst langfristigen Finanzierung. Eigene Projekte gibt es nicht. Zwei Spendengalas in den Jahren 2012 und 2014 brachten schon Zehntausende von Euro zusammen, die in Musik-, Kreativ- und Präventionsprojekte fließen. Zudem werden mit 10.000 Euro dotierte Förderpreise verliehen. „Ich weiß seither, was ich gesucht habe“, sagt Andreas Klitsch. „Meine Berufung hat sich erfüllt.“ Am 3. November findet die dritte Spendengala statt.

Ohne Hermann Rauhe wäre er nicht dort, wo er heute ist

Auf dem Weg dorthin habe er viele prägende Menschen kennengelernt, betont er. Einer der wichtigsten davon ist der Musikwissenschaftler Hermann Rauhe, 86, Ehrenpräsident der Hamburger Hochschule für Musik und Theater und inzwischen Beiratsvorsitzender des Vereins Brücken für Kinder. „Er ist mein väterlicher Freund“, sagt Klitsch. „Ohne ihn wäre ich nicht dort, wo ich heute bin.“ Auch die Zusammenarbeit mit seinem Freund und Brücken-Mitbegründer Thomas Weichert, Moderator und Musiker, möchte er an dieser Stelle explizit würdigen. „Er ist für unser Projekt unverzichtbar.“

Überhaupt ist Namedropping im Selbstverständnis des Kontaktevermittlers Andreas Klitsch eine wichtige Voraussetzung, wenn man andere zur Hilfe animieren und an ihre Spendierfreudigkeit appellieren möchte. Immer wieder garniert er seine Erzählungen mit persönlichen kleinen Begebenheiten zu Prominenten der Stadt wie beispielsweise Fußball-Ikone Uwe Seeler, der einst in einer Spedition arbeitete wie Vater Gerd Klitsch. Oder Heidi Kabel, die berühmte Volksschauspielerin, deren Tante zufällig im selben Sterbezimmer lag wie Helene Klitsch, die Großmutter der Familie. „Ich habe sie angesprochen und gefragt, ob sie unserer Oma, die ein Fan von ihr ist, noch einmal die Hand gibt“, sagt Klitsch. Natürlich wurde der letzte Wunsch erfüllt. „Das sind Situationen, die wärmen das Herz.“

Aber auch zur Politik hat er als Spendensammler und Lieferant aufgearbeiteter Container für Baustellen, mobile Büros und Klassenräume, aber auch Flüchtlingsunterkünfte gute Kontakte. Für den damaligen Bezirksamtschef Andy Grote, inzwischen Innensenator, hat er 2014 die leer stehenden Container des insolventen Theaters Fliegende Bauten auf dem Heiligengeistfeld entsorgt. „Dort hatten sich etwa 50 Obdachlose und andere Gestrandete eingenistet“, sagt Klitsch. „Wir haben dafür gesorgt, dass die Container recycelt und die Menschen umgebettet wurden.“ Schausteller und Abbruchunternehmen bildeten dafür eine Allianz. „Die kennen sich aus mit dieser Klientel.“

Um sich über Jahrzehnte in einer Branche zu behaupten, die dominiert wird von großen international tätigen Unternehmen, bedarf es besonderer Qualitäten. Eine davon ist die Erkenntnis, dass auch ein Nischendasein profitabel sein kann. „Wir haben uns irgendwann auf das Recyceln von Containern konzentriert“, sagt Andreas Klitsch. Die sind frisch hergerichtet billiger und fast wie neu.

Etwa 20 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen noch. Es waren einmal viel mehr. Doch inzwischen wurde das Firmengeflecht reduziert. „Wer einmal weitermacht, wenn wir Brüder nicht mehr wollen, ist noch ungeklärt“, sagt Andreas Klitsch. „Aber darüber entscheiden wir, wenn es so weit ist.“ Sohn Jonas ist zumindest schon mal Schriftführer bei Brücken für Kinder.

Auf das Treffen mit der Presse hat Klitsch sich akribisch vorbereitet, Perfektionist, der er ist. Ein Imagefilm, CDs, eine Mappe mit handschriftlichen Notizen und ein paar Flyer sollen dem Gesprächspartner die Ernsthaftigkeit des Bemühens um Nachhaltigkeit verdeutlichen. „Ich mache das nicht für mich“, sagt Klitsch. „Ich mache es aus Herzensverbundenheit.“

Als es der Familie noch nicht so gut ging, arbeitete die Mutter in einer Fischfabrik

Anfangs versuchte er das soziale Engagement parallel zu seiner Arbeit zu bedienen. Doch schnell war klar, dass es so nicht weiterging. „Dann zieh dich raus“, haben ihm die Brüder gesagt, die zum Brücken-Gründungsteam gehörten. Inzwischen ist der Jüngste nicht mehr Geschäftsführer, sondern Teilhaber und teilt seine Arbeitszeit zwischen Job und Sozialprojekt. Seine Erkenntnis: „Vorher hatte ich ein normales Berufs- und Familienleben. Heute gebe ich Impulse und passe mich individuell den Erfordernissen an.“

Vor allem Vater Gerd war einer, der an das Gute im Menschen glaubte. Gestrauchelten eine zweite Chance zu geben, Hilfesuchenden zu vertrauen, ihnen auch Geld zu leihen war seine Art, sich als Firmenchef zu verwirklichen. „Dafür hat er Lehrgeld zahlen müssen“, sagt Sohn Andreas. „Ich weiß heute, wie man es hätte anders machen müssen.“ Solange Klitsch senior allerdings das Sagen hatte, war Kritik nicht unbedingt angesagt. „Er war Familienoberhaupt und Menschenfreund. Alles andere ergab sich zwangsläufig daraus.“

Dennoch funktionierte das Mitein­ander zwischen Vater und Söhnen gut. Nach der Lehre als Speditionskaufmann und dem Bundeswehrdienst war mit Andreas der vierte Sohn ins Unternehmen eingeschert. „Alternativ wäre ich gern Historiker geworden“, sagt er. „Aber die Frage stellte sich damals nicht.“ Es war für die Familie mit vier Kindern schwierig genug gewesen, den Schritt aus einer beengten Wohnung heraus in den Wohlstand und ein eigenes Haus zu schaffen.

Umso mehr weiß er seine heutige Stellung innerhalb der Hamburger Gesellschaft zu schätzen. Kinderlieder-Macher Rolf Zuckowski gehört ebenso zu den festen Größen des Brücken-Netzwerks wie Moderator Reinhold Beckmann. „Ich kann Menschen überzeugen und begeistern“, sagt Andreas Klitsch und holt einen letzten Beweis für sein erfolgreiches Kontakten aus der Tasche: eine Karte von Alfred Hörmann, dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes. Ihn hat er während Hamburgs Bemühen um die Ausrichtung der weltweit größten Sportveranstaltung kennen- und schätzen gelernt. Die Grußkarte ziert ein persönliches Anschreiben Hörmanns. „Auch er findet Brücken für Kinder wichtig und richtig“, sagt Andreas Klitsch. Denn: „Es macht mich stolz, wenn solche Menschen unsere Arbeit achten und würdigen.“