Olympia in Hamburg

„6000 neue Wohnungen im Hafen“

Für Oberbaudirektor Jörn Walter ist ein olympisches Dorf auf dem Kleinen Grasbrook die „perfekte Anbindung“ der Veddel an die City und führt eine Hamburger Tradition fort

Professor Jörn Walter lächelt, während er das Buch durchblättert und dann auf ein doppelseitiges Foto zeigt. Auf dem Luftbild von Hamburg sind das Olympiastadion auf dem vorderen Kleinen Grasbrook zu erkennen und das olympische Dorf am Baakenhafen im östlichen Teil der HafenCity. Das Buch stammt aus der Zeit der Jahrtausendwende und enthält Hamburgs Bewerbung für die Olympische Spiele 2012.

Es war am 27. August 2001, als der Oberbaudirektor zusammen mit dem damaligen Stadtentwicklungssenator Willfried Maier (Grüne) vor die Presse trat und beide ihr Konzept von den „City-Olympics“ der Öffentlichkeit vorstellten. Neben dem Olympiastadion „am Amsinckufer haben sie das Schwimmstadion geplant, mit gläsernen Fronten zum Hafenbecken hin und einem bestechenden Blick über die Elbe auf die City“, berichtete seinerzeit das Hamburger Abendblatt.

„Der Baakenhafen steht für das olympische Dorf heute natürlich nicht mehr zur Verfügung“, sagt Walter. Bis 2022 sollen die Bauarbeiten für den östlichen Teil der HafenCity fertig und die Bewohner der neuen Wohnungen eingezogen sein. Deshalb habe man das Konzept für die Bewerbung 2024 angepasst. Das Olympiastadion rückt jetzt auf die größere Teilinsel des Kleinen Grasbrooks, der zugleich das olympische Dorf aufnehmen soll. „Der Kleine Grasbrook bietet sich aus stadtentwicklungspolitischer Sicht nahezu ideal an“, sagt der Oberbaudirektor. „Er ist für den Sprung über die Elbe in Richtung Süden bestens geeignet.“ Es entstehe eine Verbindung zwischen der Innenstadt und der Elbinsel. „Die Veddel würde perfekt an die Stadt angebunden.“

Die Idee, das olympische Dorf auf dem Kleinen Grasbrook anzusiedeln, sei sogar noch etwas schlüssiger als am Baakenhafen, sagt Walter. „Wir würden dort in Zusammenarbeit mit der Wohnungswirtschaft Zwei- bis Vierzimmerwohnungen errichten, die nach den Olympischen Spielen als ganz normales Wohngebiet genutzt werden können.“ 3000 Wohnungen für das olympische Dorf und in der Nachnutzung bis zu 6000 Wohnungen seien denkbar. „Beim Bau des olympischen Dorfes denken wir schon daran, dass das Erdgeschoss später für Läden, Dienstleistungen oder Restaurants genutzt werden könnte.“

Der Oberbaudirektor hat, wenn er über die Bewerbung für die Olympischen Sommerspiele 2024 spricht, das große Ganze im Blick. „Hamburg befindet sich in der einzigartigen Lage, dass es in so zentraler Innenstadtlage über Flächen wie den Kleinen Grasbrook verfügt.“ In anderen Metropolen seien der Hafen längst nach außerhalb verlegt und die frei gewordenen Flächen bebaut worden. „Wir haben an beiden Seiten der nördlichen Elbe fantastische Potenziale und können sie nutzen.“

Walter sieht die Olympischen Spiele als Teil von Stadtentwicklung. „Olympia darf nicht der Ausgangspunkt für die städtebauliche Entwicklung, sondern muss ihr Katalysator sein.“ Das bedeute, dass ein so großes sportliches Ereignis sich „in eine ohnehin sinnvolle Stadtentwicklung“ einordnet. „Olympische Spiele als singuläres Ereignis wären nicht auf Dauer nachhaltig.“

Auf der großen Wandkarte in seinem Büro mit einem Satellitenbild von Hamburg zeigt Walter, dass die Entwicklung des nördlichen Elbufers seit vielen Jahren im Gange ist. „Erst die Perlenkette, dann die HafenCity, und jetzt die Entwicklung von Hamburgs Osten, die ja bereits vom Senat beschlossen ist.“ Olympische Sommerspiele würde sich als „perfektes Gelenk“ in Richtung Süden sehr gut einfügen, zumal auf der Elbinsel mit der Internationalen Gartenschau igs und der Bauausstellung IBA bereits wesentliche Vorarbeit geleistet worden sei.

Professor Jörn Walter denkt aber nicht nur in Architektur und Stein. „Weltweit überlegen Politiker und Stadtentwickler, wie in naher Zukunft das attraktive Lebensangebot mitten in der Stadt aussehen muss, um Fachkräfte anzulocken.“ Gerade in diesem Sinne eröffneten Olympische Spiele Hamburg Perspektiven. „Es geht um zusätzliche Lebensqualität, Gesundheit und Erholung.“ Breitensport sei längst zu einem integralen Bestandteil von Stadtentwicklung geworden, sagt der Oberbaudirektor. Olympische Spiele wiederum seien mit dem Spitzensport die Krönung des Breitensportes, die viele Menschen zum Sporttreiben animierten.

Professor Walter zeigt aus seinem Bürofenster auf den Park, der für die igs geschaffen wurde. „Es hat sich bewährt, dass wir keinen Park nur für Blumen geschaffen haben, sondern eine dauerhafte Sportanlage mit Joggingstrecke, Schwimmbad, Basketball- und Kletterhalle sowie der Möglichkeit zum Skaten.“ Jeden Tag könne er beobachten, wie diese Sportangebote angenommen würden. „Durch diese dauerhafte Nutzung erhält der Park einen besonderen Wert.“ Im Übrigen seien die Alster, der Stadt- und der Volkspark „gebaute Vorbilder“ für das, was die von Städteforschern vorausgesagte „smart und healthy City“ ausmachen könnte, fügt Walter hinzu. „Insofern hat der auf dem Kleinen Grasbrook geplante Olympia-Park Vorbilder und steht in der großen Tradition Hamburgs.“

Der Oberbaudirektor räumt ein, dass die Entwicklung des Kleinen Grasbrooks zu einem Wohnquartier auch ohne Olympische Spiele umgesetzt werden könnte. „Aber Olympia ist die größte Veranstaltung auf der Welt und setzt Kräfte frei, die normalerweise nicht gleichzeitig mobilisiert werden können, und beschleunigt Entscheidungen.“ Belege fänden sich in den vergangenen 20 Jahren viele. „Die Entscheidung, das Großraumflugzeug A380 in Hamburg zu bauen, sorgte für eine stabile wirtschaftliche Entwicklung und dafür, dass Hamburg inzwischen zu den drei bedeutendsten Luftfahrtstandorten der Welt wurde“, sagt Walter. Oder der Bau der HafenCity, der wichtigen Unternehmen wie dem „Spiegel“ und Unilever die Entscheidung leichter machte, am Standort Hamburg zu bleiben. Es sind aber nicht nur die wirtschaftlichen Aspekte einer Olympiabewerbung, die den Oberbaudirektor für das Vorhaben einnehmen. „Wir könnten zeigen, dass es möglich ist, auf dem Grasbrook einen energetisch autonomen und CO2-neutralen Stadtteil zu errichten.“ Ganz zu schweigen von neuen Mobilitätskonzepten, die hier umgesetzt werden könnten.