Trauer

Helmut Schmidt – Loki war die Liebe seines Lebens

Als Kinder lernten sich Hannelore Glaser und Helmut Schmidt kennen. Ihre Beziehung bewegte viele Menschen – trotz auch schwerer Zeiten.

Die Liebe zwischen Loki und Helmut Schmidt überdauert beider Tod. Sie war so intensiv, dass sie keiner Verklärung bedarf. Denn es ist ein offenes Geheimnis, dass es nicht ausschließlich Zeiten gab, in denen zwei Herzen im Einklang klopften. Beide waren höchst beliebt, aber sie waren keine Heiligen. Helmut Schmidt war kein Kind von Traurigkeit und hatte von jeher einen Schlag bei den Damen. Bisweilen, so hieß es immer schon hinter vorgehaltener Hand, sei die Versuchung allzu groß gewesen. Und vielleicht traf das ja nicht nur auf ihn zu, wer weiß?

Jedenfalls fühlte sich Helmut Schmidt gedrängt, im März 2015, also viereinhalb Jahre nach Lokis Beerdigung, eine späte Beichte abzulegen. Ja, bekannte er, es habe da eine andere gegeben. Es waren nur ein paar Sätze, eher am Rande platziert, die bundesweiten Donnerhall hervorriefen. „Ich hatte eine Beziehung zu einer anderen Frau“, schrieb Schmidt damals in seinem aktuellen Buch „Was ich noch sagen wollte“. Loki habe ihm sogar die Trennung angeboten, was er, Helmut, „fassungslos“ abgelehnt habe.

Der „Stern“ wusste mehr. Unter der Überschrift „Schmidts Zweite“ veröffentlichte das Magazin Details eines pikanten, offensichtlich lange währenden Seitensprungs. Partnerin des jetzt verstorbenen Helmut Schmidt war demnach eine Hamburger Adelige aus vornehmem Hause. 2012 sei sie beerdigt worden, fast zwei Jahre nach Loki.

Schmidt nutzte diese späte Beichte, um seine Liebe zu Loki noch einmal zu bekräftigen. Diese habe eben auch problematische Zeiten überlebt. Ein Indiz in jedem Fall spricht für die Intensität der Verbindung zwischen zwei Menschen, die fast lebenslang anhielt: Beide wahrten höchste Diskretion und schafften es gemeinsam, auch schwierige Tage zu überstehen und Hand in Hand weiterzugehen.

Die Ehe dauerte mehr als 68 Jahre und hat allein schon wegen dieser imposanten Zahl Seltenheitswert. Noch schwerer als die Anzahl der Jahre wiegt die Qualität. Fühlten sich die beiden Schmidts ohnehin immer verbunden, so nahm dieses Gefühl gegen Ende immer mehr zu. Seit Lokis Tod und bis zu seinem letzten Tag trug Helmut Lokis Ehering an seiner Hand.

Schließlich verband sie so viel. Die Wurzeln des gemeinsamen Glücks wurden unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg gelegt. Während in Barmbek der zehn Wochen alte Helmut Schmidt von der Mutter gestillt wurde, kam am 3. März 1919 wenige Kilometer entfernt in der Schleusenstraße zu Hammerbrook ein Mädchen namens Hannelore zur Welt. Ihre Eltern, Gertrud und Hermann Glaser, hatten keine eigene Wohnung, sodass Hannelore in den Zimmern der Großeltern aufwuchs – mit bis zu zwölf Personen auf wenigen Quadratmetern unter heutzutage unvorstellbaren Bedingungen.

Rührend waren die Glasers bemüht, ihrer Tochter trotz großer Armut einen behüteten Lebensstart zu ermöglichen. Mit Erfolg. Denn wann immer sich Hannelore später über ihre Kindheit äußerte, sprach sie von Dankbarkeit und wunderschönen Erinnerungen an geborgene Zeiten.

Irgendwie schaffte es die Familie Glaser, wirtschaftlich über die Runden zu kommen. Es gab einfaches, aber genügend Essen. Mutter Gertrud machte aus der Not eine Tugend, besuchte in der Volkshochschule Kurse über Ernährungslehre, setzte gezielt auf Gemüse und Milchprodukte. Wenn die Kinder Geburtstag hatten, wurden Wünsche erfüllt. „Mein Lieblingsessen, das Höchste der Gefühle, waren Schneidebohnen in einer leichten Milchsoße mit viel Petersilie und ein kleines Stück Beefsteak“, schrieb Loki Schmidt in ihrem 2008 erschienenen Buch „Erzähl doch mal von früher“.

Der Vater malte und spielte Geige. Loki folgte seinem Beispiel. „Ihr seid die am besten gebildete Proletarier­familie, die ich kenne“, stellte ein Freund fest. 1925, zeitgleich mit Helmut Schmidt in Barmbek, kam Loki in die Reformschule Burgstraße 35.

Das Mädchen mit den schwarzen Haaren und den schon damals markanten Gesichtszügen verstand sich mit Jungs besonders gut. Mit einem ganz besonders, dem körperlich eher kleinen Helmut. Doch das geschah erst später, auf der Lichtwarkschule in Winter­hude. Dorthin wechselte Hannelore 1929 mit zehn Jahren. Fraglos trug diese Erfahrung dazu bei, dass Loki niemals im Leben die Bodenhaftung verlor und allzeit offene Ohren auch für die vermeintlich Kleinen hatte.

Helmut Schmidt genoss die relative Freiheit des Lernens, als er Ostern 1929 als Elfjähriger in die Sexta kam; heute wäre das die 5. Klasse. Vor allem freute er sich über das muntere Miteinander mit den Deerns Bank an Bank. Anfangs fiel dem Pennäler gar nicht so recht auf, dass es eine Mitschülerin namens Hannelore Glaser gab, die von allen nur Loki genannt wurde und über Größe verfügte – in jeder Beziehung. Sie überragte die Klassenkameraden in der Regel um mindestens einen Kopf, aber sie hatte auch Mumm und einen starken Gerechtigkeitssinn. Wenn übermütige Jungs körperlich eher schwächere Mädchen allzu sehr drangsalierten, pflegte Loki leidenschaftlich dazwischenzugehen.

In Anspielung auf den Hamburger Boxmeister erhielt sie den Spitznamen „Schmeling“. Das war wie ein Ritterschlag. Helmut wurde „Schmiddel“ genannt. Anfangs einer der Kleinsten in der Klasse, wuchs er im Laufe der Zeit. Unabhängig davon muss er in späteren Jahrgängen für manchen Mitschüler so eine Art Chef gewesen sein. Drei Ks sind manchem haften geblieben: Kodderschnauze, Klassenprimus, Kumpel. Wenn irgendwo Blödsinn verzapft oder heimlich auf der Toilette geraucht wurde, steckte nicht selten „Schmiddel“ dahinter. Ein anderer vergaß seine Hausaufgaben und wurde von Helmut, wohlgemerkt nicht vom Lehrer, zum Papieraufsammeln auf dem Schulhof verdonnert. Das Erstaunliche: Der Junge gehorchte.

Schon damals fand Helmut Loki gut. Zu seinem elften Geburtstag lud er sie ein. Gefeiert wurde erst so richtig im Sommer parallel mit Bruder Wolfgang, also rund ein halbes Jahr nach Helmuts eigentlichem Termin am 23. Dezember. Dass diese Feier Auswirkungen haben sollte auf ihr gesamtes Leben, ahnten Loki und Helmut zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht.

Es war ein herrlicher Sommertag bei den Schmidts an der Richardstraße. Loki wusste die Ehre durchaus zu schätzen, zwischen den Jungs zu sitzen. Ludovica Schmidt organisierte Topfschlagen, Blindekuh sowie die „Reise nach Jerusalem“. Anschließend stellte die Hausfrau eine große Schüssel mit Kirschen aus dem Alten Land auf den Tisch. Spontan entwickelte sich ein Wettessen. Am Ende siegte Loki, sie hatte die meisten Kerne auf dem Teller.

Nach einem fidelen Nachmittag verabschiedeten sich die Kinder. Bei aller Aufregung ließ Loki ihre Mütze in Helmuts Wohnung liegen. Ludovica Schmidt bat ihren Sohn, Loki das gute Stück nach Hause zu bringen. Leichter gesagt als getan, denn von der Richardstraße in Barmbek zur Baustraße nach Borgfelde war es ein Fußmarsch von fast einer Stunde. Helmut gehorchte, stapfte los und überreichte der verdutzten Loki die Baskenmütze. Ob es der Schlüsselmoment für eine innige Beziehung wurde – wer weiß?

So viel passierte anschließend. Die Verlobung in Berlin, die Hochzeit in Hambergen bei Bremen 1942, der Tod des Babys Moritz, der Untergang des Dritten Reiches, das Wirtschaftswunder, Helmuts rasante Karriere bis zum Bundeskanzler, eine Ära gemeinsamer Verbundenheit in der Zeit danach.

Dann, am 21. Oktober 2010, endete ein Leben, dessen 91 Jahre prall gefüllt waren. Hamburg trug Trauer, als am 1. November im Turm von St. Michaelis das letzte Geläut für Hannelore Schmidt erklang. Bei einer von Würde und enormer Dankbarkeit getragenen Trauerfeier gab es einen Augenblick, der besonders zu Herzen ging. „Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten“, sprach Henning Voscherau mit gebrochener Stimme in das Kirchenmikrofon.

Dies war auch der Moment, in dem Gefühle die Hoheit gewannen über die preußische Selbstbeherrschung des Witwers ganz links in der ersten Reihe. Helmut Schmidts Kopf sackte nach vorne, sein Körper bebte, Tränen flossen. Sanft streichelte Tochter Susanne den weißen Hinterkopf ihres Vaters. Orgelklänge lösten das bedrückende Schweigen in St. Michaelis ab.

Auch in den Tagen des Abschieds von seiner geliebten Ehefrau bewies Helmut Schmidt diese ganz besondere Souveränität. Wie oft hatten Loki und er sich abends im Langenhorner Doppelhaus darüber unterhalten, wie es sein würde, wenn einer nicht mehr für den anderen da sein könne.

Jetzt sind sie wieder zusammen. Irgendwie, irgendwo.