Leitartikel - immer nur mit Hut

| Lesedauer: 7 Minuten
Hans-Juergen Fink

Redaktion. Die Journalisten arbeiteten mit Bleistift-Verlängerern und Miet-Schreibmaschinen.

"Hast du schon Vorschuss geholt? Vorschuss ist das Wichtigste. Erstens können die dich nicht rauswerfen, wenn du tief in der Kreide stehst, und zweitens dürfen sie nie auf den Gedanken kommen, dass du genug verdienst." Mit diesen lehrreichen Worten begrüßt Lokalreporter Guschi Döring jeden, der beim Abendblatt neu ist. Eingestellt wird per Handschlag; richtige Verträge müssen erstmal warten. Aber gezahlt wird gut: 200, 300 Mark pro Monat - schon 1948! Und kleine Aufmerksamkeiten zum Geburtstag oder zu Weihnachten. Axel Springer weiß, wie man Mitarbeiter bei Laune hält. Draußen heißt es: Wer bei Springer arbeitet, der hat Kredit. Es war eine Truppe gestandener Schreiber und Blattmacher, die er sich für sein Hamburger Abendblatt zusammenholte: Im Kern Mitarbeiter des "Hamburger Fremdenblattes", das nach dem Krieg nicht mehr erscheinen durfte, weil es als gleichgeschaltete Zeitung den Briten als "belastet" galt. Dazu kamen Berliner Top-Journalisten und Mitarbeiter wie sein journalistischer Lehrer, und späterer Abendblatt-Kulturchef Walther Hansemann, die Springer noch von den 1941 eingestellten "Altonaer Nachrichten" kannte, die sein Vater verlegt hatte. Wilhelm Schulze, genannt "Schulze-Tokio" (weil er einige Jahre als Korrespondent in Japan gearbeitet hatte), wurde Chefredakteur - ein Vollblutjournalist, den kleinste Unachtsamkeiten zur Raserei bringen konnten. Die Ruhe selbst war dagegen sein Stellvertreter Otto Siemer, der ihm vier Jahre später auf den Chefsessel folgte. Das junge Abendblatt hatte schon Korrespondenten: in London, Paris, Bonn, Frankfurt, Berlin und in Lüneburg. Die Nachrichten tickerten oben unterm Dach auf schmalen, endlosen Papierstreifen aus den Hell-Schreibern der Agenturen und wurden von jungen Damen mit flinken Fingern ebenso endlos abgeschrieben. Deren Nachbarinnen waren die Fotolaborantinnen, die im heißen Sommer schon mal im Badeanzug Filme entwickelten, weil die Hitze kaum anders erträglich war. Die Redaktionsräume im Volksfürsorge-Hinterhaus, damals Block III genannt, waren bescheiden ausgestattet: weiße, kahle Wände, nur das Nötigste darin. Sportredakteur Carl Friedrich Mossdorf weiß noch heute: "Wir hatten nur einen Stuhl, den zweiten mussten wir erst mal organisieren. Und meine Reiseschreibmaschine habe ich mit in die Redaktion gebracht." Schreibmaschinen waren nämlich Mangelware, selbst wenn man die mitgebrachten einrechnete. Deshalb wurden welche dazu gemietet - pro Tag für stolze drei D-Mark. Um Kosten zu sparen, mussten sie aber nach Redaktionsschluss der Sonnabendausgabe zurückgebracht und am Montag früh wieder abgeholt werden. Knapp war eigentlich alles, Bleistiftverlängerer sorgten dafür, dass auch der letzte Stummel bis zu Ende aufgebraucht wurde. "Wir hatten schlichte Holzplattentische und suchten stets nach Brennbarem für die Öfen. Nur drei Dinge waren wichtig", erinnert sich Peter Tamm, damals freier Mitarbeiter für den Bereich Schifffahrt: "Themen, Schreibpapier und ein dicker Wintermantel als Arbeitskittel." Reichlich gabs nur Lesematerial: Immerhin 35 deutsche und sechs ausländische Zeitungen sowie 22 deutsche und zwölf ausländische Zeitschriften sorgten neben den Agenturen für neue Informationen. Los gings morgens um 6 Uhr, in der Setzerei mit Manuskripten vom Vorabend, mit aktuellen Funkmeldungen unterm Dach, auf dem die Hochantenne stand, und mit den Nachrichtenstenographen, die telefonisch Meldungen aus Rom oder Washington aufnahmen. Jede Minute war teuer. Der Nachrichtenchef hatte deswegen eine Stoppuhr auf dem Schreibtisch. Ab 6.30 Uhr kommen die ersten Redakteure. Boten spurten über die Gänge, verteilen Zeitungen und Meldungen. Der Verleger fährt in seinem Opel P4, Baujahr 1936, auf den Hof der Volksfürsorge. Zupft aus dem Blumenstrauß am Empfang eine Nelke fürs Knopfloch seines eleganten Anzugs. Alle erinnern sich noch heute gern an ihren obersten Chef: "Er hatte ein freundliches Wort und ein bisschen Zeit für jeden. Er war bei den Weihnachtsfeiern dabei und gehörte richtig zu uns." In Konferenzen und Konflikten vertritt er hartnäckig seine Zeitungsidee: "Wozu einander das Leben schwer machen? Sprecht doch vernünftig miteinander! Seid nett zueinander." Seine Redakteure fordert er auf: "Machen Sie die beste Lokalzeitung, die es in Deutschland gibt. Und wenn das nicht reicht: Machen Sie die beste Lokalzeitung der Welt!" Um 7.30 Uhr ist Konferenz beim Chefredakteur. Da qualmen Köpfe und jede Menge Zigaretten (die ein Händler verkauft hat, der durch die Redaktion geht). Themen werden diskutiert, das übliche Gerangel um den besten Platz im Blatt, Reporter jagen los. Bald schon im VW-Käfer. Deren Abendblatt-Grün gibt man auf, weil die Leute bald wissen: "Das sind die Abendblatt-Reporter", was die harten Recherchen nicht leichter macht. Gegen 10 Uhr geht es hoch her in der Setzerei im dritten Stock, um 11 Uhr werden die letzten Seiten umbrochen, wird aus dem Bleisatz das Bild der Seiten geformt. Redakteure stehen nebendran, letzte Änderungen und Kürzungen werden Hand in Hand mit den Setzern eingearbeitet. 12 Uhr: Die Seite 1 muss fertig werden. Sekunden zählen, Chefredakteur und Verleger schauen auf die Uhr. Mit dem Kalander wird die Mater, ein Pappnegativ der fertigen Seite, geprägt. Der Expressbote wartet schon. Dann der Ruf: "Mater" - die Türen fliegen auf, der Bote rast zum Auto und zur Druckerei Broschek in den Großen Bleichen. 14 Minuten Zeit bleibt, die Mater mit Blei auszugießen und die Druckform auf die Rotation zu bringen. Um halb eins beginnen sich die Walzen der gewaltigen Maschine zu drehen, und wenig später wird die Schlagzeile der ersten Exemplare am Jungfernstieg ausgerufen. Und bald düsen Schuljungen, das Fahrrad voll gepackt mit frischen Zeitungen, zu den Abonnenten. Atempause für die Redaktion und Technik. Schnell was essen, kurz in die Sonne setzen an der Alster, und weiter gehts mit der Arbeit an der nächsten Ausgabe. Es ist eine Zeit des Aufbaus, jeder muss hart arbeiten, aber es wird auch ordentlich gefeiert, der Verleger ist immer dabei. Auch sonst war das Abendblatt eine große Familie. "Die Geschenke von Anzeigenkunden kamen in einen großen Topf und wurden verteilt", erinnert sich Edita Rente, damals Nachrichtendienst. "Mein Mann und ich hatten daher unsere ganze Aussteuer." Dass einer von zwei verfeindete Redaktionsboten dem anderen mal die Mater einer Politik-Seite in die Hand drückte, bei der der Tag stimmte, die aber ein Jahr alt war, wurde erst gemerkt, als 100 000 Abendblätter gedruckt waren. Es beschwerten sich ganze zehn Leser - aber nur über das falsche Datum im Seitenkopf.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg