Der rote Faden

Meike Winnemuth ist die Frau fürs Wesentliche

Autorin Meike Winnemuth trennt sich nach und nach von Besitz, um den Blick zu schärfen für die wichtigen Dinge des Lebens. Das ist nicht nur Stoff für ihre Geschichten, sondern auch eine Reise zu sich selbst.

Ein Raum zum Schreiben, Kochen, Essen, Schlafen. Die neue Welt der Meike Winnemuth ist übersichtlich, 40 Quadratmeter St. Georg. Ihre geräumige Altbauwohnung am Hansaplatz hat die Journalistin und Bestseller-Autorin vermietet, „mit jedem Buch und jeder Gabel. Tür zu und tschüs.“ Lebensraum reduziert, Tisch, Bett, Regal, Stühle gebraucht zusammengekauft. Alte dänische Möbel, unspektakulär, praktisch, gemütlich. „Design-Klassiker der 60er-Jahre. Das Jahrzehnt, in dem ich geboren bin. Das bin gerade sehr ich.“

Foxterrier Fiete, acht Monate jung und ihr Mitbewohner seit Sommer, knurrt wohlig. Auf dem Sofa liegen selbst gestickte Kissen nach englischen Motivvorlagen. „Derzeit sticke ich eine Londoner Stadtansicht für eine Freundin. Das ist wie Malen nach Zahlen, es beruhigt.“

Groß ist sie, schlank, blond und lebhaft, Meike Winnemuth strahlt freundliche Zugewandtheit aus, Zufriedenheit, gern auch kicherigen Mädchencharme. Sieht aus, als hätte sie die Baustelle, die Leben heißt, gerade ganz gut im Griff. Im Oktober 2010 gewann sie bei Günther Jauch 500.000 Euro. Ging danach auf Weltreise und lebte zwölf Monate lang je vier Wochen in einer anderen Stadt – unter großer Anteilnahme der Leser ihres Webblogs und später ihres Buches „Das große Los“, das bis heute auf der „Spiegel“-Bestsellerliste steht. Dabei war sie schon im Frühjahr 2010 von der Überholspur abgebogen, hatte ihren Job als stellvertretende Chefredakteurin von „Cosmopolitan“ nach wenigen Monaten gekündigt, um beim Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ zu arbeiten – nur noch zwei Wochen im Monat.

Wieder einer ihrer Selbstversuche? Die sind nämlich eine Spezialität von Meike Winnemuth. „Ich muss mich selber in eine Situation begeben, um aus ihr heraus anders zu schreiben als nur vom Erzähltbekommen oder Von-außen-Beobachten.“ Dafür gab sie sich schon mal als Millionärin aus, die einen Mann sucht, oder als Operationsfeld für gestaltungsfreudige Schönheitschirurgen. Lief einen New-York-Marathon mit. Lebte einen Monat lang von Hartz IV. Für einen ihrer Texte testet sie einen Callboy, „ich hab mit ihm geschlafen, der war nicht mal besonders gut“. Für einen anderen besuchte sie mit ihrem heutigen Ex-Partner einen Swingerclub. „Ich will es wissen. Die Neugier hört erst auf, wenn ich es durchexerziert habe. Ich will alles mindestens einmal probiert haben, das gilt fürs Essen wie fürs Leben. Und vieles muss man zweimal machen, um sicher zu sein.“

Einsatz, der nicht nur Fakten bringt, sondern auch Selbstkenntnis: „Was passiert da mit mir? Was bringt mich zum Glühen, was langweilt?“ Einmal Leben bitte, schnell, pur, stark.

Woher diese Neugier stammt? Vielleicht aus Neumünster, wo sie, Jahrgang 1960, als Tochter eines Kaufmann-Ehepaars aufwuchs, das etliche Edeka-Märkte betreibt. Da geht es eher um Einnahmen und Ausgaben, um Soll und Haben. Sie hilft im Laden aus, „ich kann 500 Gramm Käse ziemlich genau abschneiden“, lacht sie. Neumünster. „Das Erste, was wir taten, als wir geschlechtsreif wurden, war, uns einen Freund mit Führerschein zu suchen, der uns nach Hamburg kutschieren konnte am Samstagabend.“

Sie studiert Germanistik und Anglistik, in Göttingen, Exeter und Hamburg. Besucht die Henri-Nannen-Journalistenschule. „Ins Schreiben bin ich spät reingestolpert: Ich hatte beim Radio angefangen, mein erster Job nach der Journalistenschule war Talkshow-Redakteurin beim RTL Fernsehen. Seither weiß ich, dass ich viel glücklicher bin, wenn ich ohne großen Apparat arbeiten kann. Allein mit meinem Block kann ich die Welt besser beobachten.“

Es macht ihr Spaß, „aus denselben 26 Buchstaben immer wieder was Neues zu machen. Anderen Vergnügen zu bereiten. Oder Anregungen zu geben.“ Sie reüssiert rasch mit ihrer Schreibe. „Meiner Beobachtung nach wird honoriert, dass ich ziemlich unbefangen und von der Leber weg schreibe, oft auch sehr persönlich. Ich glaube, dass man sich als Journalist preisgeben muss, um Vertrauen zu gewinnen. Die Leute fragen sich: Wer versucht mir da was zu erzählen? Warum sollte ich dem zuhören?“ Bei erfolgreichen Schreibern habe man darauf eine Antwort.

„Journalistin zu sein hat mir viele neue Türen aufgemacht – ach was: große Portale. Da hat sich die Welt geöffnet, ein Meer der Möglichkeiten.“ Sie gilt bald als kesse „Edelfeder“, wird Ressortleiterin beim „Stern“, stellvertretende Chefredakteurin bei „Park Avenue“. Heute sagt sie über die Aufsteigerin von damals: „Meine Ideen von einem gelungenen Leben waren viel systemkonformer, ich fand’s cool, Summe X zu verdienen und mir eine scheißteure Designer-Handtasche zu kaufen und die Insignien des Erfolges mit mir herumzuschleppen, Jil-Sander-Mantel oder so. Ich hab noch eine Handtasche von Burberry, das war auch ich. Die werd ich immer behalten – als Erinnerung an meinen Konsumwahnsinn. Irgendwann habe ich kapiert, dass der nur aufhält und beschwert. Mit Mitte 40 hat das dann nachgelassen.“

Altersweisheit? „Man hat eben nicht mehr so viel Zeit und merkt deutlicher, was fehlt. Ein Loch, das man durch Shoppingtouren nicht füllen kann. Man fragt sich: Was will ich? Und nicht mehr: Was soll ich wollen?“

Vor ein paar Jahren, als sie zu Tode verzweifelt war, kauft sie sich einen Ring, auf dem steht: „This too will pass“, auch dies geht vorbei. In dieser Zeit entdeckt sie: „Ich entwickle mich weiter. Gerade in Brüchen und Veränderungen. Was ich total geliebt habe, passt plötzlich nicht mehr. Was vor zehn Jahren richtig war, ist heute falsch. Man muss sich auch von Entscheidungen trennen.“ Das heißt jedes Mal: Aufbruch ins Neue, ins Unbekannte.

Ihre Selbstversuche ändern die Richtung. Zum ersten Mal vielleicht in dem Monat mit Hartz-IV-Budget, später mit dem Projekt „Das kleine Blaue“ – ein Jahr lang trägt sie immer das gleiche einfache blaue Kleid. Sie hat es sich dreimal schneidern lassen. Beobachtet die Reaktionen ihrer Umgebung und ihre eigenen. Berichtet darüber im Internet. Seither hat sie einen deutlich kleineren Kleiderschrank. Sie fragt sich angesichts der Menge der Dinge, die sich in ihrem Leben angesammelt haben: „Was benutze ich, was habe ich nur?“ Und verabschiedet sich in diesem Jahr täglich von einem Gegenstand.

„Reduktion erleichtert, macht schwerelos und wieder andere Dinge möglich. Ich will herausfinden, was mir reicht, was mir genügt. Da wird sich noch etliches weiter verkleinern. Man wird genauer dadurch.“ So wie ihr Blick durch die Weltreise. „Es war ja auch eine Reise zu mir selbst, man beschäftigt sich unverhältnismäßig viel mit sich selbst. Und man hält’s ganz gut mit sich aus, weil man immer wieder überrascht wird von sich selber.“ Überall auf der Durchreise zu sein bringt die Frage auf: Wo möchte ich wirklich dazugehören? Sie findet überraschende Antworten.

Im „Raum der Stille“ der Bahnhofsmission im Hamburger Hauptbahnhof hat sie sich eine Zeit lang engagiert, zwei Stunden in der Woche. Nichts, worüber sie groß reden würde. „Aber ich habe da schon tolle Leute getroffen, Kollegen oder Kundschaft. Das bereichert mein Leben.“

Und dann ist da noch Fiete, der mit ihr seit dem 1. Januar auf Reisen ist. Nicht in die große weite Welt, sondern in das unbekannte Land, das Deutschland heißt. Nicht in die Metropolen, sondern zu Orten wie Trier, Spiekeroog, Bielefeld, Alsfeld, Stralsund, Bochum. Und Neumünster – Spurensuche, Wiederentdecken mit dem Blick von außen. Das Ganze wieder mit eigenem Blog (www.zurueckauflos.com) und engem Kontakt zu ihren Fans, mit dem Vorschuss für ein neues Buch. Und mit der Bereitschaft, kleine, überraschende Aufträge ihrer Leser anzunehmen.

Ihre Kolumnen (für „Stern“ und „Dogs“) wird sie von unterwegs schreiben, auch ihre Serie für „Architektur & Wohnen“, wo sie anhand der Fotos von Wohnungen auf deren Bewohner schließt und ihre Urteile dann im Interview überprüft. Schreiben ist die Konstante in ihrem Leben. Aber ihr einträglicher Selbstversuch bei Jauch hat auch da etwas verändert: „Dass ich nur noch das schreibe, was mir Spaß macht.“

Sie hat erlebt, dass man sich vieles nur traut vor dem Hintergrund finanzieller Sicherheit; ein Busfahrer hätte es sicher schwerer. „Ich habe aber nach meiner Reise gemerkt, dass es auch ohne den Gewinn gegangen wäre. Der hat mir nur die Ausreden genommen. Jetzt mache ich die Dinge, die ich machen möchte, und überlege, wie ich es refinanziere.“ Und dann kommt noch einer dieser goldenen Sätze, für die ihre Leser sie lieben: „Es passieren ja die wunderbarsten Dinge, wenn man sie nur lässt.“

Der rote Faden zieht sich durch die Stadt: Er verbindet Menschen, die einander schätzen, bewundern, überraschend finden. Sie entscheiden, an wen sie ihn weiterreichen: an andere, die hier arbeiten, Besonderes für die Stadt leisten, als Vorbild gelten. Meike Winnemuth bekam den Faden von Benedikt Holtappels und gibt ihn an Isolde Werner weiter