Eine Zeitung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt

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Hans-Juergen Fink

Konzept. Was Axel Springers Hamburger Abendblatt alles anders machte - mit großem Erfolg.

Im Hinterhaus der Volksfürsorge feierten die Gäste, feierten die erste Ausgabe der neuen Tageszeitung so ausgiebig, dass es verlagsintern über die Kosten, etwa 10 000 Mark, zum ersten heftigen Streit kam. Doch der junge Verleger Axel Springer zahlte gern und war guter Dinge. Für sein Hamburger Abendblatt sah er eine große Zukunft voraus. Und er wusste genau, warum. Jahrelang hatte er mit Walther Hansemann, dem späteren Abendbatt-Kulturchef, seine Zeitungsrevolution geplant und an seiner Vision gebastelt, Themen gesucht, Muster geschrieben, Seiten gestaltet und geklebt. Deshalb konnte er sein Konzept am ersten Abendblatt-Tag gegenüber Hermann Rockmann vom Nordwestdeutschen Rundfunk auf den Punkt bringen: "Eine Zeitung mit Herz, eine Zeitung, die den Menschen in den Mittelpunkt ihrer ganzen Betrachtungen stellt. Wir suchen die vernünftigen Stimmen, ob sie von links, von rechts oder aus der Mitte kommen. Wir hassen die Langeweile, wir versuchen eine Zeitung zu machen, die kurz formuliert, die von der ersten bis zur letzten Zeile interessant ist und vielleicht auch besonders die Frau interessieren wird." Was bewegt unsere Leser, wenn sie müde von der Arbeit nach Hause kommen? Das fragt Springer seine Redakteure unermüdlich. Die Antwort gab er gleich selbst: Sie wollen lesen, was in ihrer Umgebung passiert. Alles, was für diese Stadt und das Leben hier wichtig ist. "Und wir wollen den Lesern wohl tun." Solche Zeitungen hatten die Hamburger lange nicht mehr gehabt. Die Presse der Hitler-Zeit war gleichgeschaltet; die Tageszeitungen, die nach dem Krieg von den Briten zugelassen wurden, vertraten die Meinungen der Parteien, die Grundlage der neuen Demokratie werden sollten. Papierkontingente und Auflagen wurden anfangs nach den vermuteten Wählerpotenzialen zugeteilt. Anfang 1948 gab es das "Hamburger Echo" (SPD) mit 230 000 Exemplaren, die "Hamburger Allgemeine" (CDU) mit 138 000, die "Freie Presse" (FDP) mit 95 000 und die "Volkszeitung" (KPD) mit 42 000. Dazu kamen in Hamburg 80 000 Exemplare der von den Briten kontrollierten Tageszeitung "Die Welt". Jede Nachricht wurde nach Parteilinie oder nach britischem Interesse bewertet und kommentiert. Politik hatte Vorfahrt beim Schreiben, das unmittelbare Lebensumfeld der Menschen musste weit zurücktreten. Trotzdem wurde Zeitung gelesen. Nach dem Krieg und Untergang des Nationalsozialismus suchten die Menschen neue Orientierung und lasen, was immer sie in die Finger bekamen. Aber nicht jeder, der zehn Zeitungen kaufte, gab sie interessierten Nachbarn weiter. Vielleicht wollte er nur tapezieren, Fenster abdichten, verpacken oder heizen. "Axel, jetzt kannst du deine Zeitung machen", sagte Bürgermeister Max Brauer, als er Springer im Juli 1948 die Lizenz ankündigte für die erste deutsche Zeitung, die nicht mehr die Siegermächte zugelassen haben. Am Abendblatt war vieles anders, das zeigte schon die erste Ausgabe. Nicht nur das "unabhängig - überparteilich" und das Motto "Mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen" rund um das mittelalterliche Stadtsiegel. Auch das "Menschlich gesehen", das Porträt eines Mitbürgers, hat bis heute Bestand. Neben politischen Nachrichten aus Hamburg und der Welt beschäftigte man sich auf dem Fuß der Seite 1 augenzwinkernd mit einer besonderen bayerischen Kultur, der noch nicht mal die GIs entkommen konnten. Weiter hinten gab es Leserbriefe, eine Liebeserklärung an Hamburg, Kürzest-Meldung aus der "Bunten Welt", "Das geht nicht gut, Manuela" - den Fortsetzungsroman Walther von Hollanders. Und die letzte Seite brachte die Serie "Hitler, Himmler und die Sterne", aus den Tagebüchern eines Hamburger Astrologen, und viele Fotos. Das Abendblatt drängte in einen dicht besetzten Markt. Am Anfang ziemlich laut. So laut, dass die eigene Anzeigenabteilung warnte, es könne als Boulevardblatt oder Sensationspresse missverstanden werden. Das gab sich mit rasch wachsender Abonnentenzahl. "Sie werden bestätigen", schrieb Springer einem Leser im Februar 1949, "dass das Abendblatt in der Gestaltung und im Inhalt ruhiger geworden ist und auf die Erfordernisse des Straßenverkaufs weniger Rücksicht nimmt, als dies in den ersten Tagen der Fall sein musste." Einem Kritiker legte er im März 1949 seine Linie dar: "Wir wollen", schrieb er in einem Brief, den das Unternehmensarchiv aufbewahrt, "etwas Anständiges machen. Etwas, was Freude macht, was hilft, was das Leben etwas schöner für hunderttausend Leser macht. Und das ist mit einer so lebendigen Zeitung zu machen! Man muss nur genug Verstand, Wirklichkeitsnähe und Herz haben! Interessanter als jeder Mordprozess ist jede Nachricht, jeder Artikel, der mit dem echten Leben Kontakt bringt. Man muss nur natürlich sein. Das Indirekte tötet uns alle. Leider werden die meisten Zeitungen von erstarrten Artisten gemacht." Um sein Ziel zu erreichen, "kam er anfangs täglich, später regelmäßig montags in die Konferenz und zog aus allen Anzugtaschen kleine Zettel. Darauf stand, was ihm gefallen hat und was nicht. Er ging mit seiner Kritik bis in kleinste Details", erinnert sich Peter Tamm, der als Schifffahrtsjournalist 1948 beim Abendblatt anfing und später Verlagschef wurde. "Seine Frage war immer wieder: Was interessiert die Leser daran wirklich? Und haben wir das geschrieben?" Die schnell steigende Nachfrage bewies: Bei den Lesern zog das neue Konzept. Nur eines war nicht neu: der Name. Vier Hamburger Zeitungen hatten zuvor das "Abendblatt" im Titel, darunter auch ein "Hamburger Abendblatt", das am 2. Mai 1820 gegründet worden war. 92 Jahre danach war ein 2. Mai der Geburtstag von Axel Springer, der später das zweite "Hamburger Abendblatt" gründete.

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