Barmbek-Nord

Missstände an Barmbeker Privatschule

Am Alsterring Gymnasium liegen die die Leistungen der Schüler weit unter dem Durchschnitt. Den Lehrern fehlt Qualifikation. Der türkische Prediger Fethullah Gülen wirkt im Hintergrund.

Barmbek. Auf der Bühne in der Aula stehen fünf Jungen und Mädchen der Klasse A20 und führen ihre ganz eigene Version des Märchens „Aschenputtel“ auf. „Ich bin soooo schön“, ruft der Prinz. Der Junge trägt eine Krone aus Pappe auf dem Kopf. Die gute Fee trägt ein Kopftuch. Es ist Tag der offenen Tür am Alsterring Gymnasium in Barmbek. „Wir gestalten Zukunft“, steht auf dem Flyer. Auf den Stühlen vor der Bühne zücken die Mütter und Väter der Schüler ihre Handys und filmen die Vorführung. Fast alle, Schüler und Eltern, haben eine Einwanderergeschichte. Im Gebäude gegenüber serviert der Koch das Mittagessen, alles halal, nach den Vorschriften des Islam zubereitet.

Als die Privatschule vor sechs Jahren gegründet wurde, um Schüler mit Migrationshintergrund zu fördern, gab es dafür viel Beifall. Auf den Fluren des Schulgebäudes am Wittenkamp hängen Fotos von prominenten Besuchern. Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) war schon am Alsterring Gymnasium, CDU-Bürgerschaftsfraktionschef Dietrich Wersich, Anja Hajduk von den Grünen und der SPD-Bundesabgeordnete Johannes Kahrs. Der Sozialdemokrat aus dem Bezirk Mitte engagiert sich ganz besonders für das deutsch-türkische Projekt. Er sitzt im Schulbeirat.

Kahrs habe die Schule immer zur Einhaltung von Qualitätsstandards aufgefordert. Aber er sei auch nur alle zwei Jahre dort gewesen. Da bekomme man wenig mit, sagt er. Zu wenig offenbar. Dabei gibt es erhebliche Probleme an der Privatschule. Die Leistungen vieler Schüler liegen nach Recherchen des Abendblatts weit unter dem Durchschnitt der Hamburger Gymnasien, es fehlen qualifizierte Lehrer. Auch einen fälligen Finanzbericht reichte die mit Steuergeld geförderte Schule nicht ein. Und noch etwas lastet auf der Einrichtung: Viele zählen den Trägerverein des privaten Gymnasiums, den Alsterbildungsring, zur Bewegung des umstrittenen türkischen Predigers Fethullah Gülen. Und auch das Vorstandsmitglied im Trägerverein, Talat Askin, sagt: „Die Gründungsmitglieder legen Wert auf die Ideen von Gülen.“ Askin ist Geschäftsführer der Schule.

Viele reden und schreiben im Moment über Fethullah Gülen. Manche halten seine Bewegung für eine Sekte. Das Netzwerk der Anhänger ist weltweit aktiv. Allein in Deutschland betreiben Gülen-nahe Vereine 50 Privatschulen. Der Verfassungsschutz in Baden-Württemberg prüft derzeit, ob man Einrichtungen unter Beobachtung stellen soll. Man habe festgestellt, dass Schriften, die Gülen und mehrere Einrichtungen seiner Bewegung in der Vergangenheit veröffentlichten, „inhaltlich zu einzelnen Bestandteilen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung im Widerspruch stehen“. Gleichzeitig gebe es keine ausreichenden Anhaltspunkte dafür, dass die Bewegung „gezielt Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung“ verfolge. Andere loben die Arbeit der Gülen-Bewegung und sehen in den Anhängern fromme Muslime, die sich vor allem durch Bildungszentren engagieren.

Auch in Hamburg ist das Netzwerk aktiv, fassbar ist es nicht. „Mir ist bekannt, dass Mitglieder im Trägerverein Anhänger der Gülen-Bewegung sind“, sagt der Schulleiter des Alsterring Gymnasiums, Gerd May. „Aber Gülen ist nicht unser Guru.“ Auf Unterrichtsinhalte und Schulbetrieb hätten die Lehren Gülens keinen Einfluss. Es gilt der Hamburger Lehrplan. „Wir sind keine Türken-Schule“, sagt Schulleiter May. „Wir wollen auch nicht als türkisches Gymnasium gelten.“ Auch der Träger, der Alsterbildungsring, bestreitet, dass es Anhänger von Gülen im Verein gebe.

An der Wand auf der Treppe der Schule hängt eine Fotocollage, die Kinder gebastelt haben, nachdem sie im Unterricht das Buch „Die Welle“ gelesen haben. Aus Zeitschriften haben die Kinder Bilder von Obama, Merkel und Mandela ausgeschnitten. Auch Fethullah Gülen haben sie auf die Collage geklebt. „Ist jeder Mensch schlecht?“, steht drüber. Offenbar kennen die Schüler hier am Gymnasium den türkischen Prediger.

Gesprochen wird an der Schule Deutsch. Es gibt auch keinen Islamunterricht, sondern das Fach Ethik. Vor allem Eltern aus der Mittelschicht schicken ihre Kinder auf das Privatgymnasium. Die ältesten Schüler sind in der 10. Klasse. Der Alsterbildungsring finanziert das Gymnasium durch ein Schulgeld – monatlich 200 Euro pro Schüler. Dazu kommen staatliche Zuschüsse, und laut Geschäftsführung Mitgliedsbeiträge des Trägers und Spenden. „Als Schule wollen wir Schülern individuell helfen, sodass jedes Kind bei uns Abitur macht“, sagt Geschäftsführer Askin.

Schulleiter May kam vor zwei Jahren an das Gymnasium. Vorher war der studierte Mathematiker Chef des privaten Beluga-Colleges in Bremen, das nach der Pleite der Beluga-Reederei den Betrieb einstellen musste. Er sagt: „Als ich hierher kam, musste ich lernen, dass Change Management manchmal schwieriger ist als eine Neugründung.“

Fest steht: Es läuft nicht alles rund an dem privaten Gymnasium. Beim letzten Vergleichstest Kermit schnitten viele Schüler deutlich schlechter ab als der Durchschnitt der Hamburger Gymnasiasten. Kermit steht für „Kompetenzen ermitteln“, die Tests in den Fächern Deutsch, Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften sind seit 2012 verbindlich. Fünftklässler am Alsterring Gymnasium lagen bis zu 100 Punkte unter den Leistungen Hamburger Gymnasiasten. Auch in den Klassenstufen 7, 8 und 9 waren die Ergebnisse deutlich unter dem Schnitt.

Die mangelhaften Leistungen waren der Schulbehörde offenbar lange nicht aufgefallen. Und noch etwas blieb unentdeckt. Aus internen Unterlagen – die dem Abendblatt vorliegen – geht hervor, dass bis vor Kurzem einem Großteil der Lehrkräfte die notwendigen Qualifikationen fehlten. Gerade mal sieben Lehrer hatten eine gymnasiale Lehrbefähigung vorzuweisen, davon waren in drei Fällen ausländische Abschlüsse anerkannt worden. Vier Pädagogen waren für die Grundschule und Sekundarstufe 1 ausgebildet, sechs hatten gar kein Lehramtsstudium. Damit verstieß die Schule gegen die Auflagen, um eine Privatschule zu führen.

Bereits vor zwei Jahren schlugen die Eltern intern Alarm, aber erst im Februar 2013 leitete die Schulaufsicht eine förmliche Anhörung ein. Dazwischen liegt ein Wechsel in der Schulaufsicht. Die Beamtin, die das Gymnasium überwachen sollte, ist nach Abendblatt-Informationen im Schulbeirat. Seit Sommer 2012 ist sie in Pension.

Auf Anfrage des Abendblatts heißt es jetzt: „Die Schulbehörde befindet sich in laufenden Gesprächen mit dem Schulträger, wie die Genehmigungsvoraussetzungen wieder hergestellt werden können.“ Die Schule hat erste Maßnahmen ergriffen. „Wir werden ein Kollegium haben, das die volle Qualifikation hat“, sagt Schulleiter May. Zum Monatsbeginn haben neue Lehrer am Alsterring Gymnasium ihren Dienst begonnen. Eine Rüge der Schulbehörde wurde so abgewandt. Allerdings haben zwei gut ausgebildete Kolleginnen die Schule gerade verlassen.

Und es gibt noch einen weiteren Streitpunkt. Nach der dreijährigen Anlauffrist bekommt das Privatgymnasium seit 2012 staatliche Zuschüsse – 85 Prozent der Schülerjahreskosten plus anteilige Beträge für die Wartezeit. Bislang sind nach Angaben der Schulbehörde knapp 1,1 Millionen Euro ausgezahlt worden. Die Verwendung der Mittel wird auf Basis der Jahresabschlüsse überprüft. Für das Jahr 2012 konnte das bislang nicht gemacht werden. Der Alsterbildungsring ist laut Behörde bereits mehrfach aufgefordert worden, die entsprechenden Dokumente einzureichen. Bisher ist der Schulträger der Aufforderung nicht nachgekommen.

Beim Schulträger hieß es auf Abendblatt-Anfrage, für ein Treffen mit Journalisten habe man keine Zeit. Über die schwachen Leistungen der Schüler äußert sich der Vorsitzende des Vereins nur knapp. „Wir sind eine relativ junge Schule und sind in der Aufbauphase.“