Helmut Schmidt (✝)

Zwei Stunden vor dem Rathaus anstehen, um zu kondolieren

Trauer nach dem Tod von Helmut Schmidt: 1112 Hamburger kamen gestern ins Rathaus und schrieben Beileidsbekundungen auf.

Hamburg.  Verica Allers ist die Erste. Die 65-jährige Hamburgerin steht seit 8.30 Uhr vor dem Rathaus, um sich ab zehn Uhr in das Kondolenzbuch einzutragen. „Helmut Schmidt war einer von uns, man musste ihn einfach gerne haben“, sagt sie. Und dass der Altkanzler aus Langenhorn mit Loki eine so wunderbare Frau an seiner Seite gehabt habe. Verica Allers weiß auch schon, was sie nachher für sich und ihren Mann, der krankheitsbedingt leider nicht mitkommen konnte, in das Buch schreiben wird: „Lieber Helmut Schmidt, wir werden Sie sehr vermissen.“ Hinter Verica Allers wird die Menschenschlange vor dem Rathaus immer länger.

Ein trüber Morgen. Es nieselt und wird nicht richtig hell. Das Wetter passt genau zu diesem Novembertag, an dem sich die Hamburger von ihrem Ehrenbürger, der ihnen mit zunehmendem Alter anscheinend immer vertrauter geworden ist, verabschieden. Schon vor dem Rathaus haben sie brennende Kerzen und Fotos, weiße und rote Rosen hingelegt.

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Auf einem Zettel klebt eine Menthol-Zigarette, darunter steht: „Tschüs und Danke.“ Als würde sich der Absender vor dem Verstorbenen auch dafür verneigen, dass der sich zeit seines Lebens nirgendwo das Rauchen hat verbieten lassen.

Marie-Luise Anthes war 18 Jahre alt, als sie am 18. Februar 1962 mit ihrer Mädchenklasse vom Charlotte-Paulsen-Gymnasium in Wandsbek ihre Abiturfeier hatte. Zwei Tage zuvor hatte eine verheerende Sturmflut die Nordseeküste getroffen. „Die Straßen in Hamburg waren dunkel, vielerorts war der Strom ausgefallen“, sagt sie.

Und dann kam Helmut Schmidt, damals Polizeisenator, und nahm die Sache in die Hand. Seitdem hat sie das Leben dieses Mannes begleitet. Und jetzt steht sie hier vor dem Rathaus, um Abschied für immer zu nehmen. „Von einem Macher“, sagt sie. Einem Politiker, bei dem man als Bürger irgendwie immer das Gefühl gehabt habe: „Ja, der kann das.“ Draußen warten einige bis zu zwei Stunden. Drinnen im Rathaus stehen die Menschen geduldig vor den beiden Stehpulten, auf denen die Kondolenzbücher liegen, daneben ein großes Schwarz-Weiß-Foto des späteren Mitherausgebers der „Zeit“, auf dem Helmut Schmidt milde lächelt.

Manche schreiben einen kurzen Gruß in das Buch. Andere aber haben einen Block mitgebracht, auf dem sie ihren langen Text zu Hause vorgeschrieben haben, den sie jetzt Wort für Wort übertragen. Anschließend verneigen sich die Menschen für einen kurzen Moment vor dem Mann, den viele als den bedeutendsten Sohn der Stadt bezeichnen. Einige müssen schlucken und haben Tränen in den Augen.

Nikola Stokic, 65, und seine Frau Roswitha sagen, dass sie einfach ins Rathaus kommen mussten, als sie vom Tod Helmut Schmidts gehört haben. „Wir haben ihm so viel zu verdanken. Er hat uns ja praktisch unser ganzes Leben lang begleitet“, sagt Nikola Stokic. Auch er verbindet die erste bewusste Begegnung mit Helmut Schmidt mit dem Februar 1962. „Damals war ich 14 Jahre alt. Ich wohnte in Rahlstedt und wollte bei der Flut helfen, war aber noch zu jung.“ Später haben sie in Helmut Schmidt über all die Jahre einen Politiker kennen- und schätzen gelernt, der sich „nie verbiegen ließ“. Einer mit einer Haltung, vor dem sie stets den höchsten Respekt gehabt haben. „Als Mensch, als Altbundeskanzler und als Hamburger.“ Sie empfinden ein tiefes Gefühl der Verbundenheit mit einem Menschen, „der uns fehlen wird, weil er in den vergangenen Jahren auch für die jüngere Politiker-Generation so immens wichtig gewesen ist“.

Auch vor Helmut Schmidts Haus am Neubergerweg in Langenhorn legen die Menschen den ganzen Tag lang Blumen und Kränze nieder und verharren in stillem Gedenken. „Es war mir sehr wichtig, heute hierherzukommen“, sagt Almut Ockert, 75. „Ich war das letzte Mal hier, als Helmut Schmidt als Bundeskanzler gestürzt worden ist. Da haben wir uns aus Solidarität spontan vor seinem Haus versammelt. Und dann ist Helmut Schmidt zu uns rausgekommen und hat ein paar Worte gesagt.“ Besonders nach seiner Kanzlerschaft, sagt Almut Ockert, sei Helmut Schmidt für sie ganz wichtig gewesen. „Zur politischen Orientierung. Diese Sicht auf die Dinge, dieser Weitblick, den er hatte und auch vermitteln konnte, das war einfach großartig und hat mir sehr geholfen.“Gegen 20.30 Uhr haben sich 1112 Bürger in die Kondolenzbücher eingetragen. Vor dem Rathaus wird an die geduldig Wartenden Kaffee ausgeschenkt. Auch in den nächsten Tagen werden die Kondolenzbücher im Rathaus ausliegen. Täglich von 7 bis 19 Uhr, am Wochenende von 10 bis 17 Uhr.

Sie werden weiter in Scharen kommen. Viele ältere Bürger, aber auch junge Menschen. So wie Severin Pehlke. Der 19-Jährige sagt, er kenne Helmut Schmidt ja nur noch als älteren Mann. „Aber er wurde auch in meiner Generation sehr ernst genommen, wenn er sich zu aktuellen politischen Themen geäußert hat“, sagt er.

Vor dem Rathaus legen sie weiter Blumen und kleine Zettel mit persönlichen Botschaften hin. „Mach’s gut, Helmut!“, steht da. „Und grüß Loki.“