Schulpolitik

Ein Millionenpaket für Hamburgs Brennpunkt-Schulen

Schulsenator Ties Rabe präsentiert am Freitag ein Programm, das helfen soll, die Chancen sozial benachteiligter Schülers zu verbessern. Die angedachten Kosten: bis zu zehn Millionen Euro.

Hamburg. Mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen will der Hamburger Senat Schulen in sozialen Brennpunkten unter die Arme greifen. Viele Schüler hätten große Lernrückstände, sagte Schulsenator Ties Rabe (SPD) bei der Vorstellung des Programms am Freitag. "Wir wollen ihnen bessere Chancen eröffnen und deshalb 15 bis 20 Schulen mit sozial besonders benachteiligter Schülerschaft gezielt fördern." Welche Schulen das sein werden, steht noch nicht fest. Rabe deutete aber an, dass sie überwiegend in benachteiligten Gegenden wie Wilhelmsburg, Billstedt oder St. Pauli zu finden sein werden. Etwa zehn der ausgewählten Schulen werden Grundschulen sein, die anderen vermutlich Stadtteilschulen.

Unter anderem soll allen ersten, fünften und sechsten Klassen an den betroffenen Schulen jeweils sechs zusätzliche Stunden pro Woche für pädagogische Arbeit zugewiesen werden. Außerdem soll jede Schule eine halbe bis eine Stelle erhalten, um pädagogische Konzepte zu entwickeln - denn Rabe vertritt die Auffassung, dass viele Probleme gar nicht mehr Personal verlangen, sondern nur bessere Konzepte. "Wir wissen, dass eine gut organisierte und perfekt auf die Schüler abgestimmte Schule Wunder bewirken kann", sagte der Senator. Seine Behörde hatte sich zuvor mit Schulleitungen sowie mit Experten aus den anderen Stadtstaaten Bremen und Berlin beraten.

Für Kinder mit erheblichen Lernrückständen soll die Möglichkeit geschaffen werden, innerhalb der Klassen eins bis sechs ein Jahr dranzuhängen. Wer das entscheiden werde und wie das zusätzliche Jahr organisiert werde - etwa durch jahrgangsübergreifendes Lernen oder eine Ausdehnung der Eingangsstufe an Grundschulen von zwei auf drei Jahre -, seien "spannende Fragen", die noch zu klären seien, so Rabe.

Ferner sollen die Schulen die zugewiesenen Förderungen, etwa durch Sozialpädagogen, flexibler einsetzen können; Eltern, Schüler und Vereine sollen stärker in die Verantwortung für die Schule eingebunden werden; und an zehn Grundschulen soll es ein "pädagogisches Frühstück" geben. Dieses werde der Verein "Brotzeit" anbieten, der unter anderem von der Schauspielerin Uschi Glas unterstützt wird.

Rabe betonte, dass das Programm noch nicht fertig ausgearbeitet sei. Vor den Sommerferien solle aber Klarheit herrschen, damit die Maßnahmen zum Schuljahr 2013/2014 einsetzen können. Das Programm ist auf vier Jahre angelegt, in denen dafür insgesamt acht bis zehn Millionen Euro aufgewendet werden. Das Geld erbringt die Schulbehörde durch Umschichtungen in ihrem Etat. Doch auch Schulen aus sozial besser gestellten Regionen - sogenannte Kess-3- bis Kess-6-Gebiete - sind aufgefordert, einen "Solidaritätsbeitrag" zu erbringen. Erwogen wird, dass sie 0,3 Prozent ihrer Personalressourcen an die benachteiligten Schulen abgeben. So sollen 30 bis 40 Lehrerstellen umgeschichtet werden.

Die Schulbehörde reagiert damit vor allem auf einen "Brandbrief" Wilhelmsburger Schulleiter. Im Dezember hatten sie von unhaltbaren Zuständen berichtet. Unter anderem würden mehr als 50 Prozent der Drittklässler nur Erstklässler-Niveau erreichen, an den Stadteilschulen würden 50 bis 70 Prozent der Schüler Lernrückstände von bis zu zwei Jahren aufweisen, und an den Gymnasien würden die wenigen guten Schüler die Elbinsel fluchtartig verlassen. Rabe nahm das zwar zum Anlass für das neue Programm, entgegnete aber auch, dass die zwölf Wilhelmsburger Schulen seit 2011 rund 15 Prozent mehr Personal (78 Stellen) erhalten hätten. Außerdem werde mit dem Bildungszentrum "Tor zur Welt" gerade "Hamburgs schönste und teuerste Schule" gebaut.

Die Opposition kritisierte die Maßnahmen. Anna von Treuenfels (FDP) sprach von einem "weitgehend beliebigen Katalog an Ideen", deren Umfang und Finanzierung nicht klar seien. "Und in Teilen greift Rabe auf Konzepte zurück, die in Berlin gerade gescheitert sind: Dort hat man sich vom jahrgangsübergreifenden in problembelasteten Schulen gerade wieder verabschiedet." Offenbar wolle der Schulsenator Rabe mit der Ankündigung nur seine Ratlosigkeit angesichts der Überforderung vieler Schulen überdecken.

Walter Scheuerl, Sprecher des Elternnetzwerks "Wir wollen lernen" und Mitglied der CDU-Bürgerschaftsfraktion, warf Rabe vor, die Probleme der Stadtteilschulen vor sich her zu schieben. "Die Schulleitungen der Schulen von der Elbinsel müssen sich im wahrsten Sinne des Wortes verschaukelt und hingehalten vorkommen."