Schulen

Aufnahmeprüfungen für Hamburger Gymnasien?

Wegen der sehr hohen Anmeldezahlen denkt die CDU über Beschränkungen nach. Schulsenator Ties Rabe sieht Entwicklung gelassen.

Hamburg. Ein derart lebhaftes Echo haben die Anmeldezahlen für die fünften Klassen der weiterführenden Schulen seit Langem nicht hervorgerufen. Angesichts des deutlichen Zuwachses bei den Gymnasien gibt es nun sogar zum ersten Mal die Forderung, das freie Elternwahlrecht für die weiterführende Schule einzuschränken.

„Wenn die Entwicklung zum Gymnasium so weitergeht, müssen wir über eine Verschärfung der Zugangskriterien nachdenken, sonst siegt sich diese Schulform zu Tode“, sagt die CDU-Schulpolitikerin Karin Prien. In der Frage, ob der Wechsel auf das Gymnasium durch eine Notenschwelle oder eine Aufnahmeprüfung erschwert werden soll, will sich Prien noch nicht festlegen. Man werde eine geeignete Hürde brauchen, um den Anteil der Gymnasiasten zu begrenzen, sonst sei der Anspruch der Schulform, ein erhöhtes Leistungsniveau zu bieten, nicht einzuhalten. „Wo die Hürde liegt – ob bei 40 oder 50 Prozent eines Jahrgangs –, muss man diskutieren“, sagt Prien.

Nach einer ersten Auswertung der Schulbehörde wurden 54,8 Prozent der künftigen Fünftklässler für ein staatliches Gymnasium angemeldet – ein Allzeithoch. Dagegen sollen nach dem Willen ihrer Eltern 44,2 Prozent der Jungen und Mädchen eine Stadtteilschule besuchen. Im vergangenen Jahr hatte das Verhältnis noch 52,6 zu 46,4 Prozent betragen. Der Gesamtschülerzuwachs gegenüber dem Vorjahr – rund 600 – entfällt fast ausschließlich auf die Gymnasien, die mit 7008 Anmeldungen auch in absoluten Zahlen einen Rekordwert erreichen.

„Das Zwei-Säulen-Modell aus Stadtteilschule und Gymnasium kommt immer mehr ins Wanken. Von zwei gleichberechtigten Säulen kann immer weniger die Rede sein“, sagt Anja Bensinger-Stolze, die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die Stadtteilschulen, die die Inklusion förderbedürftiger Kinder fast allein schultern müssten, benötigten dringend mehr Personal.

In dieselbe Richtung zielt die Grünen-Schulpolitikerin Stefanie von Berg: „Das Anmeldeverhalten der Eltern zeigt, dass die Stadtteilschulen dringend gestärkt werden müssen.“ In der Wahrnehmung vieler Eltern überwögen offensichtlich die Probleme, obwohl es gute und erfolgreiche Stadtteilschulen gebe. Die Grünen schlagen die Einrichtung eines Inklusionsfonds in Höhe von 15 Millionen Euro vor, aus dem mehr Personal für die besonders betroffenen Schulen finanziert werden soll.

Kritik an Schulsenator Rabe

Die FDP-Schulpolitikerin Anna von Treuenfels zielt auf Schulsenator Ties Rabe (SPD). „Seine Politik hinterlässt einen schweren Flurschaden: Weil die Stadtteilschulen mit zu wenig Mitteln und zu großen Aufgaben vor allem in der Inklusion alleingelassen werden, verlieren sie für Eltern deutlich an Attraktivität.“ Es drohe an Gymnasien eine „Überbelegung“, die der Schulform mittel- und langfristig schaden könne.

„Die Hamburger Eltern stimmen mit den Füßen gegen die Einheitsschule ab, die Senator Rabe inzwischen aus der Idee der Stadtteilschule gemacht hat“, sagt Walter Scheuerl, Primarschulverhinderer und parteiloses Mitglied der CDU-Fraktion. Scheuerl kritisiert die starke Orientierung der Stadtteilschulen zum Abitur hin. „Hauptaufgabe dieser Schulform ist es auch heute noch, gute Haupt- und Realschulabschlüsse zu vermitteln“, sagt Scheuerl. „Das anschließende Abitur ist eine schöne Ergänzung, wenn es klappt.“ Auf die stark nachgefragten Gymnasien kämen neben Raumproblemen „auch die Leistungsprobleme der Schüler zu, die für die Schulform angemeldet wurden, ohne in den Grundschulen mit dem erforderlichen gesicherten Basiswissen ausgestattet worden zu sein“.

Ganz anders fiel die Reaktion von Schulsenator Rabe aus. Die Verschiebung um ein paar Prozentpunkte bei den Anmeldungen sehe er „nicht als großes Problem“ an. „Man muss abwarten, ob ein Trend daraus wird oder nicht.“ Offensichtlich tue der Schulfrieden den Gymnasien sehr gut, die in den vergangenen Jahren in Ruhe arbeiten konnten. „Es gibt Vertrauen in diese Schulform, das sie sich durch Beständigkeit erworben hat“, so Rabe.

Mit Blick auf die Stadtteilschulen sagt Rabe: „Hamburg ist zu ungeduldig.“ Jede Reformschule brauche Zeit, bis sie sich etabliert habe. „Man muss nicht gleich den Untergang herbeireden.“ Besorgt zeigte sich Rabe darüber, dass mit Walter Scheuerl ein Mitglied der CDU-Fraktion die „CDU-Idee der Stadtteilschule nicht mehr haben will“. Den Vorstoß von Karin Prien, das Elternwahlrecht einzuschränken, lehnt der Schulsenator ab. „Wir setzen auf bessere Beratung der Eltern“, so Rabe.

„Es wird immer deutlicher: Das Zwei-Säulen-Modell aus Gymnasien und Stadtteilschulen ist gescheitert“, sagt Linken-Fraktionschefin Dora Heyenn. Die Stadtteilschulen konnten nicht zu einer gleichwertigen Schulform werden, weil sie allein die Nachteile des Modells tragen müssten.

Zur Wahrheit gehört, dass 2013 am Ende von Klasse sechs allein 826 Kinder auf die Stadtteilschule wechseln mussten, weil sie den Anforderungen auf dem Gymnasium nicht gewachsen waren. „Darunter sind Kinder, die mir leidtun“, sagt Helga Wendland, Leiterin der Ida-Ehre-Stadtteilschule, die eine eigene siebte Klasse für die Wechsler einrichtet. „Die Kinder erleben das als Enttäuschung, sie verlieren vor allem ihre alte Klasse“, sagt Wendland. Ihre Schule helfe gezielt dabei, dass die Schüler im neuen Verband zusammenwüchsen. „Ich wünsche mir aber sehr, dass Eltern mehr dem Rat der Experten folgen, die eben manchmal von Beginn an die Stadtteilschule als richtige Wahl empfehlen“, sagt Wendland.